Die Südafrikaner: Gute, herzliche und effiziente Gastgeber bei der WM 2010.


Die Fußballweltmeisterschaft 2010 ist das größte Sportereignis gewesen, das je auf afrikanischem Boden ausgetragen wurde. Auf die Deutsche Botschaft in Pretoria, Südafrika, kamen schon bei den Vorbereitungen und natürlich während der WM selbst große Aufgaben und Herausforderungen zu. Dieter W. Haller, seit September 2007 Deutscher Botschafter im Land, war bei allen Ereignissen hautnah mit dabei. Er ist nicht nur ein profunder Kenner Südafrikas, sondern ihn verbinden auch enge Beziehungen mit Chile. Erstmals von 1984 bis 1988 an der Deutschen Botschaft in Santiago tätig, ist er zuletzt von 2000 bis 2003 Ständiger Vertreter des Botschafters gewesen und erfreut sich bis heute großer Anerkennung und Beliebtheit. Mit dem Cóndor sprach er über seine persönlichen Eindrücke zu dem herausragenden Sportereignis.

Cóndor: Spanien ist Weltmeister, oder auch «der König der Welt», wie die spanische Zeitung Marca titelte: Ihrer Meinung nach ein verdienter Sieg? Dieter W. Haller:

Spanien war eindeutig die bessere Mannschaft im Finale: Schnelles Kurzpassspiel, filigrane Technik und das alles mit großer Leidenschaft. Kurzum: ein würdiger Weltmeister in einem Wettbewerb, der ja durch das Scheitern traditioneller europäischer Fußballmächte gekennzeichnet war.

Die Londoner Zeitung Independent fasste es schon vor dem WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Spanien zusammen: Die Deutschen hätten die WM bereits gewonnen, selbst wenn sie nicht Weltmeister würden. Schweinsteiger indessen sagte, nur der Titel wäre ein Erfolg. Für die meisten Fans war das Aus im Halbfinale, nach der hervorragenden Spielleistung der Mannschaft gegen Australien, England und Argentinien, jedoch niederschmetternd. Jetzt rettet der dritte Platz die Ehre. Was ist Ihre Meinung zum deutschen Team?
Das deutsche Team hat ein ganz hervorragendes Turnier gespielt. Keine andere Elf präsentierte sich so jung, dynamisch und innovativ. Kein Team erzielte mehr Tore. Wir können wirklich stolz auf diese neue deutsche Fußball-Leichtigkeit sein und vor allem: Die Mannschaft zeigte, dass Integration möglich ist. 11 der 23 Spieler des Teams haben Migrationshintergrund. Dass zwei Brüder, wie Jérôme Boateng bei uns und Prince Kevin Boateng bei Ghana gegen einander spielten, hat es meines Wissens bei einer WM noch nicht gegeben.

Schon im Vorfeld zur WM 2010 gab es immer wieder Zweifel, ob Südafrika in der Lage sein würde, ein sportliches Mega-Ereignis dieser Art auszurichten. Die Sorge galt vor allem der Sicherheit und der Infrastruktur. Die Stadien machten jedoch im Fernsehen zumindest einen tadellosen Eindruck. Wie ist Ihre Bilanz der WM 2010 auf afrikanischem Boden?
Ich habe seit zwei Jahren diesen Pessimisten stets widersprochen, weil ich überzeugt war, dass die Südafrikaner gute, herzliche und effiziente Gastgeber sein werden. Genau so ist es gekommen. Die Südafrikaner sind zurecht stolz auf das, was sie geleistet haben. Die Infrastruktur des Landes, in dem immerhin über 500 deutsche Unternehmen tätig sind, hat einen großen Sprung nach vorne gemacht. Das Land mit seinen nicht unerheblichen sozialen Gegensätzen ist weiter zusammen gewachsen. Das Bild Südafrikas in der Welt ist realistischer und differenzierter geworden. Eine schöne Entwicklung, von der ich erwarte, dass sie anhalten wird.

Als Deutscher Botschafter in Südafrika sind sicher schon im Vorfeld und vor allem während der WM große Aufgaben auf Sie zugekommen. Was waren die größten Herausforderungen für die deutsche Botschaft vor Ort?
Als Gastgeber der WM 2006 in Deutschland sahen wir uns in einer besonderen Verantwortung, unsere Erfahrung und Expertise den Südafrikanern uneingeschränkt zur Verfügung zu stellen. Das war auch Wunsch von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Insgesamt hat die Bundesregierung Projekte im Vorfeld der WM in Höhe von 28 Millionen Euro gefördert. Wir haben unter anderem beim Infrastrukturausbau, bei den Verkehrskonzepten, der Sicherheit und beim Umweltschutz geholfen. Durch zahlreiche Projekte im Bereich von Sport und Entwicklung sowie durch den Bau von 100 Sportplätzen landesweit tragen wir dazu bei, dass Südafrika auch langfristig eine Entwicklungsdividende verbleibt.

Deutschland ist seit Jahren in unterschiedlicher Weise vielfach in Südafrika engagiert. Hat sich die Zusammenarbeit und das Engagement durch die Weltmeisterschaft wesentlich erhöht?
Ja, ganz eindeutig. Wir gehen davon aus, dass Aufträge in Höhe von 1,5 Milliarden Euro im Zusammenhang mit der WM an deutsche Unternehmen gegangen sind. Drei der fünf tollen neugebauten WM-Stadien wurden von deutschen Architekten und Ingenieuren geplant. Die Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene zwischen den ehemaligen deutschen und südafrikanischen Spielorten hat eine neue Dimension der Kooperation erschlossen. Viele weitere Beispiele ließen sich noch anfügen.

Wie haben Sie die Menschen Südafrikas während der Weltmeisterschaft erlebt? Im Fernsehen konnte man den Enthusiasmus, die Herzlichkeit und Freude der Afrikaner förmlich spüren. Haben die Südafrikaner tatsächlich die WM fröhlich als herausragendes Ereignis oder gar Meilenstein erlebt, oder ist dieses Megaevent an der breiten Masse der Bevölkerung eher unbeachtet vorbeigezogen?
3,2 Millionen Fans, die meisten von ihnen aus Südafrika, waren bei den 64 Spielen in den Stadien. Weitere Millionen Südafrikaner auf den Fanfesten, die im ganzen Land organisiert wurden. Südafrika war mehrere Wochen im WM-Taumel, die Stimmung genauso ausgelassen wie 2006 in Deutschland. Was ich besonders nett fand: Die FIFA hat allen 30.000 Bauarbeitern, die die Stadien errichteten, jeweils zwei Freikarten geschenkt. Nur für Südafrikaner wurde eine neue Kartenkategorie eingeführt: Für umgerechnet 14 Euro konnte jeder ein WM-Spiel sehen – so günstig wie noch nie in der Geschichte der Fußball-WM.

Leider sind die afrikanischen Teams, außer Ghana, das sich tapfer geschlagen hat, schon frühzeitig ausgeschieden. Was sagen Sie zu der afrikanischen Fußballleistung und welchen Stellenwert nimmt der Fußball in Afrika ein?
Noch nie hatten es sechs afrikanische Teams in eine WM-Endrunde geschafft. Die Erwartungen waren in der Tat hoch. Spielerisch können die afrikanischen Mannschaften durchaus mithalten. Allerdings fehlt es oftmals am erfolgreichen Torabschluss, dem «kaltblütigen Vollstrecker». Ganz Afrika fieberte mit den Ghanesen, und wenn es nicht das unsportliche Handspiel des Uruguayers Luis Alberto Suárez gegeben hätte, wäre Ghana noch eine Runde weitergekommen. Ich bin sicher, dass der Fußball in ganz Afrika nach dieser WM einen weiteren Aufschwung nehmen wird.

Was bleibt dem Austragungsland Südafrika nach deren Ende noch von der Weltmeisterschaft?
Der Stolz der Welt, vier Wochen ein guter und herzlicher Gastgeber gewesen zu sein. Das Wissen, ein solches sportliches Großereignis problemlos ausrichten zu könnnen. Ein intensiveres Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der südafrikanischen Regenbogennation und natürlich ein erheblicher Imagegewinn in der ganzen Welt. Stereotype Wahrnehmungen wurden aufgebrochen und der Blick auf die andere Seite Afrikas gerichtet: das dynamische und lebensfrohe Afrika.

Stichwort Vuvuzela: Ausdruck überschwenglicher afrikanischer Lebensfreude oder einfach nur ohrenbetäubend?
Die Vuvuzela ist Teil der südafrikanischen Fußballkultur. Hier ist Fußball dreierlei: farbig, laut und leidenschaftlich – aber stets friedlich, was man ja vom europäischen Fußball beileibe nicht immer sagen kann.

Was waren für Sie die bewegendsten Momente der WM, was hat Sie enttäuscht?
Als der fast 92-jährige Nelson Mandela vor dem Finale kurz das wunderschöne Soccer City Stadion betrat, stockte auch mir der Atem. Er ist der Übervater der Nation. Er hat Südafrika zusammengeführt und versöhnt. Seine Menschlichkeit ist einmalig. Dass ihm dieser Triumph vergönnt war, ist eine große Gnade.
Und dass unser Team das englische in so beeindruckender Weise besiegte, das hat mich auch tierisch gefreut. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass die einheimische Mannschaft mehr Glück gehabt hätte. Sie scheiterte nur knapp an dem Einzug in die zweite Runde.

Sie haben beim Spiel Spanien-Chile im Stadion mit der chilenischen Mannschaft gefiebert. Welchen Eindruck haben Sie von der chilenischen Nationalelf gewonnen?
In der Tat haben Sabine, Maximilian und ich Chile vehement unterstützt. Das Team hat uns sehr beeindruckt. Wir verfolgen ja einige chilenische Spieler in Europa, wie zum Beispiel Arturo Vidal, der bei Bayer Leverkusen eine Stütze der Mannschaft ist. Im Grunde war es pures Losunglück, dass Chile zu einem so frühen Zeitpunkt des Turniers auf den Favoriten Brasilien traf



Dieter Haller, wir danken Ihnen sehr herzlich für dieses
Gespräch. Die Fragen stellte Birgit Tuerksch.










Sehen Sie auch die Druckversion des Cóndor / Ver versión impresa de Cóndor

José Manuel Infante 239
Providencia, Santiago, Chile
Tel: (56-2) 429 07 00
Fax: (56-2) 429 07 12
Impressum Alle Rechte vorbehalten
Todos los derechos reservados
© CONDOR Papel: desde/seit 1938
© CONDOR On-line: desde/seit 1997