Rápido y Furioso

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Von Arne Dettmann

Als meine Frau neulich unsere beiden Söhne von einem Schulfreund abgeholt hatte, staunte sie nicht schlecht, als sie zu ihrem Auto zurück kam. «Estaciona bien, WN» hatte jemand mit Lippenstift auf zwei Fenster geschrieben. Das Kürzel «WN» steht natürlich nicht für irgendeinen Namen, sondern meint einen bekannten chilenischen Ausdruck, der besonders im Straßenverkehr gerne verwendet wird, um Dampf abzulassen.

Und in der Tat kochte der Kessel über: Ein Ehepaar beschimpfte meine Frau, sie hätte falsch geparkt und die Ausfahrt versperrt. Der Mann drohte, er würde mit seinem riesigen Geländewagen den kleinen Stadtflitzer meiner Frau niederwalzen. Sie selbst reagierte ruhig und erklärte unseren geschockten Söhnen später, sie habe überhaupt nicht falsch geparkt. Im Übrigen sei die Wutattacke des Ehepaares eine schlimme Ausnahme. – Aber stimmt das?

Laut einer Umfrage des Automobilclubs Chile bezeichnen 80 Prozent aller Fußgänger den chilenischen Autofahrer als aggressiv. Kein Wunder, denn wer zu Fuß die Straße passiert, muss häufig wie ein Torero in der Arena den wilden Stieren ausweichen. Und wiederum 93 Prozent der Fahrer erklärten, mindestens einmal in drei Jahren mit einem anderen Verkehrsteilnehmer außerhalb des Wagens heftig aneinander geraten zu sein, nach dem Motto: Wenn der Blinker nicht hilft, dann eben die Faust.

Doch das ist ebenfalls keine Überraschung, denn wer rast, schneidet und dicht auffährt, muss mit Vergeltungsaktionen rechnen. In der Avenida Bilbao sah ich sogar einmal, wie ein Jeep absichtlich auffuhr, um sich dafür zu rächen, dass er überholt wurde. Ein Viertel der Befragten gab unumwunden zu, ganz bewusst offensiv zu fahren und die Konfrontation samt Nervenkitzel förmlich zu suchen.

Szenen also wie in der US-Actionfilmserie «Too fast, too furious» (auf Spanisch «Rápido y Furioso»). Die Ursachen für den Furor chilensis sind vielfältig. Zu viele Autos und zu wenig Straßen, attestieren Verkehrsexperten, führen zu Stress. Ein Schneckentempo im Stau reiche dann schon aus, den Siedepunkt zum wutschäumenden Überlaufen schnell zu erreichen.

Eine Entspannung für alle Choleriker ist leider nicht in Sicht, im Gegenteil: Der Fuhrpark Chiles ist auf 4,7 Millionen Autos angestiegen, 2020 könnten es schon sieben Millionen sein. Und es ist unwahrscheinlich, dass alle neu hinzu kommenden Fahrer nur im Sand der leeren Atacama-Wüste Kreis drehen wollen. Wahrscheinlich dagegen, dass der achte Teil von «Rápido y Furioso» in Santiago spielen wird.

Soziologen suchen die Ursache für die weit verbreitete Rücksichtslosigkeit und Angriffslust nicht so sehr im technisch-infrastrukturellen Bereich, sondern verweisen darauf, dass Chile zu den Ländern mit der stärksten Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen zählt. Leistungsdruck und Konkurrenzdenken könnten zu Anspannung sowie Frust führen, eine geballte Ladung, die dann auf der Straße explodiert, nach dem Motto: Nimm deine Chancen wahr, lass dich nicht ausbremsen!

Der Raketenstart an der Ampel und der vermeintliche Gewinn, dem «Gegner» an der nächsten roten Ampel eine Wagenlänge voraus zu sein, lassen sich zwar nicht mit Vernunft begründen, verschaffen dem jeweiligen Michael Schumacher aber das Gefühl eines befriedigenden Sieges («Dem hab ich´s aber gezeigt»).

Eine Anmerkung an alle männliche Raser und Rüpel: Schnell loslegen und schnell ankommen finden die meisten Frauen nicht besonders attraktiv, schon gar nicht in der Liebe.

Dabei ist die Streitsucht auf vier Rädern keineswegs auf sozial Benachteiligte beschränkt. Vor Kurzem gerieten zwei Väter vor der Deutschen Schule Santiago in die Haare, so dass die Schulleitung sich veranlasst sah, in einem offiziellen Schreiben aufzurufen, doch mehr Umsicht walten zu lassen. Fazit: Bei Geld hört die Freundschaft auf – und jetzt auch bei Parkplätzen.

Noch einen interessanten Erklärungsansatz bieten Psychologen. Sie weisen darauf hin, dass mit der Größe des Wagens auch der Eindruck des Übermächtigen zunehme. Wer sich also über sein Auto definiere, der neige zu aggressivem Verhalten im Straßenverkehr. Tatsächlich sind es vielmals große Autos, die hinter mir ein Blitzlichtgewitter loslassen und mir so dicht auffahren, als ob sie meine Abgasprüfung vornehmen wollten. Dabei fahre ich gar keinen VW.

Provokationen, Beleidigungen (siehe WN), riskante Manöver – für solche Erregungsausbrüche scheint es viele Quellen zu geben. Anfang dieses Jahres lernte ich eine weitere hinzu: Vor dem alten Kindergarten unserer Söhne in La Reina parkte eine Frau direkt vor dem Eingang, damit der Nachwuchs bloß nicht zu lange laufen musste. Dadurch blockierte sie allerdings den Bürgersteig, andere Eltern mussten mit ihren Kindern auf die Straße ausweichen.

Und das ist der Weisheit letzter Schluss: Wut macht rasend und Liebe blind.

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One Comment

  1. carrillozeiter@yahoo.com

    Menos mal, dass die nicht CTM geschrieben haben!

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