Albert von Appen – Unternehmer von außergewöhnlichem Format

4. Oktober 1971. Das Deutsche Viertel (Cuartel Alemán) im Friedhof von Playa Ancha in Valparaíso füllt sich mit einer schweigenden Trauergemeinde. Aus allen Teilen des Landes sind Menschen gekommen; aus Deutschland ist eigens Curt Bensinger, Linienleiter der Westküstenfahrt von Hapag-Lloyd eingeflogen. In seiner Trauerrede sagt er:

«Kapitän Albert von Appen, 10.000 Seeleute grüßen Dich, 10.000 Kameraden von Hapag-Lloyd begleiten Dich auf Deiner letzten Fahrt». Wer war dieser Mann, der durch seinen Tod so tiefe Trauer und Erschütterung auslöste, zu dessen Begräbnis sich so viele Menschen eingefunden hatten, denen man es ansah, dass sie es nicht fassen konnten, dass dies die Stunde des endgültigen Abschieds war?

Albert von Appen war oft unterwegs

Albert Julius von Appen wurde am 19. April 1901 in Blankenese geboren. Sein Vater Carl Nikolaus war Kapitän, sein Großvater Hans war Lotse und seine Mutter, Nicoline Oestmann war Kapitänstochter. Die See lag ihm also im Blute und sollte sein ganzes Leben bestimmen. Das Milieu, in dem er im Elternhaus mit seinen Brüdern Hans und Günther aufwuchs, tat das Seinige.

Albert besuchte das Realgymnasium in Blankenese und ging dann als Schiffsjunge zur Handelsmarine. In den 1920er Jahren – er war bereits mit Inge Behrmann verheiratet – war er als junger Offizier ständig unterwegs. Inge von Appen erinnert sich an die damalige schwere Zeit: «Albert hatte nur kurz Ferien und ging dann zur Kosmos-Linie. Man hatte ihm versprochen, dass er nach zwei Jahren Karibik als Erster Offizier eingestellt würde. Doch die große Wirtschaftskrise war 1929 ausgebrochen und die Lage war so schlecht  – auf der Elbe war ein richtiger Schiffsfriedhof – und da musste er als Zweiter Offizier anfangen. Das war sehr hart. Wir konnten aber froh sein, dass er überhaupt einen Job bekam. Er fuhr zuerst auf der ‚Deutschland’, die den Dienst Hamburg-New York machte und dann bereits als Kapitän auf der ‚Itauri’ zur Westküste Südamerikas. Als Albert 1937 zum Generalinspektor der Hapag mit Sitz in Valparaíso ernannt wurde, kamen wir auf der ‚Roda’ nach Chile und brachten alle unsere Möbel mit.»

 

Mit gemischten Gefühlen

Im Juni 1939 kam die überraschende Anweisung der Hapag an Generalinspektor von Appen, sich unverzüglich in Hamburg zur Berichterstattung einzustellen. Dieser Befehl war ungewöhnlich, und mit gemischten Gefühlen flog er von Santiago nach Buenos Aires, um dort an Bord eines Schiffes zu gehen. Welches konnte der Grund für diesen plötzlichen Abruf sein? Er war sich keines Vergehens bewusst, die Vertretung lief bestens, Fracht- und Passagiertransport erreichten Rekordziffern, das Prestige der Reederei an der Westküste stand so hoch wie noch nie.

Das Geheimnis sollte sich gleich nach seiner Ankunft in Hamburg auf eine Weise klären, mit der er nicht im Traum gerechnet hatte und die für ihn fatale Konsequenzen haben sollte: er habe sich unverzüglich in Berlin beim Oberkommando der Wehrmacht zu melden, und um keinen Verdacht zu erwecken, reise er offiziell im Auftrag der Hapag. Er fiel aus allen Wolken: «Was könnte denn meine Aufgabe sein?»

Leutnant der Reichsmarine Rudloff, der ihn empfing, beantwortete diese Frage ohne Umschweife: Deutschland bereite sich auf den Krieg vor, dessen Ausbruch nur noch eine Frage der Zeit sei und er wäre, zusammen mit einer kleinen Gruppe von zuverlässigen und tatkräftigen Männern ausgewählt worden, Sabotageakte gegen alliierte Schiffe in Südamerika auszuüben. Kontaktpersonen in Argentinien, Brasilien und Peru wurden ihm bekanntgegeben, mit denen er zusammenarbeiten sollte.

Gegen Ende 1942 wurde Albert von Appen in Valparaíso von der chilenischen Geheimpolizei verhört, man konnte ihm aber nichts nachweisen und er wurde wieder auf freien Fuß gesetzt.

Am 10. Mai 1945, also bereits nach Kriegsende, erfolgte die Auslieferung Albert von Appens an die USA. Er wurde nach Ellis Island, New York, geflogen und dort zusammen mit hunderten von Deutschen aus Lateinamerika interniert.

Inge von Appen blieb mit den Söhnen in Limache. Die schwere Bürde trug sie nun allein. Und sie packte an. «Ihr werdet mich nicht kleinkriegen», klang es aus ihrer Haltung. Sie bewies es mit ihrem unermüdlichen Schaffen. Sie vergrößerte die Hühnerställe, brachte es bis auf 2.500 legende Hühner, erweiterte die Tomatenplantage auf 30.000 Pflanzen, leitete allein den Betrieb mit eiserner Energie beinahe vier Jahre lang.

1946 wurde Albert von Appen aus der Internierung in USA entlassen. Aber erst im November 1948 klappt es mit dem nötigen Visum, er kann zurückreisen und ist nun ein freier Mann.

Er übernimmt zunächst den Betrieb in Limache. In dieser Zeit legt er mit seiner Zielstrebigkeit und seinem klaren Denken die Grundlagen für den Aufbau von Ultramar, der Vertretung der deutschen Reedereien Hapag und Norddeutscher Lloyd. Man musste den Wohnsitz nach Santiago verlegen und die Quinta wurde nur noch gelegentliches Wochenendziel. Ultramar wuchs und gleichzeitig wuchsen auch die finanziellen Sorgen. Im September 1950 sieht von Appen jedoch «einen Silberstreifen am Horizont». Er schreibt an seinen Bruder Hans: «Die Hamburg Amerika Linie und der Norddeutsche Lloyd haben mich zusammen mit Vorwerk & Co. und Haverbeck & Skalweit zu ihren Generalagenten ernannt».

 

Die ersten deutschen Schiffe treffen ein

Anfang 1953 liefen als erste deutsche Handelsschiffe nach dem Krieg, zuerst die «Brandenstein» vom Norddeutschen Lloyd Bremen und kurz danach die «Kassel» von der Hamburg Amerika Linie die Häfen Westsüdamerikas an. Der Ball war ins Rollen gekommen; Albert von Appen begann seine unaufhaltsame Karriere, die die nächsten 20 – und letzten – Jahre seines Lebens total ausfüllen sollte.

1956 kam die Vertretung der Lufthansa hinzu, die in diesem Jahr ihre Flüge nach Südamerika mit Super-G Constellations wieder aufnahm. Zu diesem Zeitpunkt war die Firma wirtschaftlich konsolidiert und Albert von Appen meinte, das wäre ja nun hauptsächlich sein Verdienst und der Zeitpunkt sei gekommen, seinen Anteil zu erhalten. Dies teilte er den Partnern auch unmissverständlich mit: er beanspruchte 33,33 Prozent. Dazu erzählt Martin Skalweit, dass er sich etwa so ausdrückte: «Was ich haben will, das will ich haben und werde es auch bekommen. Daran ist nicht zu rütteln!» Und er bekam es natürlich auch.

«Wenn er Geschäfte anfing», so Skalweit, «arbeitete er immer mit dem Gefühl und mit einem phantastischen Riecher. Er fiel natürlich auch manchmal ’rein, aber immer in Grenzen. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich, dass er zusammen mit Jürgen Heerlein, unserem ersten Mitarbeiter in Ultramar, Kleinbusse kaufte, wo es sich hinterher herausstellte, dass es illegal war. Der Grund zu diesem Kauf aber war, dadurch eine engere Beziehung zu dem Importeur herzustellen und die Fracht für Hapag-Lloyd zu sichern».

Am 9. Dezember 1960, genau neun Monate nach Auftragserteilung, wurde die Tochtergesellschaft Sociedad Naviera Ultragas ins Leben gerufen. ‚Ultragas’ ist der kleinste je gebaute Gastanker der Welt und gehört eigentlich in das Guinness Buch der Rekorde. Albert von Appen hatte sich nicht geirrt. Der Gaskonsum stieg weit über die konservativen Ziffern der Rentabilitätsberechnung und so entschied man sich sehr bald zum Kauf eines weiteren Tankers, den ‚Polargas’ mit 175 Kubikmetern und 30m Kiellänge. Nun war aber müßige Transportkapazität entstanden. Der natürliche Ausweg war, die argentinischen Häfen mit Gas zu beliefern. Hierzu wurde mit Gas del Estado, der staatlichen argentinischen Gasgesellschaft, ein Vertrag ausgehandelt, der aber vom Bau einer Pier in der Flussmündung von Río Gallegos abhing. Die Ausschreibung ergab einen Preis von über einer Million Dollar. Von Appens Sohn Sven war damit beauftragt, die Verhandlungen in Argentinien zu führen und Thomas Kannegiesser hatte sich mit viel Geschick interne Informationen einer an der Ausschreibung beteiligten Baufirma besorgt. Mit diesen Unterlagen wurde eine für den Zweck ausreichende Pier berechnet, deren Kosten sich auf 45.000 Dollar beliefen. Albert von Appens Angebot lautete: Wir bauen die Pier auf unser Risiko und ihr rückvergütet uns die 45.000 Dollar nur, wenn sie funktionsfähig ist. Ein Angebot, das Gas del Estado sofort akzeptierte. Ein weiteres Beispiel für Albert von Appens Ideenreichtum und resolutes Handeln.

Wer heute die Büroräume von Ultramar in Santiago im 18. Stock aus betritt, wird sich einer Bronzebüste von Albert von Appen gegenüberstehen. Auf dem Sockel stehen zwei seiner Maximen. Die eine lautet: «Hilf denjenigen, die in Deiner Nähe sind. Sie sind die einzigen, die Dir in der Not helfen werden»

 

(Auszüge aus dem Buch «Albert von Appen – eine Familienchronik» von Hans Storandt)

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