An der Klagemauer

Liebe Cóndor-Leser,

 

in Ostdeutschland wächst die Zahl der Einheitsskeptiker, anstatt dass sie abnimmt. Laut einer aktuellen Erhebung des Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrums Berlin-Brandenburg im Auftrag der Linksfraktion des Bundestages haben 43 Prozent der Menschen in den neuen Ländern keine Hoffnung mehr, dass die deutsche Einheit jemals erreicht werden kann, berichtet die Zeitung Tagesspiegel. Nur noch acht Prozent von ihnen sehen die deutsche Einheit bereits als vollendet an.

Ein bitteres Umfrage-Ergebnis, keine Frage. Doch sonderlich überraschen dürfte es wohl kaum.

Wie jedes Jahr zum 3. Oktober werden Einheitsbilanzen aufgemacht. Sie fallen mal etwas negativer, mal etwas hoffnungsfroher aus, sind aber im klagenden Tenor oftmals gleich: Die Mauer ist zwar weg, doch die Spaltung leider immer noch nicht überwunden. Und tatsächlich sind einige Kritikpunkte aus ostdeutscher Sicht nicht von der Hand zu weisen: Hohe Arbeitslosigkeit sowie immer noch geringere Löhne als im Westen. Das schafft ein ungutes Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein. Die ungeheuren wirtschaftlichen, finanziellen und persönlichen Anstrengungen seit der Wiedervereinigung im Jahr 1990 werden beim Lamentieren an der imaginären Klagemauer einfach beiseite geschoben.

Alles etwas zu negativ sehen und vielfach vom berechtigen Kritisieren ins permanente Nörgeln abdriften ist eine Tendenz, die den Deutschen oftmals nachgesagt wird. Natürlich wäre eine blauäugige Schönfärberei ebenso wenig angebracht. Doch es wäre schön, wenn einige meiner Landsleute drüben sich eine Scheibe von dem Mut, Lebensfreude und Fröhlichkeit der Chilenen – von denen viele materiell gesehen lange nicht so gut leben wie viele Deutsche – abschneiden könnten.

 

Flaschenpost aus der Heimat

Stichwort Nationalfeiertag: Zum 18. September ist es wahrlich nicht schwer, in den Kaufhäusern vorab die passende Festausstattung samt Grill, Chile-Flaggen, Cueca-Musik und die kulinarischen Zutaten zu finden. Doch was ist nun mit dem 3. Oktober?

Natürlich ist längst bekannt, dass der Jumbo deutsche Produkte importiert. Doch bei meinem letzten Einkaufsgang vor dem deutschen Nationalfeiertag musste ich dennoch staunen. Nicht nur, dass ich «Rote Grütze», eine typische Spezialität aus Norddeutschland und Skandinavien im Jumbo-Regal entdeckte. Nein, in der Bier-Abteilung blickte mich doch tatsächlich das Etikett «Dithmarscher Pilsener» an, das Landbier aus der Region zwischen Nordsee und Elbe. Als Hamburger war ich echt gerührt. Und daneben tatsächlich auch noch die Biermarke «Achtern Diek», was aus dem Plattdeutschen übersetzt «Hinterm Deich» heißt. – Mir kamen fast die Tränen.

Mit dieser süffigen Flaschenpost im Einkaufswagen ging´s zur Kasse. Die Rechnung wurde dieses Mal aufgrund meines durstigen Blickes zwar etwas höher – aber was soll´s? Horst Paulmann freut´s und ich kann mit der Heimat im Herzen und dem deutschen Gerstensaft im Magen gebührend den 3. Oktober feiern. Auch Ihnen wünsche ich dabei viel Vergnügen und ein gutes Fest.

 

Herzlichst Ihr

 

Arne Dettmann

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