Weites Land, schiefe Bilder

Liebe Cóndor-Leser,

seit zehn Jahren lebe ich nun in Chile. An dieser Stelle eine vielleicht etwas seltsame Bilanz über außergewöhnliche Erfahrungen, neue Sichtweisen und ungelöste Rätsel.

Sonnenanbeter vor dem Grill
Es heißt, dass wir Hamburger mit dem Regenschirm in der Hand geboren werden. Tagelang ein bleigrauer Himmel mit tief stehenden, dicken Wolken: Unser Wetter in Norddeutschland genießt leider keinen guten Ruf. Durchschnittlich 773 Millimeter Niederschlag jährlich lässt Petrus auf die Hansestadt herunterfallen.

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Ist das viel? Nein, ist es nicht. In Valdivia rauschen im Durschnitt 1.783 Millimeter auf den Boden, in Osorno sind es 1.331 und in Concepción 1.110 Millimeter. Mit anderen Worten: Dort in Südchile schüttet es aus Kübeln, während wir in Hamburg nur mit Nieselregeln leicht besprüht werden.
Doch ich wohne in Santiago, wo wir Monate lang der Sonne frönen dürfen und daher gelegentliche Schauer einem nicht die gute Stimmung vermiesen können. Und nach zehn Jahren des Verwöhntseins hat das Folgen: Bei meinem letzten Aufenthalt in Hamburg ärgerte es mich maßlos, dass die Grillparty sprichwörtlich ins Wasser fiel beziehungsweise unter der schützenden Markise stattfinden musste. Während man in Santiago bei der Planung für einen Asado nicht einmal auf die Wettervorhersage achtet – wozu auch? –, muss ich in meinem Heimatland für den Notfall auch den Tisch drinnen decken. Das Regenwetter ist dort einfach ein mieser Spielverderber – oder wie es auf Spanisch heißt: aguafiestas.

Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten
In Chile kann man Autofahren, und zwar stundenlang. Das gilt nicht nur für die Nord-Süd-Achse, die mehrere tausend Kilometer lang ist, sondern auch für die Ost-West-Richtung. Beispiel Alto Biobio: Von Los Ángeles aus bewegt sich der Wagen unaufhörlich gen Anden, doch ein Ende ist einfach nicht in Sicht. Man fährt und fährt, passiert einen Staudamm, dann den zweiten, dann den dritten, doch der Weg geht immer noch weiter. Und wenn man schon völlig entnervt hinter dem Steuer sitzt, taucht plötzlich ein Schild auf: bis zur nächsten Ortschaft sind es noch einmal 30 Kilometer. Nicht zu fassen! Und erst dahinter liegt wahrscheinlich die Grenze zu Argentinien.

Kurze Distanzen in Chile? Von wegen! Dass Pedro de Valdivia und die Mapuche zusammentrafen, ist purer Zufall, oder?
Kurze Distanzen in Chile? Von wegen! Dass Pedro de Valdivia und die Mapuche zusammentrafen, ist purer Zufall, oder?

Angesichts dieser endlosen Weiten – Chile ist mehr als doppelt so groß wie Deutschland – frage ich mich immer wieder, wie es eigentlich überhaupt möglich war, dass es zum Konflikt zwischen Spaniern und Mapuche kam. Hätten die nicht einfach aneinander vorbeilaufen können? Durch die riesigen Gebiete ziehend, ohne sich jemals zu treffen? An Platz mangelt es jedenfalls nicht.

Santiago ist Chile
Santiago no es Chile! Dieser Spruch wird gerne aufgesagt, um zu zeigen, dass außerhalb der Hauptstadt natürlich auch Menschen in Regionen leben, in denen viel passiert. Das ist zwar richtig – aber doch nur teilweise.
Verständlich ist der Wunsch, den Santiaguinern zu verdeutlichen, ihre Stadt sei nicht der Nabel der Welt. Allerdings bleibt es dabei, dass dieser riesige Ballungsraum Metropolregion der Sitz von politischer und ökonomischer Macht darstellt. Hier konzentrieren sich die Geschicke des Landes, hier akkumuliert sich am stärksten das Kulturangebot und hier haben Millionen Menschen ihren Lebensmittelpunkt, auch wenn sie versuchen, an verlängerten Wochenenden dem Moloch möglichst zu entfliehen. Ob es nun einem gefällt oder nicht: Santiago ist zwar nicht ganz Chile, aber doch zu einem großen Teil.

Schief hängende Bilder
Nach zehn Jahren werde ich nicht mehr von den Chilenen gefragt, ob es mir hier gefällt. Man geht davon aus, dass ich «chilenizado» bin, mich also eingelebt, an das Land gewöhnt und an die Gegebenheiten angepasst habe. Das stimmt in gewisser Weise auch, wobei ich allerdings meine deutsche Denk- und Sichtweise nicht abgelegt habe, nicht ablegen kann. Ich versuche Chile und seine Bürger zu verstehen – doch immer aus meinem deutschen Blickwinkel.
Und was sehe ich da, wenn ich in chilenische Haushalte eingeladen werde? Schief hängende Bilder. Ist Ihnen, lieber Leser, das noch nie aufgefallen? Ich kenne praktisch kein Haus, in dem nicht irgendein Bild schief an der Wand hängt. Und ich denke dann bei mir: Bin ich denn der Einzige, der das sieht? Und es kribbelt in meinen Fingern, das Bild doch endlich gerade zu rücken, denn es stört mein ästhetisches Empfinden. Ist das typisch deutsch? Dass alles korrekt und geradlinig sein muss? Vielleicht. Doch warum so viele Bilder hier in Chile schief hängen, weiß ich bis heute nicht.
Wissen Sie´s?

Herzlichst Ihr

Arne Dettmann

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One Comment

  1. Lieber Arne Dettmann,

    solange Sie sich nur über schief hängende Bilder aufregen müssen sind Sie im richtigen Land.
    Nach 10 Jahren würde ich dazu auch Heimatland sagen…….

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