Chilenischer Chicha

Liebe Cóndor-Leser,

 

vielleicht ist einigen von Ihnen die Geschichte um den schottischen Whiskey und dessen mitleiderregenden Besitzer bekannt. Falls nicht, ist das auch egal. Mir jedenfalls passierte kürzlich das Gleiche mit chilenischem Chicha.

Den besorgte ich mir in dem kleinen Städtchen Curacaví. Schon dort in einer Bar schmeckte mir der junge Wein herrlich, er war einfach unglaublich süffig. Das Richtige für den Nationalfeiertag Dieciocho, dachte ich mir. Und so nahm ich denn nach ein paar Gläsern gleich mehrere Flaschen mit, um auch noch etwas Zuhause davon zu haben.

Auf der Heimfahrt redete ich wie ein Wasserfall viel über Gott und die Welt und schlief dann urplötzlich – ich weiß nicht warum – tief ein. Meine Freundin, die am Steuer saß, sagte mir später, dass das vom Chicha käme. Und sie forderte mich freundlich, aber auch energisch dazu auf, die Flaschen – mir nix, dir nix – in den Abguss zu befördern.

Voller Reue ging ich ans Werk, öffnete die erste Flasche und goss den Inhalt in die Spüle. Doch einen kleinen Rest genehmigte ich mir noch. Dann kam die zweite Flasche dran, die ich öffnete und in den Ausguss entleerte mit Ausnahme eines Glases, das ich trank.

Nun war die dritte Flasche dran, die ich öffnete und die Tür schloss, um ungestört das Lied «Chicha de Curacaví» anzustimmen. Selbstverständlich trank ich auch diese Flasche mit Ausnahme eines Glases, dass ich in den Abguss schüttete.

Jetzt schraubte ich den nächsten Abguss auf, spülte das Glas hinein und entleerte mich in den Chicha, bis auf den Rest mit der Flasche. Dann drehte sich alles, das Getränk ohne Flasche, während das Glas das Ausgegossene hinunterspülte. Den Rest warf ich weg.

Als alles geleert war, hatte ich einen sitzen und saß nicht mehr allein. Zusammen mit meinem neuen Kumpel Dionysos zählte ich die Flaschen, der da waren sieben. Doch Bacchus neben mir sagte, es seien acht, worüber wir in einen heftigen Streit gerieten, den erst meine Freundin schlichten konnte, die erschrocken hereinkam, wobei sie sich aber auch über mich erzürnte, was ich wiederum nicht verstand. Ich hatte doch nur die Flaschen entleert.

Am nächsten Morgen war ich wieder allein. Chicha war keiner mehr da, nur noch eine Aspirin lag auf dem Nachttisch. Den Dieciocho feiern wir ohne dieses Teufelsgetränk. Meine Freundin sagt, das sei wohl besser so. Und ich glaube ihr.

 

Herzlichst Ihr

 

Arne Dettmann

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