Kein Sinn fürs Kulturerbe

Liebe Cóndor-Leser,

in Osorno müssen einige Hausbesitzer bald ohne Garten, Schwimmbecken und Grillplatz auskommen. Der Grund: Für eine Verbreiterung der Mackenna-Allee werden die Anlieger um einen Teil ihrer Grundstücke enteignet, wo sich dann zukünftig Asphaltbelag anstatt Grünflächen breit macht.

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Touristisches Aushängeschild: das Stückrath-Anwesen in Osorno

Unter den Betroffenen des staatlichen Eingriffs befinden sich auch historische Häuser der deutschen Einwanderer, wie zum Beispiel das Federico-Stückrath-Anwesen. Eigentlich stehen mehrere dieser schönen Gebäude – das älteste aus dem Jahr 1854 – sogar unter Denkmalschutz. Doch die Behörde fand offenbar das historische Erbe nicht unbedingt schützenswert und gab dem Modernisierungsdruck schließlich nach.
Das ist schade. Natürlich muss jedes Land auf dieser Welt neue Häuser bauen und seine Infrastruktur entwickeln. Doch gerade in Chile, wo nur spärlich alte Bausubstanz vorhanden ist, fällt dieses Wenige allzu oft der Abrissbirne zum Opfer. Anstatt sich auf die geschichtlichen Wurzeln zu besinnen und kulturhistorisch relevante Gebäude zu bewahren, walzen gesichtslose und kalte Konstruktionen aus Stahl und Beton alles nieder. Ein Zurück gibt es dann nicht mehr: Was in einem rücksichtslosen Bauwahn in kurzer Zeit einmal abgerissen wurde, ist unwiderruflich futsch. Das historische Zeugnis, das ein lebendiges Bild alter Baukunst und vergangener Lebensweise gab, existiert schließlich nur noch auf Fotografien in Geschichtsbüchern.
Die betroffenen Hausbesitzer in Osorno regt besonders auf, dass sie vom Stadtentwicklungs- und Wohnungsbauministerium nur sehr mangelhaft über das Straßenprojekt informiert worden seien, so der Vorwurf. Man habe sie vor vollendete Tatsachen gestellt, ohne die Möglichkeit, sich irgendwie zur Wehr zu setzen.
Schlimmer noch: Margot Stückrath Follert und ihre Familie haben aus eigenen Mitteln das historische Haus in Schuss gehalten und auch in die Verschönerung des Gartens viel Geld investiert. María Luisa Eberhardt erklärt in der Zeitung «El Austral de Osorno», dass die Reparaturen an der alten Bausubstanz teuer seien, denn die speziellen Hölzer müssten passgenau zugeschnitten werden. Denkmalschutz verlangt Sensibilität sowie Liebe zum Detail. All die Investitionen und jahrelange Pflege scheinen nun umsonst gewesen zu sein.
Im April ist die Bauphase abgeschlossen, so die Planung. Dann donnern zukünftig Autos eng auf beiden Seiten der alten Kolonistenhäuser vorbei, die bisher als touristische Sehenswürdigkeiten angepriesen wurden. Ein Sinn zur Bewahrung des Kulturerbes fehle leider in Chile, resümiert der Architekt Paulo Arce in einem «Austral del Osorno»-Interview. Wer sich nicht ganz so pessimistisch geben will, könnte aber auch argumentieren, dass es immerhin noch ein Glück ist, dass die alten Häuser nicht komplett abgerissen wurden.

Herzlichst Ihr

Arne Dettmann

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