Unsere Welt, ein großer Bluff

Liebe Cóndor-Leser,

 

seit Wochen führt der Bestseller-Autor und Psychiater Peter Lütz in Deutschland die Hitliste bei den Sachbüchern an. Die Welt ist ein einziger «Bluff», so lautet nicht nur der Titel, sondern auch seine These. Demnach leben wir mit Täuschungen und Fälschungen, nur um uns in Bequemlichkeiten einzulullen und nicht mit der Wahrheit konfrontiert zu werden.

Das seichte Unterhaltungsfernsehen schafft dem Menschen eine Ersatzwelt, die Finanzwirtschaft wartet mit geschönten Bilanzen auf und ersetzt Glück durch Aktien, Make-up und Botox-Operationen gaukeln wahre Schönheit vor. Gleichzeitig haben die Naturwissenschaften die Deutungshoheit der Welt übernommen, so als ob die Frage nach Gott und dem Wozu unseres Lebens per Maßband und im Reagenzglas anzugehen sei. Was für ein Trugschluss, was für eine Verblendung!

Wie schon im berühmten Höhlengleichnis von Platon sehen wir letztendlich nichts als düstere Schatten an der Wand, trügerische Spiegelbilder, die wir vermeintlich als die Wirklichkeit deuten, während doch draußen das Licht der Wahrheit alles erstrahlt.

Um zu erkennen, wie sehr wir dazu neigen, uns gerne selbst zu belügen und anderen etwas vorzumachen, braucht es nicht einmal den alten griechischen Philosophen von vor 2.400 Jahren. Es reichen die Sendemasten für das Mobilfunknetz.

Mehr als 6.000 von ihnen stehen bereits in Chile, bis zu 35 Meter hohe Stahlspargel, eben keine Schönheiten im Landschaftsbild. Und so hat vor Kurzem der Gesetzgeber den Antennen eine Kleiderordnung verschrieben. Ganze 18 Tarnmodelle stehen zur Auswahl, darunter die Imitation zur Naturschönheit als Palme, Zypresse und Kiefer oder aber – je nach Geschmack – als Fahnenmast, Leuchtturm und Straßenlaterne.

Der große Bluff geht also weiter. Bei 17 Millionen Einwohnern in Chile gibt es ganze 22 Millionen Mobiltelefone, die täglich klingeln, summen, dudeln, in Metro, Bus und Bett benutzt werden und die aus unserer Alltagswelt überhaupt nicht mehr wegzudenken sind. Doch die hässlichen Funkantennen sollen wir lieber nicht erblicken. Sie werden verhüllt.

Und so kommt uns vielleicht nur noch gelegentlich beim längeren Betrachten einer allzu geradlinig und perfekt gewachsenen Araukarie der Zweifel, eine leichte Ahnung, dass sich hinter dieser geschönten Maske die eigentliche Wahrheit verbirgt.

 

Herzlichst Ihr

 

Arne Dettmann

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One Comment

  1. Rafael

    Das Cóndor-Gezwitscher ist herzerfrischend und klar – solche Texte wünscht man sich auch hier in Alemania! Wünsche weiterhin viel Erfolg und ein friedvolles Weihnachtsfest!

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