Die Hochzeit ein Traum

Liebe Cóndor-Leser,

gleich zu Beginn unserer Hochzeit hatte ich ein ungutes Gefühl. Mein Blick glitt durch die Kirche, wanderte zu Pastor Kurt Gysel und blieb schließlich auf meinen Händen ruhen. Da durchzuckte es mich wie ein Blitz: Wir hatten die Ringe vergessen!
Voller Schreck zischte ich meine Verlobte an, doch sie reagierte nicht. Ich stieß ihr ans Bein. Erst jetzt guckte sich mich an. «Die Trauringe!», flüsterte ich energisch. Sie: «Was ist los?» Ich: «Wir haben sie vergessen!» Sie: «Waaas?!»
Fieberhaft suchte ich eine Lösung, während Pastor Gysel seelenruhig weiterpredigte. Und dann sah ich nur einen Ausweg: Wir mussten fliehen! «Bist du verrückt geworden?», raunte Valentina. Doch es blieb nichts anderes übrig: Lieber rasch flüchten als vor den Traualter ohne Ringe zu schreiten und sich der größten Peinlichkeit des Lebens auszusetzen.
Plötzlich packte ich Valentina an der Hand und hastete mit ihr durch die Besucherreihen aus der Kirche. Wir liefen und rannten, bis wir endlich im Busbahnhof Estación Central ankamen und sie sich in ihrem schönen Hochzeitskleid zwischen Koffer und Reisende setzte und mich völlig aufgelöst fragte, wie das passieren konnte und was wir denn nun machen sollten.

4111_p6_editorial
Und jetzt kam mir das alles schon recht merkwürdig vor, irgendetwas war hier faul. Pastor Gysel hatte uns nicht einmal vorgewarnt, dass wir bald getraut werden würden. Wir hatten völlig unvorbereitet in der Kirche gesessen. Und dass die Ringe fehlten, war doch auch nicht normal. Und dann machte es klick bei mir. «Valentina, das hier ist nicht die Realität, wir sind in einem Traum.» – «Was? Aber das kann doch gar nicht sein, alles ist so wirklich.» Doch ich gab nicht nach: «Wir müssen aufwachen, Valentina. Wir müssen aufwachen!»
Und dann öffnete ich die Augen und streckte mich im schweißnassen Bett. Es war ein Donnerstagmorgen im Oktober 2014, noch zweieinhalb Monate bis zur Hochzeit. Puh, was für ein Glück!
Natürlich sorgte meine Traumerzählung im Verwandten- und Freundeskreis für viel Gelächter. Vor allem die Chilenen amüsierte, dass ich – eben typisch deutsch – noch im Traum in der Lage gewesen sei, per Vernunft und Verstand meine Lage abzuwägen und den bösen Nachtalb zu vertreiben. Und ich lachte auch mit. Doch tatsächlich verbirgt sich hinter meiner gespielten Heiterkeit dahinter vor allem eins: viel Nervosität.
Die Organisation des Festes ist zeitaufwendig und anstrengend, alle Details müssen gut geplant werden. Der Sorgenstress hat Folgen: Auch meine Partnerin wurde schon von Hochzeitsträumen heimgesucht.
Übrigens habe ich es so wie die Hauptfigur in den Versdramen «Das Leben ein Traum» des spanischen Poeten Calderón de la Barca gemacht: Nachdem sich der Prinz Sigismund als tyrannischer Herrscher über Polen nicht bewährt hat, wird er von seinem Vater wieder ins Turmverlies geworfen und ihm tröstend erklärt, dass der Tag seiner Regentschaft nur ein böser Traum war, aus dem er erneut in der Gefangenschaft erwacht. Doch bei der zweiten Verwirklichung seines Traumes hat Sigismund aus seinen Erfahrungen gelernt und regiert weise als auch gerecht. Ja, und ich habe natürlich auch dazu gelernt und die Trauringe nun schon längst bestellt.

Herzlichst Ihr

Arne Dettmann

P.S.: Einige Cóndor-Leser fragten mich, ob ich denn nun endlich meinen Führerschein habe. Leider muss ich abermals enttäuschen: So wie die Sachen stehen, habe ich eher eine chilenische Ehefrau als einen chilenischen Führerschein.

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*