Alter Kanzler in neuem Glanz

Mehr als 170 Bismarcktürme gibt es weltweit, doch nur einer steht auf dem amerikanischen Kontinent: der Mirador Alemán in Concepción. Das Denkmal befindet sich in einem bedauernswerten Zustand, könnte aber bald wieder in neuem Glanz erstrahlen.

Anno dazumal: Die Einweihung des Bismarckturmes in Concepción auf dem Berg Caracol
Anno dazumal: Die Einweihung des Bismarckturmes in Concepción auf dem Berg Caracol

Risse im Mauerwerk und abbröckelndes Gestein – der Bismarckturm in Concepción bietet einen traurigen Anblick, von einstiger Größe keine Spur. Die obere Aussichtsplattform mit dem auf Säulen ruhenden Dach fehlt ganz. Hier haben wohl nicht nur menschlicher Vandalismus, sondern auch mehrere Erdbeben ganze Abbrucharbeit geleistet.
Doch selbst wenn der Besucher die alte Treppe raufsteigen würde, könnte er doch nicht die schöne Sicht auf Concepción genießen. Denn umstehende Bäume haben den alten Kanzler längst übertrumpft. Bismarck-Ruine statt Bismarck-Turm ist wohl der passendere Ausdruck, um das zu bezeichnen, was einmal mit vollem Stolz auf den «eisernen Kanzler» begann.
Mit der Reichsgründung von 1871 setzte eine starke Bismarckverehrung ein, die sich nicht nur auf das deutsche Kaiserreich beschränkte. Auch in Frankreich, Polen, Dänemark und Russland, ja selbst in Brasilien, in den damaligen Kolonien und auf anderen Kontinenten wurden Gedenktafeln, Standbilder und Büsten aufgestellt. Der Kult um den ohnehin schon populären Kanzler nahm nach dessen Tod 1898 noch einmal zu.
Auch die deutschsprachige Gemeinschaft in Chile wollte dem nicht nachstehen und weihte 1921 auf dem 80 Meter hohen Cerro Caracol in Concepción den Mirador Alemán ein. Weltweit gab es einmal bis zu 240 solcher Bismarcktürme, heute sind noch 173 vorhanden – und die einzige dieser besonderen Denkmalsform auf dem amerikanischen Kontinent steht in Concepción.
Arturo Junge regte damals den Bau an und stellte dafür großzügig ein Grundstück auf dem Stadtberg zur Verfügung. Gemeinsam mit dem Bund Deutscher Turnvereine in Chile wurde ein Finanzierungsabkommen geschlossen. Der Architekt Roderich von Stillfried war für das Baukonzept verantwortlich.
Auf einer Grundfläche von zehn Quadratmetern erhoben sich die Granitwände zehn Meter hoch, wobei das Obergeschoss Gewölbebögen umfasste, die der Besucher über eine innere Treppe erreichte. An der Westseite hin zur Stadt prangte ein Steinschild mit dem Konterfei Bismarcks. Im Jahr 1927 wurde zudem eine große Plakette mit den Namen von 400 Deutsch-Chilenen angebracht, die im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten.
Obwohl der Cerro Caracol ein beliebtes Freizeit- und Erholungsgebiet von Concepción ist, blieb der Bismarckturm mit seinem jämmerlichen Zustand ungenutzt und schlummerte in den vergangenen Jahrzehnten bis heute in einem Dornröschenschlaf. Doch damit könnte vielleicht bald Schluss sein, hofft jedenfalls Alberto Hermanns vom Club Deportivo Alemán. Denn die Gemeinde Concepción und das Ministerium für Stadtentwicklung und Wohnungsbau haben bereits die Restaurierung des benachbarten, unten gelegenen Parque Ecuador abgeschlossen. Als nächster Abschnitt des Projektes Parque Metropolitana ist die Verschönerung des Berges Caracol vorgesehen – und damit möglicherweise auch des Bismarckturmes.
«Der deutsche Sportverein ist Inhaber des Turmes. Und mit Hilfe der Gemeinde sowie der Unterstützung der deutsch-chilenischen Gemeinschaft könnten wir das Denkmal als Ausflugsziel wieder herstellen und beleben», sagt Alberto Hermanns. Wie viel Geld benötigt wird, sei schwer zu sagen. Und mit Geld alleine wäre es ohnehin nicht getan. «Die Stadt Concepción müsste auch sicherstellen, dass der Turm bewacht und nicht erneut Opfer von Vandalismus wird.»

Erdbeben und Vandalismus haben dem Mirador Alemán im Laufe der Zeit mächtig zugesetzt.
Erdbeben und Vandalismus haben dem Mirador Alemán im Laufe der Zeit mächtig zugesetzt.

Laut Projektplanung sollen die Gehwege und Treppen auf dem Berg Caracol erneuert und ein Amphitheater für kulturelle Veranstaltungen mit einem Fassungsvermögen von 300 Personen samt Gästetoiletten auf dem Gipfel errichtet werden. Geplant ist, die Beleuchtung und Kanalisation zu verbessern sowie andere Aussichtsstandpunkte in Stand zu setzen, die derzeit vom Grün überwuchert sind. Außerdem sollen zukünftig Parkwächter für die Sicherheit auf dem 105 Hektar großen Gebiet sorgen. Kostenpunkt insgesamt: 2.500 Millionen Pesos.
Für Alberto Hermanns ist der neu entstehende Parque Metropolitano – der größte seiner Art außerhalb Santiagos – die willkommende Chance, endlich den Bismarckturm wieder zu neuem Leben zu erwecken. «Er ist der einzige seiner Art in Südamerika. Daher müssten wir nun sehen, wie die deutschsprachige Gemeinde eine Restaurierung anpacken kann.»
Die Gelegenheit dazu wäre wahrlich passend: Otto von Bismarck wurde am 1. April 1815 geboren. Jetzt zum 200. Geburtstag bereitet die Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh ein Gedenkjahr vor. Vielleicht auch mit erfreulichen Neuigkeiten aus Chile?

Arne Dettmann

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