Drei Gipfel auf einen Streich

„Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.“ – Goethes Vers trifft auch aufs Bergsteigen zu. Oftmals werden von Santiago aus weiter entfernte Täler angesteuert, während praktisch direkt vor der Haustür ebenfalls anspruchsvolle Touren zu haben sind. Zum Beispiel der Berg La Carpa.

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Mit dem Auto geht´s in die nordöstliche Gemeinde Lo Barnechea und dort auf der Avenida La Dehesa entlang, bis der Schotterweg beginnt. Bei einem Reitverein heißt es umsatteln: Von nun an sind nicht mehr die Räder gefragt, sondern die eigenen Beine. Zwar sind an diesem Samstag viele Wanderer unterwegs, die gemütlich an Bäumen und Kakteen vorbei streifen oder auch die erste Anhöhe in Angriff nehmen. Doch wer auf den Cerro La Carpa will, der muss immerhin 1.700 Meter Höhenunterschied überwinden, was nicht wenig ist.

Mit schwerem Rucksack auf dem Rücken machen wir drei DAV-Mitglieder – Renato Mertens, Daniel Ibáñez und Arne Dettmann – uns auf den Weg. Immer aufwärts geht es über Kuppen und Hänge höher und höher, bis wir nach sechs Stunden endlich den Gipfel in 2.775 Meter erreicht haben. Mit dazu gestoßen sind auch Cecilia Cortés und Cecilia Martínez, ebenfalls vom Andenverein. Und somit positionieren wir uns für das obligatorische Beweisfoto: Bitte recht freundlich und – klick!

Zwei Eindrücke stimmen allerdings nachdenklich. Wie so häufig wird von hier oben die grau-braune Smog-Schicht sichtbar, die über Chiles Hauptstadt wabert. Und: Trotz vieler Schneeflächen, die wir durchstreifen mussten, hängt doch vergleichsweise wenig Weißes in den Anden. Sollte das angekündigte Klimaphänomen El Niño ausbleiben und dieser Winter erneut nur unzureichend Niederschläge bringen?

Zwar ist nach dem Sonnenuntergang das gewaltige Lichtermeer Santiagos zu sehen, doch hinter dem Gipfel ist es glücklicherweise dunkler, so dass sich über unserem Zeltlager die Milchstraße erkennbar ausbreiten kann. Wir liegen in den Schlafsäcken und hören über einen MP3-Spieler mit kleinem Lautsprecher Andenmusik der chilenischen Gruppe «Los Jaivas», während der Wind die Zeltwände bewegt. Romantik kann manchmal herrlich sein.

Am nächsten Morgen heißt es Aufbruch. Ziel ist der 2.898 Meter hohe, benachbarte Arqueado de Barrera, den wir nach einer Stunde strammen Marsches erreichen. Erneutes Beweisfoto und Rückzug. Auf dem Abstieg passieren wir noch den 2.552 Meter hohen Conchalí, so dass wir jetzt sogar voller Stolz verkünden können: Drei Gipfel auf einen Streich.

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