Wie ich noch einmal die Schulbank drücke

Erfahrungen in Chile mit einem Online-Fernstudium in Deutschland

Bildung Editorial
Man lernt bekanntlich nicht für die Schule, sondern fürs Leben. Das gilt auch bei der beruflichen Weiterbildung. Ohne Fleiß keinen Preis.

 

Liebe Cóndor-Leser,

seit Jahren ist Bildung ein politisches Top-Thema in Chile. Sollte es Bildung kostenlos für alle geben? Wie kann die Qualität gesteigert werden und wo müsste das Erziehungssystem reformiert werden, um fit für die Zukunft zu sein? Fragen über Fragen. Auch die nächste Regierung wird daran zu knabbern haben.

Ich persönlich habe mich seit ein paar Wochen ausgeklinkt und bin nach Deutschland gegangen. Also, um genauer zu sein, bin ich noch in Chile. Aber ich habe eine Fortbildung in Marketing an der IST-Hochschule in Düsseldorf belegt. Somit arbeite ich jetzt weiter in Chile und lerne gleichzeitig in meiner alten Heimat.

Das sogenannte E-Learning macht´s möglich. Die einzelnen Vorlesungen sehe ich mir am Computer an, was tolle Vorteile mit sich bringt: Wer Inhalte nicht sofort verstanden hat, hält den Film einfach an und wiederholt die entsprechende Stelle. Zudem kann ich mir die Vorträge der Dozenten anhören, wann ich es mag. Vorlesungen wie damals an der Hamburger Universität, bei denen ich am Montagmorgen mit hängendem Kopf versuchte wach zu bleiben, gibt es dank dieser Internet-Option nun nicht mehr. Meine Aufmerksamkeit ist an einem Samstagvormittag entschieden höher – und dann klicke ich auf die Start-Taste.

Die Hochschule hat sogar ein Herz für so alte (41 Jahre) Dinosaurier wie mich, die sich einfach nicht mit E-Readern anfreunden wollen. Die beiden begleitenden Studienbücher gibt es nicht nur zum Herunterladen und Lesen auf Bildschirmen, sondern glücklicherweise auch auf Papier. Richtiges Anfassen der Blätter macht mir eben mehr Spaß, und die Zustellung per Post ins ferne Chile klappte auch, was ja nicht immer selbstverständlich ist.

Und so fuchse ich mich in die Geheimnisse des Marketings ein – beim Frühstück, in der Mittagspause und abends im Bett. Wer hätte gedacht, dass ich als Berufstätiger noch einmal die Schulbank drücken würde, so wie unser älterer Sohn (7 Jahre alt), der auf die Deutsche Schule Santiago geht und nachmittags seine Hausaufgaben erledigen muss. Jetzt fehlt nur noch, dass wir uns zu Hause gegenseitig ablenken, Papierkügelchen durch die Luft schießen und unterm Tisch geheime Botschaften austauschen – halt so wie damals.

Doch so schön dieses Online-Fernstudium mit seiner Flexibilität auch ist, hat die Geschichte einen Haken. Denn am Ende steht eine Klausur – halt so wie damals. Und kein noch so schönes Marketingbuch, keine noch so toll gemachte Internet-Vorlesung und auch keine Bildungsreform nehmen mir eine entscheidende Sache ab: Ich muss mich auf den Hosenboden setzen und lernen – sonst falle ich durch.

Herzlichst Ihr

Arne Dettmann

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