Kein Etikettenschwindel mit den Krautfressern!

Liebe Cóndor-Leser,

es hätte so ein leckeres Essen zum Vatertag sein können. Und das wurde es auch! Allerdings nicht so, wie es sich ein Cóndor-Leser vorgestellt hatte. Denn mit hungrigem Magen war er in den Club Manquehue gegangen, um dort herzhaft zu schmausen. Schon beim Gedanken an die deutsche Küche lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Doch als er die Speisekarte las, wäre ihm das Essen fast im Hals stecken geblieben, noch ehe er ein Bissen hinunter tat: Ají de Gallina, Lasagne, Paella und Longaniza.
Wie bitte? Unser Leser hatte deutsche Hausmannskost erwartet. Stattdessen wurden ihm Spezialitäten der peruanischen, italienischen und spanischen Küche aufgetischt. Selbst die Longaniza-Wurst gilt nicht, da sie wahrscheinlich aus chilenischer Produktion stammt.
Nun müssen wir an dieser Stelle den Club Manquehue allerdings in Schutz nehmen. Denn die Bierstube wartet sehr wohl mit typisch deutschen Köstlichkeiten auf. Auch der Deutsch-Chilenische Bund hatte eine Woche vor dem Vatertag zu einem geselligen Beisammensein (siehe Fotoseite 5) bei Bier, Currywurst und Leberkäse und Brezeln eingeladen.

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Ein richtig deutscher Hamburger? Aber bitte mit Sauerkraut.

Doch leider ist es mit der Gastronomie oftmals wie im richtigen Leben: Nicht immer steckt das drin, was man erwartet. Hier in Chile gibt es etliche Restaurants, die einem ein «plato alemán» versprechen. Hebt man dann vom Sandwich die obere Brotscheibe an, so entdeckt der Gast eine Schicht Sauerkraut. Aha, daher also die Bezeichnung «deutsch». Der Rest mit Tomate und Fleisch könnte in jedem x-beliebigen Fastfood-Laden in Europa, den USA, Japan und Australien angeboten werden. Erst das typisch deutsche Sauerkraut macht den Hamburger so unverwechselbar deutsch – oder?
Das zumindest fragen mich chilenische Freunde. Doch ich muss dann antworten, dass ich noch nie in Deutschland einen Sandwich mit Sauerkraut gegessen habe. Ehrlich! Nicht einmal bei meinen Eltern in Hamburg gab es das «german sauerkraut» zu essen. Das Wort «Krautfresser» als eine abwertende Sammelbezeichnung für die Deutschen trifft zumindest auf mich nicht zu. Und wer mir hierzulande einen «Sandwich alemán» so unterjubeln will, dem sage ich entrüstet: Halt, das ist Etikettenschwindel!
Übrigens wird nicht nur mit der deutschen Küche Schindluder getrieben. Kürzlich war ich in einem – angeblich – dänischen Schnellrestaurant. Auch dort wurde ein austauschbarer Allerwelts-Burger aufgetischt. Nur der vermeintliche Dannebrog, die kleine dänische Flagge, die in die Brotmitte hineingepikst war, signalisierte mir: Typisch skandinavisch. Mein Hinweis, dass es sich aber um die norwegische Flagge handelte, machte die Sache natürlich nicht besser. Immerhin, ich wurde satt.

Herzlichst Ihr

Arne Dettmann

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