Die chilenische Regierung hat sich für den Tourismus hohe Ziele gesteckt. Dessen Anteil am Bruttoinlandsprodukt soll in den nächsten vier Jahren von derzeit drei auf sechs Prozent steigen. Mehr Werbung im Ausland, eine bessere Vermarktung regionaler Angebote und ein Umbau der Behörde Sernatur (Servicio Nacional de Turismo) machen´s möglich, erklärt deren neue Leiterin, Jacqueline Plass, gegenüber dem Cóndor.

Die Deutsch-Chilenin hat alle Hände voll zu tun, die ruhigen Zeiten von Sernatur scheinen vorüber. Zumindest das hatten manche Kritiker der staatlichen Tourismusbehörde und den Regierungen in der Vergangenheit immer wieder vorgeworfen. Chile würde zu wenig unternehmen, um sich im Ausland als attraktives Reiseziel zu präsentieren und gleichzeitig diesen Wirtschaftssektor voranzutreiben. Während Nachbarland Argentinien 30 Millionen US-Dollar jährlich an Staatsgeldern investiert und Peru immerhin noch 15 Millionen ausgibt, sind es in Chile bescheidene sechs Millionen.

Das soll nun anders werden. Bis September will Jacqueline Plass einen nationalen Tourismusplan entwerfen und die
Reformen des Tourismusgesetzes, initiiert von der Bachelet-Regierung Anfang 2008 und in Kraft getreten vor ein paar Monaten, umgesetzt haben. Ein Komitee aus sieben Ministern wird zukünftig über Zielsetzung und Prioritäten im Tourismus entscheiden. «Der Sektor umfasst eine große Spannbreite», erklärt Plass, daher würden die relevanten Entscheidungsträger unter anderem vom Bau-, Umwelt- und Landwirtschaftsministerium mit einbezogen. Vorsitz hat Juan Andrés Fontaine, der nun den erweiterten Titel «Minister für Wirtschaft, Förderung und Tourismus» trägt.

Erstmals wird es ein Staatssekretariat Tourismus geben, das mit dem interministeriellen Komitee in Verbindung steht. Zudem soll ein neuer Rat für Tourismusmarketing, zusammengesetzt aus Staatssekretären, Sernatur-Leiterin sowie Vertretern von ProChile und anderen Gremien, Strategien entwerfen. Gleichzeitig findet ein Umbau der internen Strukturen von Sernatur selbst statt.

ZERTIFIZIERUNG VON ANGEBOTEN


«Institutionalisierung» nennte Jacqueline Plass diesen Prozess, der dem Tourismus im Staatsgefüge endlich einen höheren Stellenwert einräumen soll. Dazu zählt auch ein freiwilliges Klassifizierungssystem, mit dem sich Hotels, Pensionen und Herbergen den Qualitätsstandard von Sernatur mit einem offiziellen Siegel bescheinigen lassen können. Das Abzeichen soll dem Tourist als verlässliche Orientierungshilfe bei der Auswahl dienen und bei Tourenanbietern ein Aushängeschild für staatlich geprüfte Sicherheit sein. Bisher haben sich 93 Dienstleister eingeschrieben, 700 weitere stehen bei Jacqueline Plass auf der Warteliste.

«Besonders im Ausland müssen wir Chile viel stärker bekannt machen. Es fehlt erheblich an Informationen für den Touristen von außerhalb.» Eine Marktstudie in Brasilien hatte vergangenes Jahr offen gelegt, dass über Reiseziele wie die Atacama-Wüste und Patagonien nur ungenügend informiert würde. Mehr Präsenz im Internet und Presse sowie ein verstärkter Auftritt auf internationalen Reisemessen seien notwendig, so Plass.

Gleichzeitig gelte es, auch Chilenen selbst ihr Land schmackhaft zu machen, denn immerhin sind 70 Prozent aller Touristen einheimische Landsleute. «In Bariloche bleiben die Leute durchschnittlich sechs Tage, in Puerto Varas deutlich weniger. Das liegt daran, dass wir bisher nicht das gesamte Angebot kompakt aufgezeigt haben.» Derzeit stellt Sernatur zehn touristische Routen zusammen, die unter ihrem jeweiligen Motto wie Wüste, Wein, Sterne, Dichter sowie das Ende der Welt einen Überblick über Sehenswertes samt Übernachtungsmöglichkeiten und Gastronomie geben.

Jacqueline Plass geht übrigens privat mit gutem Beispiel voran. Zu Silvester besuchte sie den Juán-Fernández-Archipel, zudem reiste sie im Februar mit ihrer Familie in den Nationalpark Torres del Paine. Und kürzlich stand San Pedro de Atacama auf dem Programm.

Arne Dettmann












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