100 Jahre Ampel

Liebe Cóndor-Leser,

 

in dieser Woche feiert die elektrische Verkehrsampel ihren 100. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch auch von unserer Seite – auch wenn wir sie manchmal doch hassen. Denn in Deutschland verbringt jeder Bürger – rein statistisch – zwei Wochen seines Lebens an einer roten «Wechsellichtzeichenanlage», wie es im Behördenjargon heißt. Das hat aber auch etwas Gutes für sich: Laut einer Umfrage gaben 71 Prozent aller Befragten an, diese lästige Wartezeit schon einmal für einen Flirt genutzt zu haben.

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Keine Frage: Die Ampel regelt den Weg von Milliarden von Menschen. Das erste Mal kam sie am 5. August 1914 in Cleveland/Ohio zum Einsatz. Seitdem hat sich nicht viel an dem genial-einfachen System geändert: Rot bedeutet «stopp!», die Farbe Grün steht für freie Fahrt, dazwischen kommt das Warn-Gelb. In China sollte dieses Prinzip einmal umgedreht werden, denn der rote Kommunismus würde schließlich Freiheit symbolisieren. Doch das endete in einem Verkehrschaos.

Ganz frei von Politik ist die Ampel allerdings doch nicht. Denn in Deutschland werden die rund 1,5 Millionen Lichtsignalanlagen gerne auch mal von Kommunalpolitikern benutzt, um den Verkehr zu beeinflussen. Einige Gemeinden geben sich Autofahrer freundlich; andere programmieren die Ampelschaltung dagegen so, dass der Kfz-Fluss ständig stockt und die verärgerten Fahrer dazu gedrängt werden, auf Bus und Bahn umzusteigen. Das behaupten zumindest Kritiker. Verkehrsexperten verweisen dagegen auf komplizierte Algorithmen und die hohe Kunst der koordinierten Ampelschaltung.

Fast drohte der Ampel sogar einmal das Aus. Doch der Kreisverkehr, der eigentlich den Verkehr flotter machen sollte, konnte sich insbesondere in Innenstädten nicht durchsetzen. Heiß diskutiert wurde im Zuge der deutschen Wiedervereinigung zudem, ob nun die west- oder die ostdeutschen Ampelmännchen den Ton in Gesamtdeutschland angeben sollten. Nach Protesten wurde auch das Ost-Ampelmännchen als gleichwertig anerkannt und wird heutzutage sogar in westdeutschen Orten eingesetzt.

Die Ampel schaffte sogar einen außergewöhnlichen Sprung hin auf die Verpackungen von Lebensmitteln. Dort signalisiert sie nun als Nährwertangabe mit Alarmstufe Rot, dass ein fettig-süßer Schokoriegel eine Kalorienbombe ist. Ein unbedenkliches Grün steht hingegen für freies Futtern.

Aber trotz dieser tollen Hightech-Erfindung ist es letztendlich wieder einmal der Mensch, an dem alle Vernunft und jeder gut gemeinte Sinn scheitern. Sei es, dass der Raser bei Rot skrupellos über die Straße fährt; oder sei es, dass der Schokoriegel trotz Ampelwarnung im Mund verschwindet.

 

Herzlichst Ihr

 

Arne Dettmann

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