Kommende Woche wird das GeoForschungsZentrum (GFZ) Potsdam in Chile ein Erdbebenobservatorium in Betrieb nehmen. Der Cóndor sprach mit Professor Dr. Oncken, Experte für Plattentektonik, über das Forschungsprojekt, die verheerenden Erdstöße vom 27. Februar und zukünftige Gefahren.
Cóndor: Herr Professor Dr. Oncken, nach dem Erdbeben vom 27. Februar gibt es immer noch eine Reihe von Nachbeben. Wie lange werden diese anhalten? Besteht die Gefahr eines zweiten schweren Erdbebens?
Professor Dr. Oncken:
Die Erfahrung zeigt, dass Nachbeben von länger als einem Jahr möglich sind, die dabei immer schwächer werden. Der Großteil der angestauten Energie hat sich also bereits entladen. Allerdings haben wir bislang noch keine wirklich schweren Nachbeben gemessen. Das Hauptbeben wies eine Stärke von 8,8 Grad auf der Richterskala auf, bisher bewegen sich die stärkeren Nachbeben zwischen 6 bis 6,9. Hier sind aber durchaus noch Nachbeben möglich, die mit 7,5 bis 7,8 Grad nur eine Magnitude unter dem Hauptbeben liegen. Das wird die Bevölkerung von Chile leider noch einige Zeit auf Trab halten.
Warum gibt es Nachbeben? Was genau ist geschehen?
Die Erdkruste des Pazifischen Ozeans schiebt sich etwa 70 Millimeter pro Jahr unter die benachbarte Platte Südamerikas. Dabei verhält sich der Rand der südamerikanischen Platte wie eine elastische Feder und wird zusammengedrückt, bis die Belastungsgrenze erreicht ist. Es kam in diesem Fall am Ort des Geschehens zu einem Bruch in Nord-Süd-Richtung, der komplizierter ist als üblich. Der gesamte Bruchvorgang ist daher als eine Zusammensetzung mehrerer Einzelbeben zu betrachten, wie wir sie auch beim Erdbeben 2009 auf Sumatra beobachten konnten. Ähnlich dem Dominoeffekt kommt es zu einer Reihe von Nachbeben. Auf unserer Internetseite www.gfz-potsdam.de haben wir einen Film gestellt, der verdeutlicht, in wel-cher zeitlichen Abfol-ge die Bruchprozesse an verschiedenen Orten stattfanden.
Das letzte Erdbeben in der Zone von Cauquenes ereignete sich 1835, das liegt lange zurück. Laut dem Experten Sergio Barrientos vom Servicio Sismológico der Universidad de Chile war die Zeit daher reif für ein erneutes starkes Erdbeben. Man kann solche Ereignisse voraussagen?
Grob gesagt: ja. Für Chile wissen wir seit der spanischen Besiedlung aus alten Schriftstücken, dass in bestimmten Abschnitten des Landes alle 100 bis 200 Jahre Erdbeben stattfinden. Denken Sie beispielsweise auch an Charles Darwin, der 1835 auf dem Schiff Beagle in Concepción war und ein Erdbeben samt Tsunami miterlebte und darüber berichtete.
Das Beben vom 27. Februar dieses Jahres schließt direkt an den Bruchprozess von Valdivia an, der dort 1960 mit einer Magnitude von 9,5 – das stärkste bisher gemessene Erdbeben überhaupt – seinen Ausgangspunkt nahm.
Sergio Barrientos hat bereits vor 15 Jahren darauf hingewiesen, dass in der aktuellen Erdbebenzone ein schweres Ereignis zu erwarten war. Und jüngst hat ein junger chilenischer Wissenschaftler aus Concepción bei uns eine Arbeit angefertigt, die dieses Ereignis prognostizierte. Ge-nerell können wir aus den historischen Dokumenten sowie eigenen Messungen Wahrscheinlich-keiten berechnen. Daher wussten wir, dass der Bereich zwischen Santiago und Concepción überfällig war.
Wo wird das nächste Erdbeben stattfinden?
Das letzte schwere Erdbeben im Norden Chiles ereignete sich 1877 mit 8,8 Grad auf der Richterskala. Für die Region zwischen Antofagasta bis hin nach Peru gehen wir entsprechend davon aus, dass dort bald ein starkes bis verheerendes Erdbeben auftreten wird. Allerdings kann man nicht die Uhr danach stellen: Alle 120 Jahre mit einem Plus oder einem Minus von mehreren Jahren oder gar Jahrzehnten wiederholen sich hier Erdbeben. Das ist auch ein Grund, weshalb wir in dieser Region ein Erdbebenobservatorium aufgebaut haben, das wir jetzt unseren chilenischen Partnern übergeben wollen.
Worum geht es dabei?
Das Integrierte Platten-grenzen-Observatorium in Chile ist eine Zusammenarbeit der Universidad de Chile in Santiago, der Universidad Católica del Norte in Antofagasta, des französischen Institut de
Physique du Globe in Paris und unserem GFZ Potsdam. Seit 2006 wurden in der Gegend um Iquique in 17 Höhlen und Kavernen Löcher hineingesprengt, um dort Messgeräte zu installieren. Dort stören weder vorbeifahrende Lastwagen noch Minenar-beiten die Aufzeichnungen, die Temperatur ist zudem gleichbleibend.
Unter diesen Bedingungen können wir für den Menschen nicht spürbare, seismische Aktivitäten messen. Mit Hilfe von satellitengestützter Beobachtung in Form von GPS werden zudem sehr präzise Deformationen der Erdoberfläche aufgezeichnet. Die Daten gelangen über Satellitenverbindung zu Sergio Barrientos, dem Leiter des chilenischen seismologischen Dienstes, nach Santiago, später zu den Partner-Einrichtungen in Europa. Mit diesem Bündel aus Hightech, verteilt auf einer Breite von 400 Kilometern, hoffen wir, Muster in seismischen Brüchen, quantitative Zusammenhänge und Risikoabschätzungen aufzuzeigen und besser zu verstehen.
Zudem wollen wir gemeinsam mit dem chilenischen seismologischen Dienst ein seismologisch-geodätisches Netzwerk im Raum Concepción-Santiago aufbauen, um die Nachbebenaktivität in der jetzt gebrochenen seismischen Lücke zu untersuchen.
Der chilenische Seismologe Jaime Campos kritisiert, dass nur sechs Kollegen in Chile arbeiten und nur 100 Messinstrumente zur Verfügung stünden. Das ebenfalls Erdbeben gefährdete Japan mit einer viel kleineren Fläche habe dagegen 5.000 Apparate in verschiedenen Zonen verteilt.
Die Kritik ist durchaus berechtigt. Sergio Barrientos und seine Kollegen haben zwar in den vergangenen Jahren Unterstützung von der Regierung erhalten, allerdings ist insbesondere für den Unterhalt der Geräte ein langer Atem, sprich eine langfristige Finanzierung nötig.
Dieses Problem ist noch nicht gelöst.
Werden Sie Erdbeben mit Hilfe moderner Technik zukünftig punktgenau voraussagen können?
Nein, davon ist die Forschung noch weit entfernt. Und ich vermag auch nicht zu sagen, ob es jemals erreicht wird. Wir können ja keine Lampe in 30 Kilometer Tiefe hineinhalten und gucken, was da unten los ist.
Es bleibt den Menschen also nur übrig zu reagieren?
Richtig. Funktionierende Notfallpläne und Krisen-strategien im Falle eines Erdbebens sind Aufgabe von Regierungen. Das ist erfahrungsgemäß nicht immer leicht, denn die Legislaturperioden sind kurz und Erdbebenschäden nach einigen Jahren wieder aus dem Bewusstsein der Politiker verschwunden. Generell muss man aber wohl feststellen, dass Chile mit seiner
soliden Bauweise und den strengeren Vorschriften für Gebäude gut gefahren ist.
Das Erdbeben auf Haiti am 12. Januar wies eine Stärke von 7,1 auf der Richterskala auf, dennoch waren die Folgen
auf der Karibikinsel mit 300.000 Toten verheerender. Warum?
Es ist tatsächlich erstaunlich, wenn man bedenkt, dass das Erdbeben in Chile 600-mal stärker war. Doch neben der erwähnten besseren Bauweise gibt es auch andere Gründe. Während in Chile das Erdbeben in großer Tiefe stattfand, nach unseren Schätzungen in 30 Kilometern, ereignete sich die Verwerfung in Haiti mit 20 Kilometern Tiefe näher an der Oberfläche und erreichte diese beim Bruch auch, anders als in Chile. Zudem verlief er als horizontale Bruchlinie quer durch die Stadt
Port-au-Prince. Damit hatte das Erdbeben dort ein größeres Zerstörungspotenzial.
In den Medien wurde berichtet, der Vulkan Villarrica würde wieder verstärkt Aktivitäten aufzeigen. Gibt es einen Zusammenhang zum Erdbeben?
Ja. Beim schweren Erdbeben 1960 in Valdivia sowie 1995 in Antofagasta wurden Vulkane im Hinterland aktiv. In historischen Quellen wird auch an anderen Stellen davon berichtet.
Für den Großteil der Vulkane in Chile trifft das sicherlich nicht zu, aber diejenigen,
die gewissermassen kurz
vor dem Überlaufen sind, werden offenbar durch ein Erdbeben zum Ausbrechen angestoßen. Das passiert sehr oft und wäre nichts Außergewöhnliches.
Erdbeben und Vulkan-ausbrüche – Chile scheint nicht gerade ein lebensfreundlicher Raum zu sein.
Chile liegt auf dem so genannten Feuergürtel, einer Kette von Vulkanen, die sich rund um den Pazifik an den Schnittstellen der Erdkruste von Kontinenten und Ozeanen verteilen. Von allen Erdbeben über der Stärke 8 finden weltweit 90 bis 95 Prozent hier statt. Ein Viertel der seismischen Energie auf der Welt entlädt sich dabei in Chile. Das Land gehört zu den am stärksten von Erdbeben gefährdeten Gebieten. Das ist die eine Seite der Medaille. Andererseits werden in dieser Subduktionszone, wo eine Erdplatte unter die andere abtaucht, reichhaltige Erze wie Kupfer und anderen Bergbaumineralien aus den Gesteinen «ausgeschwitzt», denen Chile seinen Wohlstand verdankt.
Eine letzte Frage: Das GFZ Potsdam gibt Merkblätter zur Verhaltensweise bei Erdbeben heraus. Doch wo ist es nun tatsächlich am sichersten bei gefährlichen Erdstößen?
Aus eigener Erfahrung kann ich nichts sagen. Mein schwerstes miterlebtes Erdbeben hatte die Stärke 6. Allgemein wird empfohlen, nicht unter einen Tisch oder ein Bett zu kriechen, weil diese Möbel zusammenbrechen können. Vielmehr daneben, weil sich bei herunterfallenden Gegenständen dort wahrschein-lich ein schützender Hohlraum bildet. Ob man das aber in Panik auch tatsächlich macht? Ich glaube, dass sich in solchen Extremsituationen der Mensch von seinem Instinkt leiten lässt.
Herr Professor Dr. Oncken, wir danken Ihnen für das Gespräch. Die Fragen stellte Arne Dettmann.
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