Vater ohne Kater

Liebe Cóndor-Leser,

 

welches Alter ist eigentlich optimal für eine erste Vaterschaft? Laut einer Umfrage des deutschen Online-Portals Statista geben mehr als 50 Prozent der befragten Männer an, dass zwischen 25 und 30 Jahren der ideale Zeitpunkt sei. Und mehr als 30 Prozent ziehen einen späteren Zeitraum zwischen 30 und 35 Jahren vor. Doch die eigentliche Wahrheit wird in dieser Erhebung nicht berührt und ist viel ernüchternder: Viele Männer – und auch Frauen – wollen überhaupt keine Kinder haben.

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Seit Jahrzehnten ist die Geburtenrate in Deutschland im Sinkflug begriffen und bildet innerhalb der Europäischen Union das Schlusslicht. Weder die Sozialleistung «Elterngeld» und eine Erhöhung des «Kindergeldes» noch die Kindertagesstätten-Offensive konnten daran etwas ändern. Deutschland verzichtet auf Nachwuchs – und ich kann das sogar nachvollziehen.

Seit ein paar Jahren wird über die «neuen Väter» diskutiert, die wickeln, füttern, spielen und sich für die eigenen Kinder interessieren. Freudig wird in Feuilleton-Zeitungsseiten verkündet, dass das alte Rollenmuster vom Vater als Alleinernährer und Feierabend-Papi nun endgültig überwunden sei. Es lebe der moderne Daddy, der kocht und wäscht und somit die Gleichberechtigung der Frau ermöglicht!

Bei uns und auch befreundeten Pärchen sieht diese schöne neue Welt allerdings anders aus. In der Woche kochen und waschen wir nicht – das macht die chilenische Nana, denn wir sind beide voll berufstätig. Und somit spielen wir am Nachmittag auch nicht mit unseren beiden Söhnen, denn wir kommen erst spät abends vom Büro nach Hause. Die Erziehungsfunktion erfüllt also teilweise das chilenische Kindermädchen. Das ist nicht ideal, aber was wäre denn die Alternative?

Einer müsste seinen Beruf aufgeben und auf ein Stück Selbstverwirklichung samt Einkommen verzichten. Oder wir müssten in Deutschland wohnen, dann hätten wir wahrscheinlich keine Kinder.

Nein, meine Partnerin und ich gehören einem Familienmodell an, an dem es nichts konservativ-patriarchalisches, aber auch nichts euphorisch-innovatives gibt: Wir sind müde und froh, wenn wir uns durch den Feierabend-Stau und die volle Metro nach Hause gequält haben, um die Kinder ins Bett bringen zu dürfen. Und beim Gute-Nacht-Geschichtenerzählen schlafen wir oftmals zuerst ein. Wir sind erleichtert, wenn wir den Alltag bewältigen und sind erschöpft, wenn ein Wochenende mit Geschirrspülen, Kinderbespaßung und Einkaufen überstanden ist. Und ja, manchmal legen wir den Kleinen auch einfach nur einen Videofilm ein, um ein paar Augenblicke Ruhe zu haben. Das ist zwar nicht pädagogisch sinnvoll, aber damit können wir leben.

Trotz dieses entromantisierten Klageliedes lieben wir natürlich unsere Kinder, wie es wahrscheinlich alle Eltern tun. Daher wurmt uns auch die bohrende Gewissheit, dass wir sicherlich mehr für sie machen könnten, wenn die Umstände es denn zuließen. «Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.»

Und somit wird es an diesem Vatertag auch keine Auszeit geben, um mit Kumpels eine bierselige Kneipentour zu unternehmen. Denn schließlich steckt man auch sonntags in der Vaterrolle und kann sich keinen Kater leisten. Die Vatertagssause? Das ging, als ich noch nicht Vater war.

 

Herzlichst Ihr

 

Arne Dettmann

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