Viele Boni und eine goldene Hochzeit

Liebe Cóndor-Leser,

 

der US-Hygieneartikel-Hersteller Kimberly Clark hat gerade 19 Millionen US-Dollar in ein Werk bei Colina investiert. Von dort sollen die Windeln der Marke Huggies ins ganze Land geliefert werden. «Aufgrund des Wachstums», begründete Geschäftsführerin Carolina Valdivieso das Produktionsvorhaben, wobei nicht klar wurde, ob sie wirtschaftliches Wachstum meinte oder gar einen starken Bevölkerungsanstieg in nächster Zeit witterte. Genauer gesagt ab Februar 2014.

Denn dann werden es genau neun Monate her sein, dass Staatspräsident Sebastián Piñera angekündigt hat, für jedes dritte Neugeborene in einer Familie einen einmaligen Bonus von 100.000 Pesos zu zahlen. Die Geburtenrate liegt hierzulande bei niedrigen 1,9 Kindern, müsste aber 2,1 betragen, damit dem Land nicht die Söhne und Töchter ausgehen. Sollten sich also Pärchen mit zwei Kindern diese Bonifikation nicht entgehen lassen, wird man das auch bei Kimberly Clark merken, wenn die Huggies-Windeln reißenden Absatz finden.

Vielleicht aber passiert auch gar nichts und der erwartete Kindersturm bleibt aus. Denn so manche Eltern dürften trotz aller Nachwuchsromantik eiskalt nachgerechnet haben: Grob geschätzt reichen 100.000 Pesos aus, um Windeln samt Feuchttücher für die ersten vier Monate zu kaufen. Doch erfahrungsgemäß machen die kleinen Erdenbürger auch danach weiterhin die Hosen voll. Das Bonus-Glück ist also schnell verpufft.

Auch Cóndor-Leser Ulrich Behrendt hat festgestellt, dass die Sache mit dem Bonus so ihre Haken und Tücken hat. Am 18. Mai vor 50 Jahren heiratete er in der Martin-Luther-Kirche in Concepción seine geliebte Imme. Pastor Otto Brien gab damals seinen Segen für die Frischvermählten. Und nun zur goldenen Hochzeit erinnerte sich der Deutsche plötzlich: Gab es da nicht einen Bonus für solche, die schon so lange den Bund fürs Leben hielten?

Und tatsächlich, die Regierung zahlt 132.264 Pesos pro Nase als «Anerkennung», wie es so schön heißt. Mal ganz nebenbei gefragt: Als Anerkennung für was eigentlich? Dafür, dass man so lange durchgehalten hat und die Scheidungsrate nicht hat ansteigen lassen?

Aber zurück zum Thema. Ulrich Behrendt stiefelte enthusiastisch los, um sich das Geld abzuholen. Doch schon bald bremsten ihn lange Schlangen am Behördenschalter, Papierkram und Bürokratie aus. Vor allem das Kleingedruckte hat es in sich: Der Antragsteller muss die soziale Notwendigkeit nachweisen, ein Kontrollbesuch durch die Gemeinde inbegriffen. Das war Ulrich Behrendt alles zu umständlich. Er verzichtete auf die Heiratsvergütung.

Und das ist vielleicht in dieser Geschichte der Weisheit letzter Schluss: Nur der erzieht ein drittes Kind und schafft es bis zur goldenen Hochzeit, der täglich darum kämpfen muss. Ganz ohne Rabatt, Ermäßigung und sonstigem Preisnachlass.

 

Herzlichst Ihr

Arne Dettmann

 

Fotolectura:

Sind auch ohne einen Bonus ein glückliches Paar: Ulrich Behrendt und Ehefrau Imme feierten vor Kurzem ihre goldene Hochzeit. Vikar Andrés López (rechts) beglückwünschte die beiden in der Martin-Luther-Kirche in Concepción.

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