Deutsch sprechende Präsidentinnen

Liebe Cóndor-Leser,

 

um was wollen wir wetten, dass Chiles nächstes Staatsoberhaupt eine Frau ist, blond, deutsch spricht und deren Vater ein Luftwaffengeneral war? Nachdem Pablo Longueira aufgrund einer Depression seine Präsidentschaftskandidatur zurückgezogen hat, tritt nun Evelyn Matthei von der UDI als Kandidatin des Parteienbündnisses Alianza gegen Ex-Präsidentin Michelle Bachelet an. Und auf beide Damen treffen diese Attribute zu.

Und damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Beide Frauen stehen sich ideologisch konträr gegenüber und weisen sicherlich einige wesentliche Unterschiede in den Überzeugungen auf, wie die chilenische Wirtschaft, Bildungs- und Sozialpolitik zu funktionieren haben. Oder wie Axel Kaiser es am vergangenen Freitag im «El Mercurio» formulierte: Wenn die Sozialistin Michelle Bachelet gerne in die Rolle der «Mutter der Nation» schlüpft, die alles erlaubt und durchgehen lässt, so müsste Evelyn Matthei die «Mutter» sein, die Grenzen aufzeigt und den Weg klar vorgibt.

«Ich bin weiterhin überzeugt, dass wir mit einer gesunden Politik, ohne Demagogie und Populismus, vorwärts kommen können.» Das sagte Evelyn Matthei – und zwar nicht jetzt, sondern vor fast 13 Jahren, als Cóndor-Redakteur Walter Krumbach sie für ein Porträt interviewte und sie zu Hause besuchte. Dort stand auch ein Klavier, denn Evelyn Matthei habe von ihrer Mutter eine starke Neigung zur Musik vermittelt bekommen, heißt es im Text (Cóndor-Nr. 3477, 7. Dezember 2001).

 

 

Und so erfährt der Leser so einiges über die jetzige Präsidentschaftskandidatin: Sie besuchte die Deutsche Schule Santiago, sang im Schulchor und später auch im Singkreis von Artur Junge. Die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin las damals gerade «Das Brot der frühen Jahre» von Heinrich Böll und lobte ihren Vater, der sehr viel lese, in Geschichte, Philosophie und Wissenschaft bewandert sei und mit seinen Kindern lange Gespräche geführt habe. Und auch das Kochen mache ihr Spaß: «Kartoffelklöße gelingen mir recht gut, und jetzt habe ich auch gelernt, wie man Hefeklöße macht.»

 

75 Jahre Cóndor

Ums Lesen, Zeitungslektüre und die deutsche Sprache geht es auch in dieser Sonderausgabe, die Sie hiermit in den Händen halten. Der Cóndor feiert in diesem Jahr sein 75. Jubiläum, und in dieser Veröffentlichung blicken wir sowohl nach hinten als auch nach vorne. Es kommen Leser der ersten Stunde zu Wort, zudem thematisieren wir die Herausforderungen des Internets.

An dieser Stelle sei allen Lesern und Anzeigenkunden für ihre Treue zum Cóndor ein herzlicher Dank ausgesprochen. Ohne Sie wäre das Erscheinen der deutschsprachigen Publikation in Chile gar nicht möglich. Gleichzeitig möchten wir dazu ermuntern, weiterhin auf Deutsch zu lesen, die Sprache im Alltag anzuwenden und sie an den Nachwuchs weiterzugeben. Wenn schon ehemalige und zukünftige Präsidentinnen von Chile deutsch sprechen, dann sollten wir das erst recht tun. Je mehr, desto besser!

 

Herzlichst Ihr

Arne Dettmann

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