Eine bewegte Seefahrt

Liebe Cóndor-Leser,

seekrank werden? Ich doch nicht! Bin schließlich Hamburger und habe sogar einen Segelschein.
Und mit dieser Überheblichkeit – sowie einer schweren Magenkost samt alkoholischer Getränke – ging ich abends an Bord der «Aquiles», um von Valparaíso aus die Robinson-Crusoe-Insel zur Gedenkfeier 100 Jahre «Dresden» anzusteuern. Schiff ahoi! Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön… Tja, und dann wurde ich seekrank.
Der Humboldt-Strom und ein Wind von vorn schaukelten das Schiff ordentlich durch, das mal zu allen Seiten hin krängte und dazu noch auf und nieder ging. «Mit drei, vier Pisco Sour geht die Seekrankheit weg», hatte Admiral Arturo Undurraga noch scherzhaft gesagt. Ich hatte das Gefühl, es war genau anders herum: Die drei, vier Pisco Sour machten mich seekrank. In der Koje jedenfalls dachte ich nicht mehr ans Einschlafen, sondern an einen möglichen Untergang.

Freundliche Schiffsbesatzung: Museologin Julia Koppetsch lässt sich auf der Kommandobrücke die Navigation erklärten.
Freundliche Schiffsbesatzung: Museologin Julia Koppetsch lässt sich auf der Kommandobrücke die Navigation erklärten.

Ich war allerdings nicht der Einzige, dem es so erging. Morgens beim Frühstück war der Essenssaal praktisch leer gefegt. Von den 120 Gästen knabberten nur 20 bis 30 Personen an ihrem Brot, während das Schiff immer noch Achterbahn fuhr.
Doch dann wurde es langsam besser und schließlich machte es sogar Spaß. Wir sichteten Wale, sahen Delfine und ließen uns von den äußerst freundlichen Marine-Soldaten die Navigation erklären. Mit durchschnittlich zwölf Knoten schipperte die «Aquiles» in Richtung Juan-Fernández-Archipel – die «Dresden» dampfte vor 100 Jahren mit 25 Knoten über den Pazifik. Ich frage mich, ob bei dieser rasanten Geschwindigkeit wohl die Matrosen seekrank wurden.

Echt lecker: Claudio Matamala brachte anlässlich der Gedenkfeier von seinem Bier Archipiélago eine Sonderabfüllung "Dresden" heraus.
Echt lecker: Claudio Matamala brachte anlässlich der Gedenkfeier von seinem Bier Archipiélago eine Sonderabfüllung „Dresden“ heraus.

Der Juan-Fernández-Archipel hat wirklich alle Zutaten, die eine packende Story braucht: Robinson Crusoe, Piraten und ihre verborgenen Schätze, chilenische Unabhängigkeitskämpfer in Höhlen lebend – und die «Dresden», die schon für sich genommen ein eigenes Abenteuerkapitel bildet.
Trotz dieser bunt schillernden Episoden fand der deutsche Botschafter Hans Henning Blomeyer-Bartenstein einen angemessenen Ton in seinen Reden zur Gedenkfeier. Denn er erinnerte daran, worum es letztendlich bei der «Dresden» geht: Um Krieg, Konflikte und Tod. Heute würden die ehemaligen Gegner in Frieden miteinander leben, betonte er. Und für einen so langen Frieden in Europa sollten die Menschen dankbar sein.
Dankbar zeigte sich übrigens auch Felipe Paredes, Bürgermeister der Inselgemeinde, gegenüber der chilenischen Marine. Er unterstrich in seiner Rede, dass die 660 Kilometer vom Festland entfernt lebenden Inselbewohner jede Ankunft eines chilenischen Marine-Schiffes zufrieden und glücklich registrieren würden. «Wir sind froh, dass die Marine Präsenz zeigt, und wir fühlen uns dann sicher.»
Dem kann ich mich nur anschließen. Die Rückfahrt war weniger stürmisch, es wurde gelacht und sich nett unterhalten, während die «Aquiles» sicher den Hafen von Valparaíso ansteuerte.

Herzlichst Ihr

Arne Dettmann

Das hätte es vor 100 Jahren im Ersten Weltkrieg nicht gegeben: Deutsche und englische Militärangehörige sitzen auf der Robinson-Crusoe-Insel entspannt beim Bier.
Das hätte es vor 100 Jahren im Ersten Weltkrieg nicht gegeben: Deutsche und englische Militärangehörige sitzen auf der Robinson-Crusoe-Insel entspannt beim Bier.
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