Eine Frage der Bildung

Liebe Cóndor-Leser,

 

seit Monaten füllen die Schüler- und Studentenproteste die Zeitungen und TV-Nachrichtensendungen in Chile. Bildungsexperten werden um ihre Meinung gefragt, Politiker geben eine Lageeinschätzung ab, Gegner und Befürworter liefern sich einen Schlagabtausch. Und bisweilen kommt es dabei zu seltsamen Stilblüten.

So schrieb kürzlich im El Mercurio der bekannte Kolumnist, Universitätsprofessor und Unternehmer Sergio Melnick, die Proteste seien letztendlich ein gezieltes Manöver von linksextremen Parteien, um die Piñera-Regierung zu schwächen. Als Beweis führte Melnick die Studentensprecherin Camila Vallejo an, die Mitglied der Kommunistischen Partei ist. Und das war noch nicht alles: Das chilenische Bildungssystem sei zudem auf einem soliden Fundament gut aufgestellt, setzte Melnick noch einen oben drauf.

Erstaunlich dabei ist, wie der Autor mit einem Wisch jahrelange Bildungsdebatten und Erziehungsreformen einfach vom Tisch fegt, so als ob überhaupt kein Handlungsbedarf bestünde. Und in einem fast schon genialen Streich macht Melnick dabei gleichzeitig Hunderttausende Schüler und Studenten zu militanten Mitgliedern der linksextremen Splitterpartei. So viel jungen Zulauf hätten sich die Genossen selbst in ihren kühnsten Träumen nicht ausgemalt.

Sprecherin der Studentenproteste Camila Vallejo

Doch nicht nur Sergio Melnick, der offenbar alten Klassenkampf-Schemata vergangener Zeiten verhaftet geblieben ist, scheint ein wenig die Bodenhaftung verloren zu haben. Völlig übertrieben märtyrerhaft führten sich auch die drei Studenten auf, die die Nahrungsaufnahme verweigerten.

Hungerstreik als Form des passiven Widerstands: Das ruft Erinnerungen an Mahatma Gandhi wach, der damit sein Volk von einem Bürgerkrieg abhielt. Oder an kubanische Dissidenten im Kampf gegen ein diktatorisches Regime. Vielleicht auch an inhaftierte Mitglieder der linksextremistischen Terrororganisation Rote Armee Fraktion in den 70er-Jahren in Deutschland.

Eins wird damit jedenfalls schnell klar: Hier in Chile geht es glücklicherweise nicht um Bürgerkrieg, Diktatur und Terroristen. Thema ist das Bildungssystem eines Landes, und ein Hungerstreik daher genauso unverhältnismäßig wie die Befürchtung einiger Journalisten, dass mit den Protesten nun alles aus dem Ruder läuft, die Basis einer ganzen Gesellschaft zerbröckelt und der Untergang eines westlichen Abendlandes bevorstünde.

Dass sich Interessengruppen öffentlich artikulieren, ist in vielen Demokratien dieser Welt durchaus normal. Denn nicht immer gelingt es den Parteien, deren Anliegen zu bündeln und im Parlament zu vertreten. Die aktuellen Proteste in Chile spiegeln daher ein Versäumnis aller Parteien wieder, die es bisher nicht verstanden haben, für die Benachteiligten des chilenischen Bildungssystems eine zufriedenstellende Lösung zu finden.

Und dass es Benachteiligte gibt, muss wohl auch Herr Melnick einsehen, der sich über die kommunistische Camila Vallejo erhitzt. Eine polemische Gegenfrage: Würde ein Schüler vom Colegio Cordillera die Protestbewegung anführen? In einer Rangliste der besten Schulen des Landes, erstellt von der Zeitschrift Qué pasa, landete diese private Bildungseinrichtung auf Platz 1. Der dortige monatliche Beitrag pro Schüler: mehr als 320.000 Pesos. Ein solcher Pennäler, der die Vorzüge des privaten Bildungssektors auf höchster Stufe genießt, braucht sich um seine Erziehung und beruflichen Aussichten kaum Sorgen machen. Sozial Schwache dagegen haben das Nachsehen. Und hier nimmt das Märchen von der Chancengerechtigkeit seinen Anfang.

Erhöhte Sozialausgaben, das zeigt die Erfahrung aus anderen Ländern, machen eine Benachteiligung nur erträglich, ersetzen aber keine fundierte Bildung. Ebenso wenig eine Volksabstimmung, wie ihn die Protestbewegung fordert und die Opposition unterstützt. Ein Plebiszit für oder gegen Gewinnstreben im Bildungssektor schafft für sich genommen noch keine Verbesserung. Ganz zu Recht bezeichnete die britische Wochenzeitschrift The Economist die Reduzierung eines komplexen Sachverhalts auf nur eine einzige Frage als verantwortungslos und populistisch.

Intelligente Reformen seien vielmehr gefordert – und zwar schnell. Dem kann man sich nur anschließen.

 

Herzlichst Ihr

 

Arne Dettmann

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