Der Ausdruck «Pneuma» weckt in unserer Zeit unwillkürlich die Erinnerung an Autoreifen. Dass ein Musikensemble sich so nennen kann, ist eher eine Überraschung. Und doch gibt es sie, die fünf Flötenspieler aus Brasilien, die die diesjährigen Musikwochen in Frutillar einweihten. Autoreifen sind ohne Luft undenkbar und ebenso ist sie für die Bläser aus Curitiba «das» Lebenselixier. Und wie sie damit umgehen können!

Dazu traten sie bei herrlichem Wetter auf, was im Amphitheater des Teatro del Lago mit seiner einmaligen Aussicht auf den Llanquihuesee und die Anden nicht nebensächlich ist. Im Teatro del Lago wird intensivst gearbeitet, um den Bau des Hauptsaales im November dieses Jahres planmäßig einweihen zu können. Beim Hereingehen hörte man allzu deutlich, wie es hämmerte, bohrte und sägte, bis wie durch ein Wunder das dissonante Konzert wenige Minuten vor Spielbeginn abbrach. Die Interpreten waren fein aufeinander abgestimmt. Ihr Zusammenspiel zeugte von Gefühl und Geschmack. Ein Quintett vermag zwar kein Orchester zu ersetzen, es glückte ihnen jedoch ein durchaus übrzeugender einheitlicher Klang, so zum Beispiel mit der spritzigen Ouvertüre Die Hochzeit des Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart. Das Programm war denkbar vielseitig zusammengestellt. Vom Barock bis zur Gegenwart brachten sie außer dem dreiminütigen Mozartstück Werke von Händel, Grieg, Mendelssohn, Villa-Lobos und Tschaikowsky, um ihr Rezital mit brasilianischen Autoren des Crossoverbereichs beschwingt zu beenden. Sie traten dabei abwechselnd in Vierer- beziehungsweise Fünfer-Formation auf. Hochlobenswert ist die spontane Freude am Spiel der Pneuma-Leute. Sie wirkte ansteckend, wie es der dankbare Beifall des Publikums wiederholt bezeugte.

CHOR INCHALAM: AUSGEFEILTE STIMMKULTUR
Der polnische Pianist Piotr Oczkowski gab ein Konzert mit Werken seines Landsmannes Frédéric Chopin. Die Polonaise-Fantasie in As Dur, op. 61 leitete er außerordentlich entspannt ein, steigerte sich jedoch bald zu überschäumenden Ausbrüchen. Dabei opferte er freilich nicht den für Chopin so charakteristischen Wohlklang. Die Ballade Nr. 4 in F Moll op. 52 gestaltete Oczkowski eher grüblerisch und kostete dabei die satten Akkorde kultiviert aus. In der Barkarole in Fis Dur op. 60 arbeitete er das Zusammenspiel der verschiedenen Kräfte heraus: mal perlend, mal energisch auftrumpfend. Das Eingangs-Allegro maestoso der Sonate in H Moll op. 58 vermittelte in Oczkowskis Händen eine träumerische Atmosphäre. Das darauffolgende Scherzo – molto vivace strukturierte er zügig und kraftvoll. Im Largo kehrte er wieder den nachdenklichen Charakter des Stücks heraus und beim Finale Presto ma non tanto steigerte er sich zu Klangballungen nach bestem romantischen Muster. Nur schade, dass Piotr Oczkowski seinen Abend einem einzigen Komponisten widmete. Wenn er Autoren wie etwa Beethoven und Liszt zusätzlich ins Programm genommen hätte – Meister Chopins Kunst in allen Ehren – hätte sein Vortrag ohne Zweifel an Vielseitigkeit gewonnen. 30 Männerstimmen bilden den Coro Inchalam. Die Sänger des 1976 in Concepción gegründeten Laienchors sind zum Teil Mitarbeiter dieses Unternehmens. Für ihre Darbietung stellten sie ein Programm mit mehrstimmigen religiösen Renaissancewerken, baskischen Volksweisen und lateinamerikanischer sowie chilenischer Musik zusammen. Gleich beim ersten Stück – O sacrum convivium von Lodovico Viadana (1560-1627) – beeindruckte das Ensemble mit ausgefeilter Stimmkultur, wohldosierter Klangerzeugung und vor allem durch Farbschattierungen mit Seltenheitswert. Mario Cánovas besitzt ein ausgeprägtes Gefühl für die Vermittlung von Emotionen, die besonders bei den Renaissancewerken tief beeindruckten. Er behandelte seinen Chor wie ein Instrument, die Sänger bildeten einen außergewöhnlich homogenen Resonanzkörper. Der Dirigent vermochte es, mit seiner zum Teil unkonventionellen Zeichengebung und Gestik seine Sänger zu Höchstleistungen anzuspornen. Bravissimo, Maestro Mario Cánovas! Das Trio Fauré aus den Vereinigten Staaten stellte sich mit einem Repertoire für Geige, Bratsche und Cello vor. Jennifer Fauré, Raúl Fauré und Katya Janpoladyan spielten Werke von Wiener Komponisten des 18. und 19. Jahrhunderts. Joseph Haydns Trio in G Dur, Hob. XVI Nr. 40 erklang zu Beginn leicht beschwingt, gemütsvoll und mit kristallklarer Phrasierung. Bei Franz Schuberts Trio in B Dur D. 471, ein eher kurzes, einsätziges Werk, hoben sie mit Esprit das Kantable hervor. Wolfgang Amadeus Mozarts Divertimento Nr. 2 in B Dur, KV. 439b ist – die Bezeichnung Divertimento kündigt es bereits an – Unterhaltungsmusik. Das Fauré-Trio begnügte sich indessen nicht mit reiner Kurzweil. Es vermittelte weit mehr als die Noten und ergründete die tiefsinnige Gedankenwelt des Salzburger Meisters. Ludwig van Beet-hovens großangelegtes Trio in D Dur op. 9 Nr.2 musizierten die Faurés mit Feingefühl und jede Nuance auswertend.

HUMORVOLLE ZUGABE
Das noch junge Ensemble setzte auf das Musikantische, Spielfreude war ihm höchstes Gebot. Die drei Interpreten zeichneten ein durchsichtiges Klangbild, die Werke kamen wie aus einem Guss geformt herüber, beseelt und vorzüglich realisiert. Ihre Zugabe zeigte dazu Sinn für Humor: sie gaben Henry Mancinis Hauptmotiv zur Filmserie Der rosarote Panther zum Besten. Der chilenische Gitarrist Carlos Pérez, Gewinner des Joaquín Rodrigo-Wettbewerbs in Spanien, ist ein international gefragter Künstler. In Frutillar startete sein Konzert mit einer eigenen Transkription der Suite für Cello solo in Es Dur BWV 1010 von Johann Sebastian Bach. Dem Künstler glückte eine stilgerechte Fassung, die er kenntnisreich und sensibel darbot. Carlos Pérez verwendet ein von dem Spanier Ángel Benito Aguado gebautes Instrument. Es besitzt einen edlen Klang und eine hervorragende Resonanz, mit denen er gescheit umzugehen weiß. Die kraftgeladenen schnellen Läufe eines Joaquín Rodrigo kamen dabei ebenso zur Geltung wie die beiden gemütvollen Andante-Stücke von Ferdinando Carulli. Pérez schloss mit eigenen Fassungen von vier kurzen volkstümlichen chilenischen Nummern: Tonada, Parabienes, Entonación und Cueca. Pérez’ Notentext ist elegant, wie geschaffen für ein erlesenes Konzertsaalpublikum. Auf den populären Nationalcharakter der Stücke hat er allerdings erfreulicherweise nicht verzichtet. Ein Lob den Konzert-veranstaltern, die auf elektronische Verstärkung vollends verzichtet haben. Die Gitarre war in der letzten Reihe problemlos zu hören. Ein guter Grund, um einen Herzenswunsch auszusprechen: Hinaus mit dem elektronischen Schnickschnack aus den Konzertsälen, der alles verfremdet und verdirbt! Die russische Pianistin Sofja Gülbadamova (1981) spricht akzentfrei Deutsch. Sie lebt seit 13 Jahren in Deutschland und konzertiert gegenwärtig im Pendelverkehr zwischen Paris und Hamburg. In Frutillar gab die junge, bescheidene Frau mit dem ausgeprägten Sinn für Humor und dem absoluten Gehör einen denkwürdigen Abend, in dem sie Werke von Frédéric Chopin, Francis Poulenc, Johannes Brahms und Franz Liszt musizierte. Die Fantasie in F Moll op. 49 des Polen spielte sie zunächst ernst und verhalten, um sich dann zu einer ungemein kraftvollen Darbietung zu steigern. Während dieser wahrhaften Vulkanausbrüche war sie stets auf Klarheit und Transparenz bedacht. Bei Poulenc schaffte sie gleich zu Beginn Atmosphäre und verlor bei den schnellen Akkordfolgen nie den Sinn für die Melodie. Es ist bekannt, dass Johannes Brahms sich im privaten Um-gang heiter und gemütvoll verhalten konnte. Er selbst hat aber einmal gesagt, dass seine gesamte Musik einen ernsten Charakter habe. Genau dies drückte Sofjia Gülbadamova in der Fantasie op. 116 aus: norddeutsche Schwere verbreitete sich aufwühlend-ruhelos im Saal, obwohl die langsamen Sätze durchaus entspannt ertönten.

HURTIGER BEETHOVEN
Hatte die Pianistin bis dahin die breite Palette ihrer Ausdrucksmöglichkeiten eindrucksvoll gezeigt, so entfesselte sie mit Franz Liszts Spanischer Rhapsodie S. 254 noch ein zusätzliches Gewitter. Eine feurige Steigerung folgte der anderen. Die fulminanten crescendi meisterte sie ebenso gekonnt wie die überraschend angenehmen diminuendi. Das höllisch schwere Finale ließ den Atem anhalten. Das Orquesta Sinfónica de Chile ist seit Dezennien einer der Stützpunkte des Frutillarer Festivals. Seine Konzerte wecken Neugier und Erwartungen und sind dementsprechend in der Regel ausverkauft. So auch in diesem Jahr. Der erste Abend begann mit Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 1 in C Dur, op. 21. Chefdirigent Michal Nesterowícz schlug das einleitende Adagio molto unüblich schnell und gab damit das Tempo für das ganze Werk vor. Mit imponierendem Schwung folgten ihm die Musiker. Das darauffolgende Allegro con brio erklang in der Tat voller Freude an der Sache. Die von den Pauken unterstrichenen Akkorde kamen ungewohnt rasant daher. Nesterowícz schien vor Energie überzuquellen. Im zweiten Satz, Adagio cantabile con moto, ging es ebenso hurtig weiter. Die außerordentlich gut disponierten Streicher wurden jedoch von den Pauken wiederholt überrollt. Antonín Dvořáks Sinfonie Nr. 7 in D Moll, op. 70 hat in der Einleitung einen dramatischen Ansatz, der ein erregendes Ereignis voraussagt. Dieses Allegro maestoso ertönte durchdringend und rhythmisch gut akzentuiert. Im zweiten Satz Poco adagio gönnte das 90-Mann-Orchester seinen Zuhörern einige Momente der Ruhe, die mit explosionsartigen crescendi abwechselten. Eine Wohltat war der herrlich gelungene Streicherschlussakkord. Im darauffolgenden Scherzo arbeitete der Dirigent mit gutem Spürsinn die Holzbläser heraus und im abschließenden Allegro ergötzte er sich am martialischen Charakterzug der Partitur. Er baute den Satz wie ein episches Gedicht auf und steigerte den großen Klangkörper zu einem krachenden Finale.

DREI JUNGE DRAUFGÄNGER
Das Ensamble de Cuerdas Equinox kam aus dem Orquesta Sinfónica de Chile hervor. Seit 2006 spielt diese Gruppe Kammermusik für Streicher. Als Einleitung musizierte sie O filli et filae, ein gregorianisches Stück von einem unbekanntem Autor, herrlich ausgeglichen vorgetragen. Es folgte eine knapp zehnminütige Sinfonie von Antonio Vivaldi, die sie mit Esprit und stimmungsvoll darbot. Ein Quintett von Luigi Boccherini erklang würdig-erhaben und ein wenig schüchtern, um anschließend das Forellenquintett in A Dur, D. 667 von Franz Schubert zu spielen. Das berühmte Werk blühte schon während der ersten Noten des Kopfsatzes farbenfroh auf. Der Pianist Luis Alberto Latorre meisterte seinen schwierigen, aber dafür dankbaren Part souverän mit drahtigem Tastenanschlag. Mit den Streichern glückte ihm ein ausgewogenes Zusammenspiel. Die berühmten Variationen zu dem Lied Die Forelle mit ihren wiederholten Tempiwechseln und –schwankungen bereitete dem Ensemble keine Schwierigkeiten. Es blieb dem Notentext nichts schuldig. Das Werk war sorgfältig ausgearbeitet worden, sodass im Konzertsaal eine zur Genüge einstudierte und kenntnisreiche Version erklang, die vom Publikum genüsslich entgegengenommen wurde. Drei junge chilenische Musiker: der Geiger Yves Ytier (1988), der Cellist Alejandro Barría (1986) und der Pianist Gastón Ytier (1987) stellten sich als Sieger des Wettbewerbs der Pontificia Universidad Católica de Chile vor. Sie interpretierten als einziges Werk Ludwig van Beethovens Geistertrio in D Dur, op. 70 Nr. 1. Sie legten mit ungeheurer jugendlicher Energie los und hielten diese Intensität den gesamten ersten Satz (Allegro vivace e con brio) durch. Dabei bewiesen sie eine frappierende Sicherheit, agierten ungemein emotionsdramatisch und stark im Ausdruck. Im zweiten Satz, Largo assai ed espressivo, setzten sie den Akzent auf das espressivo und bemühten sich um eine intensive Durchschlagskraft. Die Zuhörer lauschten gebannt. Für das abschließende Presto schienen die jungen Männer unversehens ihre Batterien geladen zu haben: frisch-fröhlich strömte die Musik aus ihren Instrumenten.

Abschied vom Gimnasio Municipal
Eine weitere Siegerin, die dieses Jahr in Frutillar auftrat, ist die Gitarristin María Daniela Rossi aus Argentinien, die im November den Dr.-Luis-Sigall-Wettbewerb gewann. Sie spielte das Concierto de Aranjuez von Joaquín Rodrigo, ein Standartwerk, das auf unzähligen Tonträgerversionen vorhanden ist. Kann man da noch eine originelle Deutung anbieten? Rossi ist mit dem Stück bestens vertraut, sie gab es mit Wärme, Charme und weiblichem Zartgefühl wieder. Im Adagio gestaltete sie die verführerischen Melodienfolgen beseelt, wobei das Orquesta Sinfónica de Chile unter Michal Nesterowícz als gleichwertiger Partner eine ideale Unterstützung war. Im abschließenden Allegro gentile zeigte sie Ausdauer und Fingerfertigkeit während der präzisen, staccatohaften Tongebung der zahlreichen kurzen Noten. Nach der Pause erklang Beethovens Pastorale. Nesterowícz und das Sinfónica zeichneten eine beflügelte Landschaftsbeschreibung, in der satte Farben intensive Lebensfreude vermittelten. Der Dirigent setzte auf Tempo, ohne jedoch zu hetzen. Das Gewitter wurde zum Naturereignis von ungewohntem Format. Eine Glanzleistung war der abschließende Übergang zum heiteren, entspannten Finale. Entspannung für die kommenden Monate möchte man ebenso den konzentriert arbeitenden Vorständen der Semanas Musicales und dem Teatro del Lago wünschen. Flora Inostroza, Präsidentin der Corporación Cultural, verkündete auf der Pressekonferenz am letzten Tag des Festivals: «Heute verlassen wir endgültig das Gimnasio Municipal (Stadtturnhalle), welches uns jahrelang erlaubt hat, unsere Programme durchzuführen». Das neue Theater, über dessen Bühne zum ersten Mal voraussichtlich in einem Jahr die Musikwochen gehen werden, wird technisch und akustisch mit den modernsten Errungenschaften ausgestattet werden. Damit steigen die Frutillarer in die Liga der Großen ein. Das bedeutet für sie auch, eine sorgfältige Programmgestaltung auszuarbeiten und Künstler ersten Ranges zu engagieren. Die Musikfreunde des idyllischen Städtchens am Llanquihuesees übernehmen damit eine bisher nicht gekannte Verantwortung.



Walter Krumbach




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