110 Jahre Lutherische Kirchengemeinde Temuco

Am 13. August 1907 gelingt die Gründung der selbstständigen Gemeinde Temuco

Die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Temuco wurde im August 1907 ins Leben gerufen. Das Kirchengebäude befindet sich in der Avenida Alemania.
Die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Temuco wurde im August 1907 ins Leben gerufen. Das Kirchengebäude befindet sich in der Avenida Alemania.

 

Von Lotte Wagner

Die Kolonisation der sogenannten Frontera, heute Araucanía, wurde von Angol im Norden der Region gesteuert und von dort langsam gen Süden erweitert. Insgesamt über 800 Familien aus Deutschland, der Schweiz und Österreich ließen sich dort nieder. Neben der Gründung von Schulen gelang es, den ersten deutsch-schweizer Pfarrer Paul Leutwyler zu verpflichten, um diese insgesamt zwölf Kolonien zu betreuen.

Angesichts der schlechten Verkehrswege sowie der Gefahr von Überfällen muss es sich um eine sehr schwere Tätigkeit gehandelt haben. Bei seinem Rücktritt gelingt es Leutwyler noch, das Waisenhaus La Providencia bei Traiguén aufzubauen. Sein Nachfolger, Pfarrer Paul M.H. Ende, betreut weiterhin die einzelnen Kolonien, kann aber schon ein Haus in Victoria mieten, wo die ersten 17 Konfirmationen abgehalten werden. Er erreicht zudem die Gründung der Evangelischen Gemeinde von Victoria und Umgebung im Juli 1902.

Im Jahr darauf erweitert sich diese Gemeinde um einige Kolonien; erstmals wird Temuco vermerkt. 1906 kommen Comuy und Faja Maisan und 1907 Villarrica und Pucón hinzu, die der Pastor erst nach neun Stunden Ritt von Loncoche aus erreichen kann. Die Kirchengemeinde der Frontera ist weiter auf 16 Orte gewachsen. Am 13. August 1907 gelingt die Gründung der selbstständigen Gemeinde Temuco in Anwesenheit von 70 Mitgliedern.

Im Januar 1908 erwirbt die Gemeinde Temuco einen Bauplatz für Kirche und Pfarrhaus im Zentrum der Stadt in der Calle Varas 415. Neben Temuco werden sieben neue Predigtstellen vor allem südlich und im Küstengebiet angeschlossen und mit dem ersten eigenen Pfarrer, Walter Hering, eingerichtet.

Am 3.Mai 1914 wird Pfarrer Friederich Zietschmann eingesetzt, der später nach Valdivia wechselt. Im März 1927 trifft Pfarrer Johannes Klink ein. Sein Nachfolger, Pfarrer Theo Veil, tritt am 20. Dezember 1936 sein Amt so erfolgreich an, dass das Wirken von ihm und seiner Frau Hilde, liebevoll nur noch «Veilchen» genannt, tiefe Spuren in der Frontera hinterlässt. Sie erfreuen sich einer außerordentlichen Beliebtheit. Frau Veil gründete ihren literarischen Kreis und rief das «Kränzchen» ins Leben, ein Treffen, auf dem die Geselligkeit in unserer Gemeinschaft gepflegt wurde.

Dann kamen wechselhafte Zeiten, zum Teil auch ganz ohne Pastoren oder von anderen Orten aus betreut. In diese schwierige Zeit (Juli 1966) fällt die Stiftung von Dr. Herbert Hucke Werkmeister, langjähriger Präsident der Kirche und Wohltäter, dem ein Bekannter ein großes Grundstück von einer anderen deutschen Institution in der Hauptstraße der neuen Siedlungen der Av. Alemania anbietet. Dieses übergibt er der Kirche, um hier einen Neubau von Kirche und Pfarrhaus errichten zu lassen, wo jetzt die anderen deutschen Institutionen und die meisten deutschen Bürger sich angesiedelt haben.

Am 18. Juni 1972 wird die mit zusätzlichen Mitteln des kirchlichen Außenamtes und des Gustav-Adolf-Werkes neu erbaute Kirche in Av. Alemania 720 eingeweiht. Leider ergeben sich danach durch unsere innenpolitischen Probleme der Allende-Zeit auch Konflikte mit den Pastoren und anderen Kirchengemeinden, die schließlich zur Teilung unserer lutherischen Kirche führten.

In Temuco machte sich diese schwierige Zeit durch eine pfarrerlose Kirche bemerkbar, bis wir 1977 Pastor Bernhard Kaiser und von da an wieder einen geregelten Kirchendienst hatten. Unter Pfarrer Traugott Hartmann und seiner Frau Rosmarie Uslar aus Concepción von 1986 bis 1994 wurde die jährliche Wäschesendung aus Deutschland und eine fleißige Damengruppe gegründet, die noch unter Niels Körner und seiner tüchtigen Frau Lieselotte und Pfarrer Andreas Handstein eine beachtliche Arbeit leisteten.

Aus dem im Oktober 2000 eingegangenen Deutschen Frauenwerk bildete sich sehr bald unter Pfarrer Körner der Deutschsprachige Freundeskreis in der Kirche, der als besonderen Dank die große, neue Küche stiftete.

Mit Pfarrer Andreas Handstein, von Dezember 2003 bis Januar 2013, verzeichneten die Jugend-, Frauen- sowie Ehepaar-Gruppen einen sichtbaren Aufschwung. Er übernahm zusätzlich noch die Kirchenarbeit in Los Ángeles und Villarrica. Der jetzige Pfarrer, Eduardo Rojo, kommt aus Concepción und versorgt heute neben Temuco noch Villarrica, wo in diesem Augenblick unsere kleine Kapelle abgebaut und neben der Neuen Schule 4 km Richtung Pucón wieder aufgebaut werden soll. Er ist seit Februar 2013 in Temuco im Amt und predigt freitags um 15.15 Uhr auch im Altenheim Carlos Schleyer.

Die Aktivitäten unserer Kirchengemeinde beschränken sich natürlich nicht nur auf die sonntäglichen Predigten, sondern auf viele weitere Programme, Aufgaben und Arbeiten wie Bazare und Wäscheverkäufe, die Mitbetreuung der kleinen Landschule in Marileo, der «ComedorAbierto» für mittellose Universitätsstudenten und die bisher noch geleistete Hilfe bei Conile, dem Leukämiezentrum für Kinder. Hinzu kommt der jährliche Besuch in der Escuela Especial Ñielol, der großen Sonderschule mit 185 behinderten Schülern, denen wir Kleidung und das sehr beliebte «Berliner»-Gebäck bringen.

Am dritten Dienstag im Monat gibt es den «Gemeindenachmittag» mit Vorlesungen, kirchlichen Gesprächen und Gedankenaustausch bei Kaffee und Kuchen. Außerdem werden Mittagessen und Gespräche mit Schülern und verschiedene Programme für die Jugend organisiert. Im Sommer findet das Lager am Llanquihue-See satt, wo Jugendliche und jetzt auch Eltern der verschiedenen deutschen Kirchengemeinden teilnehmen. Die Kirche ist auch Besitzerin des Kindergartens Cocoliche. Der Kindergarten wurde 1981 gegründet und stellt eine wichtige Einnahmequelle der Kirche dar. Er ist zweisprachig und ein Zubringer der jüngsten Schüler unserer Deutschen Schule Temuco.

 

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