Kaltblütig gegen warmherzig

Liebe Cóndor-Leser,

 

was ist für Sie Kälte? Zehn Grad über null? Oder muss das Quecksilber deutlich tiefer hinhuntersacken, damit Sie frösteln? Bei der Temperatur ist es wie beim Geschmack: Die Meinungen gehen auseinander. Und das macht die Sache nicht gerade einfacher.

Die (besorgte) Mutter meiner Kinder: «Was?! Du bist mit Kai (unser dreijähriger Sohn) anderthalb Stunden rausgegangen? Bei der Kälte?»

Ich (der sorglose Vater): «So kalt ist es nun ja auch nicht. Außerdem ist er doch warm angezogen.»

Sie (Chilenin): «Ja, ja, das Thema hatten wir schon einmal.»

Ich (Deutscher): «Richtig. Und daran wird sich auch nichts ändern: Ihr in Chile packt die Kinder zu sehr in dicke Kleidung ein, völlig übertrieben und überbehütet. Als ich in klein war, haben wir auch draußen gespielt – und zwar bei minus zehn Grad und im Schnee!»

Sie (das gute Gewissen): «Und dabei hast du dich dann erkältet.»

Ich (der Besserwisser): «Husten und Schnupfen bekommt man durch eine Infektion, nicht ausschließlich durch Kälte.»

Sie: «Und warum haben dann die Kinder alle im Winter eine Erkältung?»

Diese Diskussion geht noch eine Weile weiter – Fortsetzung garantiert. Die Ironie der Geschichte bildete dabei kürzlich der Besuch von unseren Nachbarn.

Die beiden Männer klingeln an der Tür, ich mache auf. «Mensch, der Alemán nur mit hochgekrempelten Hemdsärmeln!», entfährt es dem einen verwundert. Der andere lacht: «Typisch deutsch. Naja, ihr seid die Kälte ja gewohnt.» Und ich denke nur: Nein, sind wir eigentlich nicht. Aber irgend jemand hat hier bei uns Zuhause die Heizung so dermaßen hochgedreht, dass wir bald Saunatücher verteilen können.

 

Bei Anruf: Absage

Der Beschwerdebrief an El Mercurio zeigte Wirkung. Nachdem ich die Tageszeitung davon unterrichtet hatte, dass bei VTR als einem der größten TV-Anbieter in Chile leider nicht mehr die Deutsche Welle (DW) auf Deutsch zu empfangen sei, klingelte es neulich in der Cóndor-Redaktion.

Die Dame von VTR bedankte sich artig für die Klage, verwies aber dann freundlich darauf, dass laut einer Umfrage die Mehrheit der Kunden eben auf Spanisch die DW sehen wolle. Mein Gegenargument, dass beispielsweise bei einer Umfrage des Hamburger Abendblatts, ob Lateinamerika-Nachrichten zukünftig auf Spanisch in der Zeitung erscheinen sollten, sich wohl kaum eine Minderheit von mehreren Tausend Spanischsprachigen in der Hansestadt gegen die große Masse der Deutschleser durchsetzen könnte, zog nicht. Vielleicht klappt es ja bei der nächsten Umfrage, konterte sie beruhigend.

Zumindest ein Cóndor-Leser hat bereits die Konsequenzen gezogen und den Anbieter gewechselt, wie er kürzlich mitteilte. Das war zwar kaltblütig, aber auch verständlich.

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