Virale Marketing-Kampagne und der «completo» in der Provinz

Liebe Cóndor-Leser,

die Kunden der Edeka-Filiale in der Hamburger HafenCity staunten nicht schlecht: An einem Wochenende Ende August herrschte gähnende Leere in vielen Regalen des Supermarktes und Schilder erklärten: «Wir wären ärmer ohne Vielfalt.» Sämtliche ausländischen Produkte waren aus dem Sortiment verschwunden.

Aufnahmen für einen Werbefilm in einem Hamburger Edeka-Markt.
Aufnahmen für einen Werbefilm in einem Hamburger Edeka-Markt.

Ein Video verbreitete sich schnell in den sozialen Medien und fand Beifall als Protestaktion gegen Rassismus. Die Schilder seien eine deutliche Botschaft gegen  Fremdenfeinde, freuten sich viele, und auch Online-Medien berichteten, darunter das Spiegel-Jugendportal Bento und RTL.

Was sie noch nicht wussten: Das Video war eine virale Marketingstrategie, gepostet von einem preisgekröntem Werbefilmer, der kurz darauf erklärte, die Aktion sei eine «zutiefst beeindruckende Metapher für das, was wir in unserer Gesellschaft, sprich in Deutschland, verlieren, wenn wir auf Vielfalt verzichten». Da die Kampagne kurz vor der Bundestagswahl gestartet werde, habe sie einen politischen Hintergrund, der aber mit einer charmanten Lässigkeit daherkomme.

Dass sie einem Werbegag von Edeka aufgesessen waren, nahmen einige Medien dann doch nicht ganz lässig, und viele Kunden fanden ihn überhaupt nicht charmant. So berichtete der Stern über die hitzige Diskussion, die die Kampagne auf Facebook auslöste: Als völlig unsinnig, ungeeignet  und bevormundend bezeichneten viele Nutzer die Aktion und erklärten, Edeka zukünftig bei der Konkurrenz einzukaufen. Auch viele Hasskommentare wurden gepostet.

Werbung für den chilenischen completo in der schleswig-holsteinischen Provinz.  Foto: Lea Kuhlmann-Meincke
Werbung für den chilenischen completo in der schleswig-holsteinischen Provinz.
Foto: Lea Kuhlmann-Meincke

Edeka hätte sich auch vorher denken können, dass sie mit der etwas weit hergeholten ausländerpolitischen Metapher fürs Lebensmittelregal auch Aggressionen schüren würden. Da lobe ich mir doch die schleswig-holsteinische Provinz. Zeitgleich mit der Vielfalt-Kampagne in Hamburg warb der Edeka-Markt  im 30 Kilometer entfernten 8.000-Seelen-Ort Trittau auf einem Plakat vor dem Eingang für Hot Dogs. Und der ganz besondere Tipp: Ein Rezept des chilenischen completos italiano mit Avocado, gewürfelten Tomaten und Mayonnaise!

Das nenne ich positive Vielfalt-Werbung. Wer hätte das gedacht, dass der chilenische completo Einzug in die deutsche Provinz halten würde. Meine Freundin Lea aus Trittau, die vor Jahren hier ein Auslandsschuljahr absolvierte und seitdem immer große Sehnsucht nach Chile hat, war jedenfalls begeistert und schickte mir das Foto. Von einem completo-Skandal auf Facebook haben wir zum Glück nichts gehört.

Herzlichst Ihre

Petra Wilken

Print Friendly, PDF & Email

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*