Doppelgänger voll auf Sprit

Liebe Cóndor-Leser,

war es bereits der Alkohol, der mich nicht mehr richtig blicken ließ? Eigentlich unmöglich, denn seitdem Chile nun seine Promillegrenze auf 0,3 heruntergesetzt hat, muss man höllisch aufpassen, nicht bei einer Polizeikontrolle erwischt zu werden. Entsprechend zurückhaltend hatte ich mich auf dem Weinfest in Santa Cruz zwischen den so verlockend aussehenden Viña-Ständen bewegt und mir nur ein Glas genehmigt.

Und dennoch: Offenbar sah ich bereits doppelt, denn plötzlich stand da zwischen den fröhlichen Menschmassen ein Zeitungsverkäufer vor mir und bot mir den Cóndor zum Kauf an. Wach ich oder träum ich? Doch selbst nach verdutztem Kopfschütteln blieb der Zeitungstitel Cóndor vor mir sichtbar.

Der Doppelgänger entpuppte sich schließlich als ein Regionalblatt aus Santa Cruz, das laut Impressum bereits 1917 gegründet wurde und daher sogar älter ist als unser deutscher Cóndor. Allerdings rein spanischsprachig. Keine ernst zu nehmende Konkurrenz also, dachte ich und atmete erleichtert auf. Und auf den Schreck genehmigte ich mir erst einmal einen Rotwein.

Mit Pralinen zur Promille

Streng genommen hätte ich danach mit dieser Blutalkoholkonzentration eigentlich nicht mehr fahren dürfen – oder vielleicht doch? Nicht nur unsere Kollegen vom Cóndor in Santa Cruz, sondern auch die Journalisten beim El Mercurio in Santiago haben gleich seitenweise über Wein, Feiern und Fahren berichtet und dabei Erstaunliches ans Licht der Öffentlichkeit gebracht. Vollends berauscht von diesem Thema brachten sie es an diesem Dienstag sogar fertig zu titeln, dass besoffene Fußgänger – «die Gefahr in den Straßen» – für doppelt so viele Verkehrstote verantwortlich sind als Fahrer unter Alkoholeinfluss.

Toll! Damit hebt sich Chile als einziges Land auf der Welt von allen anderen ab. Denn im Bericht der UN-Weltgesundheitsorganisation sind es gerade die «verletzlichen Straßenbenutzer», also Fußgänger und Fahrradfahrer, die weltweit mehr als 50 Prozent aller Verkehrstoten ausmachen. Wie also der El Mercurio zu seiner eigenen erstaunlichen Aussage kam, bleibt schleierhaft, zumal eine beigefügte Statistik unter dem Artikel eigentlich das Gegenteil aussagte.

Doch auch wir möchten nun an dieser Stelle etwas zur allgemeinen Erheiterung beitragen: Ungefähr 112,5 Schnapspralinen müssten Sie, lieber Leser, vertilgen, um mit dem dort enthaltenen Kirschlikör auf 2,1 Promille zu kommen. Das hat der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie errechnet. Dabei müssten Sie die Leckereien zudem schnell verzehren, damit sich der Alkohol nicht zu rasch wieder abbaut.

Ist das tatsächlich schaffbar oder verdirbt einem spätestens nach der 34. Praline die schwere Schokoladenmasse den Appetit? Machen Sie den Selbsttest und berichten Sie uns von Ihren Erfahrungen! Das gibt garantiert die nächste interessante Geschichte für die Zeitung.

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