Schwule Ampelmännchen

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Da geht einem das Herz auf: Homosexuelle Ampelmännchen in Deutschlands Straßen

Liebe Cóndor-Leser,

«was ist typisch für Hamburg?», fragte mich unser Sohn Kai (6), als wir mit dem Flugzeug in meiner Heimatstadt landeten. Dabei wurde der Vogel von Turbulenzen erfasst. Der Wind sei typisch, antwortete ich. Als zwei Wochen später die Ferien zu Ende waren, wir im Flieger saßen, der beim Abheben von kräftigen Böen durchgeschüttelt wurde, hatte unser Sohn keine weiteren Fragen mehr.
Doch nicht nur die frischen Brisen sind typisch, wie ich jetzt feststellen musste. Charakteristisch für die Deutschen ist auch, dass sie alles besonders gründlich und genau machen, was manchmal auch skurrile Formen annimmt.
So gehört Hamburg zu den ersten Städten Deutschlands, die Fußgängerampeln mit gleichgeschlechtlichen Pärchen aufleuchten lassen anstatt dem üblichen Ampelmännchen. Und nicht nur das: Auf der einen Straßenseite ist ein schwules, auf der anderen Seite ein lesbisches Paar zu sehen. Ich war so sprachlos und verunsichert, dass ich selbst bei Grün nicht über die Straße gehen wollte, schließlich bin ich doch heterosexuell. Musste ich nicht auf ein Mann-Frau-Symbol warten?
Die schwulen Ampelmännchen seien ein Signal für mehr Toleranz, Offenheit und Akzeptanz von gleichgeschlechtlicher Liebe in unserer Stadt, argumentieren die verantwortlichen Politiker. Andere schütteln dagegen nur den Kopf. Staus, schlechte Verkehrswege, Elbvertiefung – haben wir nicht wichtigere Probleme zu lösen?
Doch mittlerweile erreichten die homosexuellen Ampelpärchen auch die Hauptstadt Berlin, ließen sich in München anlässlich des Fest- und Demonstrationstages Christoper-Street-Day blicken und haben sich auch in Österreich etabliert, um den Verkehr zu regeln, wobei das Wort «Verkehr» nun konsequenterweise nicht nur auf Autos, Fahrräder und Passanten bezogen wird.
Sie halten das vielleicht für übertrieben? Ich auch. Doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier und passt sich an seine Umgebung an. Und so habe ich überhaupt keine Zweifel, dass ich bei unserem nächsten Besuch in meiner Heimatstadt auf die Frage meines Sohnes, was typisch für Hamburg sei, antworten werde: der Wind. Und schwule Ampelmännchen.

Herzlichst Ihr

Arne Dettmann

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