120 Jahre Burschenschaft Araucania

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In diesem Jahr feiert die Burschenschaft Araucania ihr 120. Jubiläum. Die B!A hat heutzutage 268 Mitglieder, 37 davon aktiv, 231 wiederum sogenannte alte Herren, ehemalige Studenten. Das Hauptziel der Verbindung ist die deutsche Sprache und Kultur in Chile zu fördern.

«In diesem Sinn organisieren wir monatliche Hauptversammlungen, in denen verschiedene Vorträge auf Deutsch gehalten werden», erläutert Stefan Westermeyer, Schriftwart der Burschenschaft. Außerdem finden regelmäßige Sportveranstaltungen statt, die zusammen mit Ausflügen und sonstigen Aktivitäten Teil des täglichen Studentenlebens darstellen.

«Die Burschenschaften und Mädchenschaften in Chile sind eine der wenigen Verbindungen in unserem Land, wo Jugendliche noch die deutsche Sprache pflegen. Darauf sind wir stolz», so Stefan Westermeyer. «Wir laden alle Studenten, die sich für die deutsche Sprache und Kultur interessieren ein, bei unseren Aktivitäten mitzumachen und uns kennenlernen.»

Wie alles anfing

Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts der deutsche Studentenkreis in Chile bestrebt war, ihrer Vereinigung ein organisches Gefüge zu geben, wurde dieses Vorhaben ungewollt von der Gründung der Sociedad de Estudiantes de Medicina, Ende des Jahres 1895, verzögert. Die Sociedad, die sämtliche Medizinstudenten zusammenführen sollte, war eine Missgeburt, denn nach einigen Monaten des Dahinsiechens ging sie wieder ein. Die deutschen Freunde kamen jedoch weiterhin mit Eifer in ungezwungener Form zusammen. Von einer organisierten Verbindung wollten die meisten aber nichts wissen.

Insgeheim hatte die Idee jedoch einige Anhänger gefunden. Etliche gingen mit der Hoffnung in die Sommerferien, den Gedanken im neuen Hochschuljahr wieder aufzugreifen. Der Medizinstudent Wilhelm Münnich nahm die Idee seines Freundes Christoph Martin, der bei dem ersten Versuch die treibende Kraft gewesen war, am ernstesten. Der 19-jährige Münnich befasste seit geraumer Zeit mit dem Gedanken, mit seinen Kameraden eine geschlossene Gemeinschaft zu bilden. Seinen Neigungen folgend, sprach ihn am meisten ein Diskussionsverein an. Hier wollte er mit seinen Freunden Philosophie und Literatur, Geschichte und Politik betreiben. Er wollte den ernsten Gesprächen, die er schon seit zwei Jahren führte, und die durch seine Anregung immer neue Wendungen fanden, einen akademischeren Charakter verleihen.

Christoph Martins Vater, ein ehemaliger Privatdozent in Jena, konnte ihm über alle Einzelheiten und besonders über die Organisation einer deutschen Burschenschaft Auskunft geben, so dass der Plan bis in die Details des täglichen Lebens durchdacht und besprochen werden konnte. Es war dem zukünftigen Verbandsgründer bei seiner Tätigkeit des Vorbereitens und Reifens vollkommen klar, dass es nicht darum ging, schon Bestehendes nachzuahmen.

Im März 1896 trafen sich die Studenten abermals. Nachdem man sich über Sinn und Art des zu gründenden Vereins einig war, wurde die Frage des Namens und der Abzeichen erörtert. Es wurde hierbei versucht, der deutschen und der chilenischen Heimat gerecht zu werden, und dieses verursachte einige Kopfzerbrechen. Sollte man mit dem Namen das Deutschtum bekunden und mit dem Abzeichen des chilenischen Landes gedenken? Man entschied sich schließlich für den Namen Araucania.

Die vorzügliche Vorarbeit der drei Freunde Christoph Martin, Wilhelm Münnich und Jens Petersen hatte zur Folge, dass die Begeisterung im Kreise der deutschstämmigen Universitätsstudenten mit jedem Tage wuchs und allgemein zur Gründung des Verbandes gedrängt wurde. Diese fand bereits am 31. März 1896 in Münnichs Wohnung statt. Die Urkunde, mit der die Burschenschaft Araucania formell ins Leben gerufen wurde, unterzeichneten in alphabetischer Reihenfolge die Studenten Fryderup, Hollstein, Kuschel, Martin, Münnich und Petersen. Der erste Vorstand wurde noch am selben Abend gebildet.

Verbindungsleben

Mit derselben Begeisterung, mit der die Gründung vorbereitet worden war, ging die Arbeit an den Satzungen der Verbindung weiter. Als allgemeiner Leitfaden galten die Vorschriften, die auch für die Deutsche Burschenschaft maßgebend waren. Man war sich jedoch von Anfang an bewusst, dass dieses deutsche Vorbild an das chilenische Umfeld und die speziellen Umstände, die sich daraus ergaben, angepasst werden musste. Außerdem strebte man danach, von vornherein die augenscheinlichen Mängel und Fehler des deutschen Vorbildes in Chile zu verhindern.

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Am 12. April hielt der ernannte Oberbursche Martin eine Ansprache, in der er die Grundgedanken und Ziele der Verbindung mit der Geschichte und dem Wesen des Studententums in absoluten Einklang brachte.

Im Anschluss an die Rede erklärten sich die Anwesenden (Commentz, Fryderup, Hollstein, Kuschel, Martin, Münnich, Petersen, Rose, Trautmann und Oettinger) zum Beitritt in die Verbindung bereit. Sobald die innere Ordnung einigermaßen geregelt war, kam die Frage nach einem geeigneten Haus auf. Es wurden daher kurzerhand in der Straße Estado 46, in einem dunklen und baufälligen Haus bei einem Klavierhändler, einige Zimmer angemietet. Der Umzug fand am 20. Mai statt.

Die wöchentliche Hauptversammlung bildete zweifellos schon im ersten Jahr den eigentlichen Mittelpunkt, um den sich das Verbindungsleben schloss. Ihr Zweck war einem jeden klar: man versuchte, deutsches Brauchtum und Sprache zu pflegen und zu fördern.

Der Semesteranfang des Jahres 1897 brachte neues Leben und neue Ereignisse in die vom Ferienschlaf erwachende Verbindung. Die ersten Alten Herren, damals noch Alte Burschen genannt, nahmen vom Studentenleben ihren endgültigen Abschied. Es waren Fryderup und Hollstein, die nach ihrem zahnärztlichen Staatsexamen als erste die Hauptstadt verließen, um in der Provinz mit einer Praxis zu beginnen.

Der bittere Beigeschmack, den diese Abreise hätte bereiten können, wurde von vielen Bundesbrüdern sicherlich kaum verspürt, denn die eifrigen Vorbereitungen zum 1. Stiftungsfest ließen nicht viel Zeit zu trüben Gedanken. Am 10. und 11. April fanden diese Feierlichkeiten statt. Es waren zwei Tage, die voll und ganz dem Jubel und dem fröhlichen Beisammensein gewidmet waren. Erst am dritten Tage, zusammen mit dem Ausklang der Feierlichkeiten, am 12. April, am ersten Jahrestag der ersten Hauptversammlung, wurde die Neuwahl des Vorstandes vorgenommen. Den damaligen Satzungen entsprechend, durften seine Mitglieder ihr jeweiliges Amt nur ein Jahr bekleiden.

Der neue Vorstand bedeutete folglich den Austausch der Ämter von Martin und Münnich. Es entstanden Entwürfe für die Satzungen, die sogenannten «Gesetze für innere Ordnung», Beschlüsse die sich mit den Rechten und Pflichten der sogenannten Inaktiven befassten.

Ämter und Unterkunft

Der Nachwuchs der Burschenschaft, die Fuchsen, war für damalige Verhältnisse schon recht beachtlich. Da nicht alle Burschen gleichzeitig für deren Ausbildung eine wirksame Verantwortung übernehmen konnten, beschloss man, das Amt des Fuchsmajors einzurichten.

Auch mit häuslichen Angelegenheiten beschäftigte man sich damals intensiv. Die Wohnung in der Straße Estado wurde ihrer Unzulänglichkeit wegen sehr bald aufgegeben und eine neue, in der Straße Puente bezogen. In diesem neuen Heim richteten sich nun zum ersten Mal Hausbewohner ein.

In den ersten Jahren ihres Bestehens versuchte die Burschenschaft Kontakt mit Studentenverbindungen in Europa aufzunehmen. Die anfänglich zaghaften Bemühungen waren sehr erfolgreich, so dass sich in kurzer Zeit ein reger Briefwechsel mit deutschen, österreichischen und ostmärkischen Verbindungen entwickelte. Durch diese Korrespondenz entstand auch Ende 1897 die Bekanntschaft mit Rudolf Berger, einem österreichischen Politiker und Burschenschafter, der anfangs einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Verbindung ausgeübt hat. Er war Mitglied der Burschenschaft Bruna Sudetia in Wien und in jungen Jahren wurde er zum Abgeordneten des österreichischen Reichsrates gewählt.

Rudolf Bergers einnehmendes Auftreten und seine Rednergabe lösten unter den chilenischen Burschenschaftern, die ihn in Europa trafen, Bewunderung aus. Er interessierte sich sehr für die chilenische Verbindung und bemühte sich, ihr Beistand zu leisten. Im Jahre 1898 sandte er dem Vorstand einen vollständigen Entwurf für Satzungen und Burschenschwur und führte in langen Briefen seine Standpunkte und Ratschläge aus. Im Jahre 1900 wurde Berger in Abwesenheit zum Ehrenburschen der Verbindung ernannt. Es war dies die größte Ehrung, die damals die Burschenschaft jemandem erweisen konnte.

Angeblich politische Umstände in der Donaumonarchie veranlassten Berger gegen Ende 1906 seine österreichische Heimat zu verlassen und nach Chile auszuwandern. Hier nahm er aktiv am Leben der Verbindung teil und trug mit Anregungen und Ideen zur Gestaltung des Verbindungslebens bei.

Verbindungsfarben

In der Chronik der ersten Jahre der Araucania sind noch einige bedeutende Begebenheiten zu verzeichnen. So darf zum Beispiel nicht unerwähnt bleiben, dass schon im Jahre 1897 ein Vorgänger des heutigen Alte-Herren-Verbandes existierte.

Das Tragen der Verbindungsfarben ist auch in das Jahr 1897 zurückzuführen. Vorher hatte jeder Araucaner ein eigenhändig angefertigtes Abzeichen getragen. In Chile gab es damals niemanden, der diese nach einem Vorbild hergestellt hätte. Erst nachdem die Bestellung aus Deutschland mit den erwünschten Couleurartikeln eintraf, konnte jeder Bundesbruder ein schräg über die Brust gezogenes Band tragen.

Um für das gesamte Verbindungsleben eine bleibende Ordnung festzulegen, entstanden im Jahre 1913 die endgültigen Satzungen, die Ehrengerichtssatzungen und die sogenannten «Ungeschriebenen Satzungen», eine Art Hausordnung die einige Verhaltungsmaßregeln für das Zusammenleben im Heim und in der Öffentlichkeit vorsieht. Damit geriet die Verbindung wieder in die rechte Bahn und konnte somit die Anforderungen bewältigen, welche die Zukunft an sie stellen sollte.

Die tieferen Ursachen, die zu der erwähnten Krise geführt haben, waren sicherlich ganz verschiedener Art. Zweifellos war das Fehlen einer strafferen Disziplin ein ausschlaggebender Grund dazu gewesen. Es ist zu bemerken, dass sich später nie wieder solch eine kritische Situation in der Entwicklung der Verbindung ergeben hat, die lediglich auf innere Schwierigkeiten zurückzuführen war.

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