Verdammt zum Botschafter

Lieber Cóndor-Leser,

 

wer auf Reisen ins Ausland geht, kennt das: Ist die Identität irgendwann aufgeflogen, wird man als Urlauber auch zwangsläufig auf seine eigene Heimat angesprochen und nach dem gegenwärtigen Stand von Politik und Wirtschaft befragt. Und so rutsch man plötzlich in die Rolle des «Volksvertreters» und muss für eine ganze Nation Rede und Antwort stehen.

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Auch ich komme hier in Chile oft in die Lage eines unbezahlten deutschen Botschafters. Das beginnt harmlos bei den Taxifahrern, die mich an Hand meiner holprigen spanischen Aussprache und den blonden Haaren sofort als «Gringo» identifiziert haben. Auf die Antwort, dass ich ein «alemán» sei, folgt die Nachfrage, ob aus Südchile oder ein «alemán alemán» aus Alemania. Ja, tatsächlich komme ich aus Deutschland – und dazu fällt den meisten Chauffeuren zu aller erst Beckenbauer, Bayern München, Hitler, Volkswagen, Mercedes und Angela Merkel ein.

Und ich bestätige freundlich, dass Merkel nun erneut wieder Deutschland regiert. Ob das gut sei? Fast bin ich geneigt zu sagen, dass ich das auch nicht weiß. Da müsste man schon meine Landsleute fragen, die dort leben. Und überhaupt sei das Thema doch komplexer. Aber eine solche Antwort würde den chilenischen Taxifahrer wohl kaum befriedigen. Hier ist nur ein klares ja oder nein gefragt. Und so entscheide ich mich für ja, denn als ewiger Nörgler will ich schließlich auch nicht dastehen. Obwohl – das wäre ja immerhin typisch deutsch.

Überhaupt, was ist da los bei euch Deutschen? Michael Schumacher nach einem schweren Ski-Unfall im Koma, auch Merkel hat sich auf der Piste eine Beckenverletzung zugezogen. – Tja, was ist da eigentlich los bei uns? Das frage ich mich auch, weiß aber erneut keine intelligente Antwort.

Unangenehmer wird´s schon eher, wenn mich Chilenen auf die südeuropäischen Krisenländer ansprechen. Für die zahlt ihr ja nun die Zeche, heißt es dann in einer Mischung aus Unverständnis und Gehässigkeit. Was soll man nun darauf antworten, um nicht als der typische Deutsche dazustehen, fleißig und diszipliniert, aber auch ein wenig treu-doof? Lassen wir Deutschen uns nun von den faulen und gewitzten Griechen und Spaniern ausnehmen? Gott sei Dank enden solche Gespräche meistens in wirtschaftspolitischer Fachsimpelei und verlaufen im Sande, ohne dass ich mich für unsere deutschen Politiker – und zwar parteiübergreifend – rechtfertigen muss.

Umgekehrt sehe ich mich aber als Botschafter meines Landes auch gezwungen, ein paar Vorstellungen von Deutschland gerade zu rücken. Geringe Arbeitslosigkeit, Exportboom, tolles Bildungswesen: Mag ja alles sein, erwidere ich auf solche Lobpreisungen. Aber wir essen auch nicht alle von goldenen Tellern. Ja selbst in Deutschland funktioniert nicht alles, manchmal fällt sogar eine Rolltreppe aus. – Wenn ich einen solchen Satz über die Lippen bringe, komme ich mir ganz schön bekloppt dabei vor.

Bei Themen wie Fußball-Bundesliga und Formel 1 laviere ich mich mehr schlecht als recht vorbei. Wahrscheinlich weiß der chilenisch Taxifahrer mehr darüber als ich, denn ich habe ich mich noch nie dafür großartig interessiert. Doch ich bin schließlich Deutscher, ich muss das doch wissen, oder? Und so nicke ich einfach nur gutmütig und bestätige meinem Fahrer seine Ansichten über den deutschen Fußball.

Glücklicherweiser betrete ich als teutonischer Repräsentant sicheres Terrain bei erneuerbaren Energien und Bier. Dazu kann ich endlich mal richtig was sagen und fühle sogar etwas wie Nationalstolz aufkeimen. Deutsche Autos und Maschinen genießen ein hohes Ansehen, auch deutsche Schokolade und Liköre, die meine Eltern mir regelmäßig schicken, sind bei meinem chilenischen Familienteil sehr beliebt.

Sollte die Waschmaschine made in Germany bei meiner Schwiegermutter allerdings einmal kaputt gehen, will ich lieber nicht dabei sein. Ich wüsste nicht, was ich vor lauter Verlegenheit antworten sollte auf ihre Enttäuschung und Entrüstung sowie ihren vorwurfsvollen Blick: «Wie konnte denn das passieren? Das ist doch ein deutsches Produkt!»

 

Herzlichst Ihr

 

Arne Dettmann

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One Comment

  1. W. Niesner

    Leider ist nicht immer alles so schön, wie es aus der Ferne aussieht:

    http://www.meistertipp.de/aktuelles/news/defekte-autobahnbruecken-sorgen-fuer-staus

    Viele Grüße aus der Heimat, ich vermisse Chile manchmal sehr.

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