TAGgen Sie noch?

Liebe Cóndor-Leser,

alles war schon unter Dach und Fach: Unseren alten hatten wir beim Autohändler in Zahlung gegeben, einen anderen Gebrauchtwagen bereits ausgesucht, mit dem wir uns bereits auf der Urlaubsautobahn gen Süden wähnten. Doch dann die böse Überraschung: Auf der neuen Benzinkutsche lasteten Altschulden, und zwar aufgrund nicht bezahlter Straßengebühren, hierzulande TAG genannt. Der Vorbesitzer war offenbar sorglos umher gedüst, ohne die Maut-Rechnung zu begleichen.

Ich wurde stinksauer: Was sind das bloß für Typen, die anderen ihre eigenen Schulden aufdrücken wollen? Dies und weitere Mängel an dem Schlitten brachten schließlich mein Kühlwasser zum Überkochen. Die ganze Kaufaktion wurde abgeblasen, wir nahmen Kurs auf einen anderen Händler.

Dort das gleiche Spiel – nur drehte sich dieses Mal der Spieß um: Kurz vor Vertragsunterzeichnung wurden uns plötzlich Papiere vorgelegt, denen zufolge unser Gefährt beim TAG in der Kreide stand. Immerhin mit 300.000 Pesos. Ich lief rot an, zunächst aus Schamgefühl.

Doch auch diese Schuld stammte vom Vorbesitzer. Dieser hatte mehrmals den Wegezoll nicht bezahlt und diese großzügige Erbschaft samt Strafen uns hinterlassen. Übrigens kein Einzelfall: Schätzungsweise mehr als zwei Millionen Autos brausen durch Chile, die Rückstände aufweisen – der extremste Fall liegt bei 100 Millionen Pesos. Entweder zahlen die Besitzer ganz bewusst nicht oder sie wissen, wie in unserem Fall, gar nichts davon. Denn es kann zwei, drei Jahre dauern, bis ausstehende Mautgebühren überhaupt im System (www.autenticar.cl) registriert werden.

Während Sie in Deutschland einen Strafzettel spätestens nach drei Wochen verpasst bekommen, wird man hier zu Missbrauch fast schon eingeladen. Die Richterin jedenfalls, bei der wir vorsprechen mussten, erklärte uns für unschuldig und setzte mit einer Unterschrift den Schuldenstand des Fahrzeugs von 300.000 auf null Pesos zurück, nach dem Motto: Freie Fahrt für freie Bürger.

Ich will Sie mit dieser Geschichte bestimmt nicht in Versuchung führen, schließlich sind wir alles ehrliche Menschen. Aber eine Frage ist doch erlaubt: TAGgen Sie eigentlich noch?

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