Ich bekenne: Ich habe bestochen

Liebe Cóndor-Leser,

 

ich sah sie zum ersten Mal an einem schönen Sommerabend, als ich nichtsahnend um die Ecke bog. Da lagen sie, Mauersteine, Geröll und Sand, und zwar direkt vor unserem Grundstückseingang. Das Wasserversorgungsunternehmen Aguas Andinas hatte einen Schacht aufgebrochen und ein großes Ventil erneuert. Die gähnende Bodenöffnung war nur unzureichend zugedeckt worden. Und das blieb auch erst einmal so die nächsten Tage.

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Schließlich legte ich ein Brett über das Loch und beschwerte mich bei Aguas Andinas. Das wirkte, irgendwann bekam der Kanalisationsschacht eine neue Betondecke verpasst. Doch die alten Mauersteine, das Geröll und der Sand wurden nicht weggeräumt. Und das blieb auch erst einmal so die nächsten Tage.

Aus Tagen wurden Wochen. Jedes Mal, wenn ich erneut Beschwerde einlegte bei Aguas Andinas, hoffte ich, dass ich eines Tages um die Ecke biegen und sie dann nicht mehr sehen würde. Doch da waren sie wieder: Steine, Geröll und Sand. Unbeweglich, plump, mich herausfordernd, einfach dreist.

Auf unsere Beschwerde bei der Aufsichtsbehörde passierte nichts. Und in der Gemeindeverwaltung von La Reina ging man nicht einmal ans Telefon. Aguas Andinas wiederum versicherte mir immer hoffnungsvoll, dass der Schutthaufen bald beiseite geschafft würde, was natürlich nicht geschah. Langsam dämmerte es mir, dass ich ähnlich wie Josef K. in Franz Kafkas «Der Prozess» einem geheimen Komplott, einer surrealen Bürokratie zum Opfer gefallen war.

In meiner Verzweiflung fragte ich ein privates Bauunternehmen. Doch die verlangten für den Abtransport viel Geld, und es ging mir ohnehin gegen den Strich, für den Schlamassel, den ich nicht verursacht hatte, auch noch zu bezahlen.

Und so beschloss ich, es wie unsere chilenischen Nachbarn zu machen: einfach nichts. Abwarten und sich nicht aufregen lautete die Devise. Doch hielt ich das nicht lange durch, meine Nerven machten da nicht mit. Zumal der Schutthaufen langsam anwuchs, denn Passanten sahen in meiner Geröllhalde einen prima Ablegeplatz für Müll. Der Spruch «Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen» erhielt für mich eine neue Bedeutung.

Am Ende riss mir der Geduldsfaden und ich ergriff drastische Maßnahmen. Bewaffnet mit Bauhandschuhen und Spaten fing ich an, die Steine in einen Behälter zu schaufeln. Den würde ich direkt vor einem Werk von Aguas Andinas entleeren und dazu eine Tafel aufstellen: «Dieser Schutt gehört euch, ihr habt ihn nie abgeholt!» Doch meine Partnerin befürchtete ernsthafte Schlägereien und brach meine verrückte Aktion ab. Wutentbrannt rannte ich ins Haus zurück. Sollte die ganze Sache doch zum Teufel gehen!

D a hörte ich plötzlich ein Geräusch: ein Müllauto. Die dürfen zwar keinen Bauschutt mitnehmen. Doch was, wenn man ihnen Schmiergeld zahlen würde? Ich meine, eine kleine Aufmerksamkeit? Chile gilt zwar nicht als korrupt, doch 100-prozentig integer ist wohl niemand auf der Welt.

Ich jedenfalls hatte keine Skrupel mehr, die Männer von der chilenischen Müllabfuhr zu bestechen und rannte zurück auf die Straße. Das Mafia ähnliche Geschäft nahm schließlich seinen Lauf. Was sich wochenlang in die Länge gezogen hatte, war in ein Paar Minuten erledigt.

Und somit bekenne ich an dieser Stelle: Ja, ich habe bestochen. – Aber wissen Sie was? Der verdammte Schutthaufen, der ist endlich weg.

 

Herzlichst Ihr

 

Arne Dettmann

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One Comment

  1. Helmut Teichmann

    …das ist in der EU offiziell angeblich viel besser…
    aber wozu hat man denn eine Internationale Antikorruptionsbehörde geschaffen…!?!

    http://de.wikipedia.org/wiki/Antikorruptions-Akademie
    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Logo.colour.JPG

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