Schmieren und Schreiben

Liebe Cóndor-Leser,

 

der neue Trimm-dich-Pfad an der Straße Tobalaba im Santiaguiner Stadtteil La Reina war noch nicht eingeweiht – da war er auch schon beschmiert. Sprayer hatten sich wahrscheinlich heimlich bei Nacht und Nebel an den Tafeln ausgelassen, auf denen die Erklärungen zu den einzelnen Fitnessgeräten nachzulesen sind. Deren Oberfläche wird nun von undefinierbarem Filzstiftgekritzel verunstaltet. Das ist nicht nur traurig, sondern es macht auch wütend.

Was in den Köpfen solcher Schmierfinken vor sich geht, wenn sie illegal ganze Hauswände, Bushaltestellen und Denkmäler verschmutzen und einsauen, darüber kann man spekulieren. Frust oder Geltungsdrang, die im öffentlichen Raum ausgelebt werden müssen? Oder einfach die pure Lust, jemanden anderen zu schädigen und zu ärgern? Die Antwort ist eigentlich gleichgültig, was zählt, ist der Schaden.

In Deutschland werden pro Jahr schätzungsweise 500 Millionen Euro zur Beseitigung von Graffiti ausgegeben. Die Hälfte davon entfällt auf private Eigentümer. Gegenmaßnahmen wie verstärkte Abzäunung, mehr Überwachung und das Anbringen von speziellen Schutzflächen sind zudem kostenaufwendig. Denn manche Sprayer schmieren nicht nur, sondern ritzen und kratzen auch gerne mit scharfen Gegenständen auf Lack- und Kunststoffoberflächen. Die umgekehrte Strategie ist, Freiflächen zu schaffen, auf denen Graffiti als Kunstform erlaubt ist, damit sich Kinder und Jugendliche dort austoben können.

Eine weitere Motivation für das Verunreinigen ist übrigens laut einer Untersuchung der Universität Potsdam der Adrenalinstoß, ausgelöst durch Stress angesichts der Gefahr und des Bewusstseins, etwas Illegales zu tun. Sozusagen ein drogenrauschähnlicher Kick beim Sprühen.

Nun denn, auch Wolfgang Wanckel dürfte Ähnliches gespürt haben, als er sich ans Werk machte: Der Cóndor-Leser hat seine Lebensgeschichte aufgeschrieben, die er nun bald zur Vervielfältigung in Druck geben will. Vielleicht geriet er dabei ebenso wie die Sprayer Tobalaba in einen emotional-kreativen Zustand – allerdings mit drei wesentlichen Unterschieden: Die Schilder auf dem Trimm-dich-Pfad wären jetzt noch intakt, weil der Autor eigenes Papier nutzte; Wanckels «Gekritzel» besteht zudem aus lesbaren Haupt- und Nebensätzen, die einen Inhalt ergeben; und drittens: Seine Lektüre wird niemanden aufgezwungen.

 

Herzlichst Ihr

 

Arne Dettmann

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