Auf den Spuren von Auswanderern

«Du musst zwölf Jahre rechnen, bis du dich hier zurechtfindest», lautete der gut gemeinte Ratschlag, den Hans Storandt ihm gab: Roland Reischl blieb allerdings nur ein Jahr in Santiago, wo er als Redakteur beim «Cóndor» arbeitete. Doch wie so viele andere vor ihm ließ ihn das Land nicht los.

 

Zwölf Jahre nach seiner Rückkehr erschien in seinem kleinen Verlag in Köln das Buch von Daniel Lenski über die Spaltung der Evangelisch-Lutherischen Kirche (der Cóndor berichtete). Und nun reüssiert der Journalist mit dem Tagebuch seiner Reise, die ihn im Jahre 1999 per Bahn, Containerschiff und Bus in 26 Tagen von Köln über Bremerhaven und Buenos Aires bis nach Santiago geführt hatte.

Wer früher nach Amerika wollte, musste den Seeweg nehmen. Was haben die Auswanderer und andere Atlantikfahrer auf dem Schiff erlebt und empfunden? Und was geht in einem selbst vor, wenn man ihren Spuren folgt? Der Autor machte die Probe aufs Exempel, buchte eine Passage auf dem Containerschiff «Pasteur» der Hamburg-Süd-Reederei und nahm als Lektüre die Berichte von Auswanderern und anderen Atlantikfahrern mit an Bord.

Herausgekommen ist ein mit 75 Schwarz-Weiß-Fotos bebildertes Büchlein, das die eigenen Eindrücke mit Passagen kombiniert, die uns zum Beispiel Alexander von Humboldt, Thomas Mann und natürlich Carl Anwandter von ihren Überfahrten überliefert haben. So zitiert der Autor die Klage von Anwandter über die Zustände auf dem Zwischendeck des Segelschiffes «Hermann» im Jahre 1850, wo man «entweder zu ersaufen oder zu ersticken» drohte. Der Autor stellt derlei Ausführungen dem Komfort gegenüber, den er selbst 150 Jahre später in der überaus geräumigen und luxuriös eingerichteten Kabine auf der «Pasteur» in Anspruch nehmen konnte.

Beschrieben wird auch die Ankunft in Buenos Aires. Hier fühlte sich Reischl, als er nach drei Wochen auf See an Land gegangen war und sein Gepäck in das winzige fensterlose Zimmer eines Hotels an der Lavalle bugsiert hatte, erst einmal «vom Kopf auf die Füße gefallen», wie es James Joyce in einer Erzählung aus den «Dubliners» formuliert hatte.

Als der Neuankömmling am nächsten Morgen feststellen muss, dass vom Retiro-Bahnhof keine Züge mehr nach Chile fahren, tröstet ihn in Hafennähe ein Denkmal für die Heilige Francisca Javier Cabrini, die Patronin der Auswanderer. Paradox schließlich die Fahrt, die Reischl im modernen Reisebus durch die Pampa führt: Aufgrund der nachmittäglichen Abfahrt aus Buenos Aires bekommt er kein einziges der weltberühmten Rinder zu Gesicht.

Am 26. Reisetag nach 20-stündiger Busfahrt schließlich in Santiago angekommen, vertritt sich der Autor erst einmal die Beine – und staunt nicht schlecht, als er in der Mac-Iver-Straße das «Café Colonia» entdeckt: Wofür hat er denn nun die 14.000 Kilometer zurückgelegt, wenn er selbst hier, auf einem großen Poster, vom Rhein und dem Kölner Dom wieder eingeholt wird?

Und da dies kaum der Weisheit letzter Schluss sein kann, würdigt Reischl mit einem Nachtrag den ersten Ausflug, den er mit dem Deutschen Andenverein unternehmen durfte – und das erhebende Gefühl, der Hektik in der Hauptstadt und dem Smog wenigstens für ein paar Stunden entfleucht zu sein.

 

Info: Roland Reischl: «Einmal Chile». Reisetagebuch auf den Spuren von Auswanderern und anderen Atlantikfahrern. 60 Seiten. Mit zahlreichen Anmerkungen, einem Literaturverzeichnis und 75 SW-Fotos. Roland Reischl Verlag, Köln 2013. ISBN 978-3-943580-06-8. Preis: 14,80 Euro. Erhältlich über www.amazon.de und direkt beim Verlag: www.rr-verlag.de

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