Als am Mapocho bayerisches Bier entstand

An der Avenida Independencia Nummer 565 steht die Ruine eines hochherrschaftlichen Gebäudes. Das Entstehungsdatum ist auf den ersten Blick nicht mehr nachvollziehbar. Ebenso erscheint seine Bestimmung rätselhaft. Der überdachte runde Turm links gemahnt an Grimms Märchen oder an den Bayernkönig Ludwig II., aber was soll ein europäisches Märchenschloss in Santiago?

Die Ruine an der Independencia soll bald in neuem Glanz erstehen
Die Ruine an der Independencia soll bald in neuem Glanz erstehen

In den vergangenen Monaten kam Bewegung in das Gelände, als Arbeitergruppen damit beschäftigt waren, es zu säubern. Ein Einkaufszentrum soll dort entstehen. 180 Millionen Dollar will der Eigentümer Luis Echavarri investieren. Nach dem Vorbild der Malls plant Echavarri, Restaurants, Kinos, ein Theater, einen Supermarkt und zwei Bürohochhäuser mit insgesamt 2.600 Parkplätzen zu bauen. Fünf Stockwerke sind vorgesehen, zwei davon unterirdisch.
Besonders positiv bei dem großen Vorhaben ist, dass das alte Gebäude nicht abgerissen, sondern sorgfältig restauriert werden soll. Während der Bauarbeiten ist vorgesehen, dass ein «archäologischer Überwachungsplan» durchgeführt wird. So soll monatlich dem Rat für nationale Denkmäler (Consejo de Monumentos Nacionales) ein Bericht übermittelt werden, der mögliche wertvolle Funde zu vermelden hat.
Die Geschichte der Burg lässt sich bis 1878 zurückverfolgen, als der Bierbrauer Andreas Ebner seinem Kollegen Salvador Koch die Anlage abkaufte. Ebner hatte ein kleines Vermögen angehäuft, das er nun in der Hauptstadt investieren wollte. In der folgenden Zeit importierte er moderne Maschinen zur Bierherstellung, wie Gefrier- und Filteranlagen. Er erwarb die Malzfabrik «La Estrella», erweiterte die Anlage auf dem 18.000 Quadratmeter großen Gelände, um die Produktion dementsprechend zu vergrößern und konzentrierte seine Bemühungen auf ein erstklassiges Produkt. Die Brauerei hatte nun eine tägliche Leistung von 1.500 Liter Mittelmaß- und 2.500 Liter erstklassigem Bier. Dazu kamen 40 Zentner Malz und 200 Dutzend Flaschen. Ein Teil der Erzeugung ging an andere Hersteller in Santiago beziehungsweise wurde nach Peru exportiert.

Letzter Erfolg mit Bilz Brause

Eine Flasche Bilz aus dem Jahr 1907. Das alkoholfreie Getränk gibt es heute noch.
Eine Flasche Bilz aus dem Jahr 1907. Das alkoholfreie Getränk gibt es heute noch.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann Ebner zusätzlich ein kürzlich in Deutschland von Friedrich Eduard Bilz entwickeltes alkoholfreies Getränk in seinen zwei Ausführungen zu erzeugen: «Bilz Brause» und «Bilz Limetta». Das sollte sein letzter Erfolg sein. Der betriebsame Unternehmer erkrankte an Krebs, seine Gesundheit ließ rapide nach, bis er am 28. Dezember 1905 einer akuten Blinddarmentzündung erlag.
Andreas Ebner wurde am 15. Januar 1850 in der Donaustadt Lauingen geboren. Er entstammte einer wohlhabenden, gebildeten Familie. In den 1860er Jahren ließ er sich an der Musterlandwirtschaftsschule im Kloster Weihenstephan (heute ein Teil der Technischen Universität München) als Bierbrauer ausbilden. Aufgrund des Österreichisch-Preußischen Krieges, an dem Bayern teilnahm, verließ der junge Ebner, damals ein entschiedener Bismarck-Gegner, Europa. Er entschloss sich zur Auswanderung und schiffte sich 1868 ein, um über die Kap-Horn-Route nach Kalifornien zu gelangen.
Nach einem kurzen Aufenthalt in Valparaíso, eine Stadt, die den 18-Jährigen begeisterte, fuhr er nach Peru weiter, wo er bis 1869 blieb. Hier lernte er Caroline Bielefeld kennen, eine Engländerin deutscher Abstammung, die später seine Frau werden sollte. Es ist nicht erwiesen, ob Ebner bis Kalifornien gefahren ist. Seine Spur findet sich wenige Jahre später in Chile, wo er 1872 Caroline ehelichte. Das Paar lebte zunächst an der Straße San Pablo.

Rapider Aufstieg
Ebner begann alsbald, Bier zu brauen. Einigen Quellen zufolge hätte er in Partnerschaft mit Otto Schleyer für dessen Brauerei in Talca gearbeitet, was andere Quellen wiederum abstreiten. Sicher ist, dass Ebner die Gesellschaft Fábrica de Cerveza Andrés Ebner in Santiago gründete. 1878 erwarb er die am Nordufer des Mapocho gelegene Brauerei der Familie Koch.
Aber bereits 1880 zog er mit seiner Fabrik nach La Cañadilla 145 um, heute Independencia 565. Adolfo Pohlmann hatte ihm die Anlage La Estrella verkauft, die bereits seit zwölf Jahren in Betrieb war. Bis 1888 renovierte er das Gelände, vergrößerte und modernisierte den Bau und richtete seine Privatwohnung dort ein. Den Besitz an der Straße San Pablo verkaufte er seinem Bruder Anton. Ferner erwarb er das Fundo La Palmilla, welches einige Kilometer nördlich der Brauerei lag, wo er Konserven herstellte.
In den 1890er Jahren begann Ebner, seine Kinder in die Firma mit einzubeziehen. Die älteren übernahmen Verwaltungsaufgaben. Die jüngeren entsandte er nach Heidelberg, um sich als Bierbrauer ausbilden zu lassen.
Andreas Ebner war aufgrund seiner Großzügigkeit allgemein beliebt. Als 1887 in Santiago eine Cholera-Epidemie ausbrach, setzte er sich für die mittellose Bevölkerung ein. So spendete er zum Beispiel 15.000 Einwohnern der Cañadilla täglich gekochtes Wasser.
Ebenso war er politisch engagiert. Als überzeugter Republikaner machte er in der damaligen konfliktgeladenen Periode aus seiner Sympathie für Balmaceda keinen Hehl. Die innenpolitische Lage eskalierte, 1891 brach die Revolution aus, Balmaceda wurde gestürzt und nahm sich das Leben.
Nach Ebners Tod übernahm sein Sohn Maximilian das Unternehmen. Er verkaufte einen Teil an die Gesellschaft Gubler-Cousiño, die damals Eigentümer der Compañía de Cervecerías Unidas (CCU) waren. La Palmilla und die Konservenfabrik gingen an Ebners Witwe Caroline, welche verfügte, dass beide Produktionsstätten von ihrem Sohn Andrés verwaltet würden.

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Andreas Ebner und seine Frau Caroline

Mit dem Tod des Gründers war die Blütezeit des Ebner-Unternehmens jedoch endgültig vorbei. Eine zaghafte Verwaltung und fehlerhafte Beratungen führten 1916 zur Schließung des Familienunternehmens, welches nun in vollem Umfang von der CCU aufgekauft wurde.
Die Restaurierung der Ruine beabsichtigt, einen Hauch des späten 19. Jahrhunderts zu übermitteln. Nach Fertigstellung der Erneuerungsarbeiten wird, so hoffen es die Restauratoren, etwas vom alten Geist der Burg zu spüren sein. Der jetzige Inhaber Luis Echavarri gab nämlich sein Projekt bekannt, die Bierbrauerei wieder entstehen zu lassen, um seine Kunden mit der goldfarbenen Flüssigkeit zu beglücken. Ein Kulturzentrum und ein Biermuseum sollen dem Etablissement einen Rang geben, der weit über dem einer Kneipe liegt. Eine Initiative, die volles Lob verdient, natürlich nicht nur von den Bierliebhabern.

Walter Krumbach
Texto foto 1: Die Ruine an der Independencia soll bald in neuem Glanz erstehen

Texto foto 2: Andreas Ebner und seine Frau Caroline

Texto foto 3: Eine Flasche Bilz aus dem Jahr 1907. Das alkoholfreie Getränk gibt es heute noch

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