Geschichte – Deutsche Zeitung Cóndor – diario alemán Chile http://www.condor.cl Die deutsche Zeitung Cóndor in Chile - diario / periódico alemán Wed, 10 Jan 2018 20:43:02 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.1 https://i1.wp.com/www.condor.cl/wp-content/uploads/2016/11/condor-ave.jpg?fit=32%2C32 Geschichte – Deutsche Zeitung Cóndor – diario alemán Chile http://www.condor.cl 32 32 120365451 Familiengeschichte um das «weiße Gold» http://www.condor.cl/geschichte/georg-hilliger-2/ http://www.condor.cl/geschichte/georg-hilliger-2/#respond Fri, 29 Dec 2017 14:38:49 +0000 http://www.condor.cl/?p=22923 Der Bericht im «Cóndor» vom 1. September 2017 über das Leben des Salpeterhändlers Georg Christian Hilliger, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Iquique ein beachtliches Vermögen ansammeln konnte, verursachte ein unerwartetes Echo. Hier folgt der zweite Teil der Geschichte.

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Georg Christian Hilliger, der Salpeter-Millionär (Teil 2)

Franz Fromm, Schwiegersohn von Georg Christian Hilliger, im Garten seiner Villa Freischütz in Meran/Südtirol. Ihn begleiten seine Tochter Luisa Isabel und deren Ehegatte, der spätere italienische General Enea Navarini. (Slg.Dr.Waldner, Meran)
Franz Fromm, Schwiegersohn von Georg Christian Hilliger, im Garten seiner Villa Freischütz in Meran/Südtirol. Ihn begleiten seine Tochter Luisa Isabel und deren Ehegatte, der spätere italienische General Enea Navarini. (Slg.Dr.Waldner, Meran)

 

Der Bericht im «Cóndor» vom 1. September 2017 über das Leben des Salpeterhändlers Georg Christian Hilliger, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Iquique ein beachtliches Vermögen ansammeln konnte, verursachte ein unerwartetes Echo. Hier folgt der zweite Teil der Geschichte.
 
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Von Dietrich Angerstein

Die Besetzung von Iquique durch chilenische Truppen und der Einzug einer chilenischen Verwaltung im Jahre 1880 trennte die politischen Ansichten im Hause Hilliger Vernal. Herkunft und Geschichte ließen Frau Rosa die Stellung der Peruaner vertreten, während Georg Christian sich mehr der neuen chilenischen Obrigkeit zuneigte.

Schließlich einigte man sich, Georg Christian gab nach, Geld besaß er ja, einem Ortswechsel standen die Finanzen beiderseits nichts entgegen. Frau Rosa erklärte unter einer chilenischen «Besetzung» nicht leben zu können, sie wünschte in einem Ort mit warmer Witterung ihre Tage zu verbringen in dem Spanisch gesprochen wurde und so siedelte die ganze Familie mit Tochter Luisa, gerade 22 Jahre alt, im Jahre 1885 nach Barcelona in Spanien um.

Dort erhielt Vater Georg Christian die Gelegenheit, einen Teil seiner Millionen in profitbringenden Unternehmen anzulegen, wurde Mitglied des Deutschen Hilfsvereins, zeitweise dessen Präsident, widmete sich der Astronomie und der Dichtkunst, betätigte sich auch sonst rege im gesellschaftlichen Umfeld. Zwar hatten sich Georg Christian und Rosa dem Vernehmen nach getrennt, eine Ehescheidung gab es aber weder in Peru noch in Chile und erst recht nicht in Spanien. Sie lebten jedoch weiter unter dem gleichen Dach in der calle Diputación in Barcelona.

 

Hochzeit in Genf

Kaum in Europa angekommen, heiratete Tochter Luisa Hilliger Vernal den Herrn Franz Fromm, Sohn eines renommierten Flanellfabrikanten aus Küllstedt im Eichsfeld/Thüringen. Die Hochzeit fand in Genf in der Schweiz statt. Der junge Mann war Halbbruder von August Greve, einem alten Bekannten aus Salpeterzeiten in Iquique und Besitzer einer Jute-Spinnerei in Lindau bei Northeim in Hannover. Der wiederum war Vater des Kunstmalers Georg Greve-Lindau, einem zu Beginn des 20 Jahrhunderts bekannten Vertreter des Impressionismus, leider heute in Vergessenheit geraten. Ihm werden wir später noch einmal begegnen.

Vom Unglück verfolgt stand die junge Ehe Fromm-Hilliger unter keinem guten Stern. Hier mag die stets angeschlagene Gesundheit von Luisa eine große Rolle gespielt haben, die trotz mehrfacher Besuche bei Fachärzten in Wien keine Besserung erfuhr.  Der Ursache dafür und für die aus der jungen Ehe hervorgegangenen behinderten männlichen Nachkommen dürfte in einer Infektion zu finden sein, die der junge Georg Christian sich in seinen Junggesellenjahren in den Hafenstädten Valparaíso und Iquique geholt haben mag und für die es damals noch keine wirksamen Gegenmittel gab.

Im Jahre 1913 – noch gehörte Meran zu Österreich – feierte die Familie Fromm Hilliger die Firmung ihres Sohnes Francisco im Schloss Rametz in Meran. Francisco war 1898 im Hause Hilliger in Barcelona geboren, dadurch spanischer Staatsbürger. Er starb 1959 in München. (Slg.Dr. Waldner, Meran)
Im Jahre 1913 – noch gehörte Meran zu Österreich – feierte die Familie Fromm Hilliger die Firmung ihres Sohnes Francisco im Schloss Rametz in Meran. Francisco war 1898 im Hause Hilliger in Barcelona geboren, dadurch spanischer Staatsbürger. Er starb 1959 in München. (Slg.Dr. Waldner, Meran)

Nun lebte man  zusammen in Barcelona. Schwiegersohn Franz Fromm betätigte sich im Weinhandel und begann eine private Kunstsammlung aufzubauen. Mit Wohnsitz in Barcelona stellte Señora Rosa im Juli 1903 ihr recht umfangreiches Testament auf, umfangreich, denn es ging um die Verteilung eines großen Vermögens. So mancher Verwandte, Bekannte, Freunde und Dienstpersonal kamen auf die Liste.

Nur zwei Monate später starb sie in Lonres in Frankreich. Tochter Luisa Fromm folgte ihr im Jahr darauf, wenige Tage nachdem auch ihr Vater ein Testament aufgesetzt hatte. Als dritter im gestandenen Alter von achtzig Jahren verließ diese Welt der Salpetermillionär Georg Christian Hilliger in Barcelona im Jahre 1905.

 

Neuanfang in Meran/Südtirol

Blicken wir zurück, überfällt uns der Gedanke, dass es hier regelrecht zu einer Kettenreaktion gekommen sein mag. Schwiegersohn und Witwer Franz Fromm blieb zurück mit vier Kindern: ein Junge Alfonsito war bereits 1900 im Alter von sechs Jahren gestorben; und zwei männliche, leicht behinderte Jorge und Francisco und zwei Frauen Luisa Isabel und Zoila. Diese beiden Frauen – es bewahrheitete sich wieder einmal die Sage vom wirklich starken Geschlecht – erfreuten sich einer guten Gesundheit.

Mit dieser Familie, zwei Gouvernanten, vier Dienstboten und einer umfangreichen Kunstsammlung aus seinem und dem Besitz seiner Schwiegereltern reiste er 1905 auf der Suche nach einem Wohnsitz mit angenehmen Klima reiste  nach Meran in Südtirol, dem Residenzstädtchen der k.u.k. österreichischen Monarchie. Dort zog er von Schloss zu Schloss, bis er endlich im Jahre 1922 ein neues Zuhause, eine endgültige Bleibe in der im Heimatstil erbauten Villa Freischütz fand, die auch seiner mit Leidenschaft zusammengetragenen internationalen Kunstsammlung ausreichend Platz bot.

Im Hause Villa Freischütz in Meran kam Franz Fromm nach vielen Aufregungen zur Ruhe, trotz zweier Kriege und der Teilung des Kaiserreiches. Als Verlust nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg musste Österreich Südtirol und damit Meran an Italien abtreten. Franz Fromm starb 1941 in seiner Villa Freischütz.

 

Im Gedenken an General Navarini und Oberst Ugarte

Doch hier müssen wir wieder das starke Geschlecht unter den Nachkommen des Salpetermillionärs Georg Christian Hilliger hervorheben. Luisa Isabel Fromm Hilliger, Enkelin des Mannes, dem in Iquique Fortuna gelacht hatte, konnte sich trotz schwieriger Zeiten durchsetzen. Befreundet mit Isabel Ugarte, Schwester des bei der Verteidigung des Morro de Arica gefallenen peruanischen Volkshelden Alfonso Ugarte, (Isabel Ugarte starb 1938 in Paris) und Ehefrau des italienischen Generals Enea Navarini, dem der «Wüstenfuchs» General Rommel Tapferkeit und Zuverlässigkeit auf dem nordafrikanischen Kriegsschauplatz bestätigt hat, verwandelte die Villa Freischütz in ein Museum. Ihre Tochter, also Urenkelin von Georg Christian Hilliger, trug dieses schließlich in eine Stiftung ein, gab ihr den Namen Navarini-Ugarte-Stiftung. Das Museum steht ab Herbst 2018 dem Besucher in Meran/Südtirol offen. Luisa Isabel starb 1978, hinterließ zwei Kinder, die Stiftungsgründerin Rosamaria Navarini Fromm, verstorben im Jahre 2013 und Paolo, der auch nicht mehr unter uns weilt.

Schwester Zoila heiratete im Alter von 43 Jahren ihren Vetter zweiten Grades, den verwitweten Kunstmaler, Vertreter des Impressionismus Georg Greve-Lindau. Sie starb 1982, hinterließ keine Nachkommen.

Mit Luisa Isabel und Zoila Fromm Hilliger verließen uns Zeugen einer Generation, die dem «weißen Gold» von Iquique ihren Wohlstand verdankte. Sie brachte Männer hervor wie Hermann Conrad Fölsch, Friedrich Martin, Henry Sloman und viele andere, die einst bei Georg Christian Hilliger in Iquique in die Lehre gegangen waren.

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Georg Christian Hilliger, der Salpeter-Millionär: Von Lauenburg ins ferne Chile http://www.condor.cl/geschichte/georg-hilliger/ http://www.condor.cl/geschichte/georg-hilliger/#respond Thu, 21 Dec 2017 14:25:21 +0000 http://www.condor.cl/?p=22882 Der Bericht im «Cóndor» vom 1. September 2017 über das Leben des Salpeterhändlers Georg Christian Hilliger, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Iquique ein beachtliches Vermögen ansammeln konnte, verursachte ein unerwartetes Echo.

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Georg Christian Hilliger, ein gebürtiger Ratzeburger und Wahl-Lauenburger, zu seinen besten Salpeter-Zeiten. Wenig zuvor hatte die Fotokunst ihren Einzug in Iquique gehalten, auch Fotografien pflegte man mit einem schönen Rahmen zu verzieren. (Slg. Dr.Waldner, Meran)
Georg Christian Hilliger, ein gebürtiger Ratzeburger und Wahl-Lauenburger, zu seinen besten Salpeter-Zeiten. Wenig zuvor hatte die Fotokunst ihren Einzug in Iquique gehalten, auch Fotografien pflegte man mit einem schönen Rahmen zu verzieren. (Slg. Dr.Waldner, Meran)

 

Der Bericht im «Cóndor» vom 1. September 2017 über das Leben des Salpeterhändlers Georg Christian Hilliger, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Iquique ein beachtliches Vermögen ansammeln konnte, verursachte ein unerwartetes Echo.

 

Von Dietrich Angerstein

Nicht nur aus Chile sondern auch aus Spanien, Südtirol und Deutschland erreichten mich Briefe und Mails. Die Leiterin der Archivgemeinschaft Schwarzenbek steuerte Unterlagen bei, eine internationale Agentur verfasste eine englische Kurzfassung und veröffentlichte sie im Internet. Auf jede Überraschung folgte die nächste.

Ganz besonders ist Frau Dr. Herta Waldner von der Navarini-Ugarte-Stiftung, Meran/Südtirol zu danken. Aus ihrem unerschöpflichen Fundus konnte sie wesentlich bei der Klärung des zweiten Lebensabschnittes von Georg Christian Hilliger helfen.

Als ich durch Zufall vom Schicksal des Lauenburger Johanngeorg Christian Hilliger – später immer nur Georg Christian genannt – erfuhr und begann, in alten Archiven zu recherchieren, unterliefen mir erste und vielleicht wesentliche Fehler. Ich vermischte Georg Christian mit seinen Vettern, unter diesen Wilhelm, dessen Bruder Georg (er hieß dann nur noch Jorge) und so manchem anderen Träger des gleichen Namens.

Wilhelm und Jorge waren schon Jahre zuvor in Chile heimisch geworden. Wilhelm zählte zu den Gründern des Deutschen Vereins Valparaíso im Jahre 1838, hatte Grundbesitz erworben, diesen 1864 aufgegeben und war im Hause seines Vetters Georg Christian in Iquique im Jahre 1869 an Malaria gestorben. Verheiratet mit Maria Elena Emilia Mestern (manchmal auch Menster geschrieben) hinterließ er zwei Söhne und eine Tochter, darunter Guillermo, Stammvater der heute in Chile recht zahlreich vertretenen Mitglieder der Familie Hilliger.

Obendrein gab es noch andere und auch Cousinen, die zum Durcheinander beitrugen, ungenaue und unvollständige Archive, unentzifferbare Fotokopien, auch gleiche oder teils schlecht übersetzte Vornamen gaben den Rest.

 

Abenteuerlust

«Mein» Hilliger dagegen erblickte am 4. Oktober 1825 in Ratzeburg als Sohn des Ackerbürgers (das war ein Landwirt mit Bürgerrechten) Johann Christian Georg und dessen Frau Margarethe geb. Westermann das Licht der Welt. Bald darauf zog die Familie nach Lauenburg, dem Stammsitz der Familie Hilliger, sodass Georg Christian stets Lauenburg als seine Heimatstadt ansah.

Nach Schulabschluss absolvierte er, wie es sich für einen Angehörigen eines ehrbaren Handelshauses ziemte, eine kaufmännische Lehre in Uelzen, Mölln, Lüneburg und Salzwedel, trat dort der Loge «Johannes zum Wohle der Menschheit» bei; ihr blieb er bis zu seinem Tode treu.

Gerade erst 28 Jahre alt – auch hier muss ich mich berichtigen – und voller Abenteuerlust, wurde er angelockt durch die Berichte seiner Lauenburger – nunmehr chilenischen – Vettern Jorge und Wilhelm und schiffte er sich auf der Vollmastbark «Hindostan» nach Valparaíso ein. Er erreichte chilenisches Ufer am 5.Oktober 1853.

Ab jetzt gibt es nichts mehr zu berichtigen an meinem «Cóndor»-Beitrag vom 1. September, nur noch zu ergänzen, aber diese Ergänzungen haben es in sich, stecken voller Überraschungen.

Wie bereits gemeldet, im Jahre 1860 und schon im Besitze eines gutdotierten Bankkontos, heiratete Georg Christian Hilliger die etwa gleichaltrige und sogar noch besser finanziell ausgerüstete Witwe Rosa Vernal Carpio, verwitwete Ugarte. Sie zählte allerdings am Tage der Hochzeit bereits 38 Lenze, was erklärt, dass aus der Ehe Hilliger-Vernal nur eine Tochter Luisa hervorging. So ganz nebenbei bekleidete Georg Christian Hilliger auch noch die Stellung erst eines preußischen, dann die des Norddeutschen Bundes und schließlich die des kaiserlichen deutschen Konsuls in Iquique.

 

Salpeterhandel

Die Jahre vergingen, das Salpetergeschäft blühte. Im Laufe des Jahres 1870 trat der aus Hamburg  eingereiste Hermann Conrad Fölsch in das Unternehmen ein, traf dort den in Göttingen geborenen Deutsch-Chilenen Federico Martin. Beide machten sich zwei Jahre später selbstständig und übernahmen die insolvent gewordene Salpeter-Oficina Paposo. Georg Christian Hilliger stand den jugendlichen Unternehmern beratend zur Seite, rasch gelangten sie in die Gewinnzone.

Da in jenen Zeiten das Vermögen einer Frau bei der Heirat automatisch in die Verfügung des Ehemannes fiel, eine frisch verheiratete Rosa also die Verfügungsgewalt über ihr Geld verlor, Georg Christian jedoch auf Gütertrennung bestand, erteilte er im Jahre 1877 in Valparaíso seiner Frau eine «Licencia Marital», die es ihr ermöglichte, über ihre Guthaben zu disponieren, so die gesetzliche Verfügungsgewalt des Ehemannes zu umgehen und sich auch von ihm zu trennen. (Andere unbestätigte Quellen geben für die «Licencia Marital» das Jahr 1867 an).

 

Alfonso Ugarte, ein peruanischer Held

Nun ist wichtig zu erwähnen, dass Rosa Vernal Carpio aus ihrer ersten Ehe mit Narciso Ugarte zwei Kinder einbrachte, Isabel und Alfonso Ugarte, zwei andere waren zuvor im Kindesalter gestorben. Alfonso legte eine kaufmännische Lehre in Valparaíso ab, kehrte zurück nach Iquique und eröffnete mit Antonio Cevallos ein Geschäft, das sich einträglich dem Im- und Export, Handel mit Landesprodukten aus eigener Landwirtschaft im Tarapacá-Tal und der Salpeter-Gewinnung widmete.

Präsentiert sich als Oberst der peruanischen Armee: Alfonso Ugarte Vernal, Stiefsohn des Georg Christian Hilliger. Er verteidigte den Morro de Arica gegen die anstürmenden Chilenen und opferte sich dabei selbst. (Slg.Dr.Waldner, Meran)
Präsentiert sich als Oberst der peruanischen Armee: Alfonso Ugarte Vernal, Stiefsohn des Georg Christian Hilliger. Er verteidigte den Morro de Arica gegen die anstürmenden Chilenen und opferte sich dabei selbst. (Slg.Dr.Waldner, Meran)

Zeitweise bekleidete er den Posten eines Bürgermeisters, war 1870 gemeinsam mit Georg Christian Hilliger auch Mitbegründer der Freiwilligen Feuerwehr Iquique, der ersten in Peru.

Alfonso Ugarte war Peruaner, im Gegensatz zu seinem neuen Stiefvater, dem chilenische Interessen mehr am Herzen lagen, betrieb doch die peruanische Regierung mit Macht eine Verstaatlichung des Salpeter-Geschäftes gegen den Willen der Oficina-Betreiber, da es eine Übernahme der Salpeter-Oficinas gegen Begleichung durch fragwürdige  Staatspapiere vorsah.

Es ist nun nicht die Absicht dieses Berichtes auf die näheren Umstände des sogenannten Salpeter-Krieges einzugehen, jedenfalls wurde Peru durch einen Vertrag mit Bolivien in diesen hineingerissen, es kam zur Seeschlacht von Iquique. Vater Hilliger begrüßte die Ankunft der Chilenen.

Nicht dagegen Stiefsohn Alfonso Ugarte und dessen Mutter, nunmehr Rosa Hilliger geborene Vernal Carpio. Auf eigene Initiative warb Alfonso Ugarte unter Arbeitern und Handwerkern ein Bataillon von 465 Soldaten und Offizieren an, zahlte und rüstete es aus seinem Privatvermögen aus , wurde ohne militärische Vorkenntnisse gleich zum Oberst befördert – er war ja eigentlich Buchhalter –, verteidigte die Cuesta de Dolores und Tarapacá unter dem peruanischen General Juan Domingo Buendía, um schließlich unter dem Kommando des peruanischen Obersten Francisco Bolognesi den Morro de Arica zu besetzen und diesen gegen die angreifenden chilenischen Truppen zu verteidigen.

Die Verteidigung misslang, die Chilenen siegten, und als letzte Heldentat stürzte sich Alfonso Ugarte hoch zu Ross mit wehender peruanischer Flagge in den Abgrund. Andere Quellen besagen dagegen, dass er den Tod im Hauptquartier von Oberst Bolognesi fand. Jedenfalls wird Alfonso Ugarte heute in Peru als Volksheld gefeiert, in Lima ist seine Reiterfigur Teil des Denkmals zu Ehren von Oberst Bolognesi, Straßen in Peru tragen seinen Namen. Beigesetzt wurde er im Mausoleum der Familie Ugarte auf dem Friedhof Presbítero Maestro in Lima, später überführt in das  peruanische staatliche Mausoleum der Heroes des Salpeterkrieges.
 
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Buchtipp «Tai Pan» von James Clavell http://www.condor.cl/geschichte/tai-pan/ http://www.condor.cl/geschichte/tai-pan/#respond Thu, 23 Nov 2017 08:29:16 +0000 http://www.condor.cl/?p=22636 James Clavells Roman «Tai Pan» führt zu den Anfängen der britischen Handelskolonie Hongkong. Das historische Epos gibt Einblick in ein Prinzip, dem sich China nicht verschließen konnte: dem weltweiten Handel.

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Ein Drache namens Handel

Vorsicht vor Piraten und Halsabschneidern! Bryan Brown (links) als Dirk Struan in der «Tai Pan»-Verfilmung von 1986.
Vorsicht vor Piraten und Halsabschneidern! Bryan Brown (links) als Dirk Struan in der «Tai Pan»-Verfilmung von 1986.

 

James Clavells Roman «Tai Pan» führt zu den Anfängen der britischen Handelskolonie Hongkong. Das historische Epos gibt Einblick in ein Prinzip, dem sich China nicht verschließen konnte: dem weltweiten Handel.

 

Von Arne Dettmann

Ein karge, öde Felseninsel vor den Toren Chinas, das sich nur widerwillig dem Handel mit den Westmächten öffnen will: Es scheint, dass die Briten nach dem Ersten Opiumkrieg (1839-1842) einen schlechten Friedensschluss mit dem besiegten Kaiserreich ausgehandelt haben. Wer soll schon etwas mit diesem unbebauten Eiland namens Hongkong etwas anfangen, wo es höchstens Fischfang und Perlenzucht gibt?

Doch Dirk Struan, der Besitzer und Anführer des einflussreichsten Handelsunternehmens Noble House, ist beseelt von einer Vision. Hongkong soll das Sprungbrett nach China werden und das Reich der Mitte für den internationalen Handel erschließen. Symbolhaft weht auf allen seinen Handelsschiffen sein Emblem: das schottische Familienwappen, ein Löwe, der dem chinesischen Drachen gegenübersteht, bereit zur Umarmung.

Hongkong in der Gründerzeit: Nachdem sich die Portugiesen bereits im 16. Jahrhundert im benachbarten Macau niedergelassen hatten, besetzten die Briten 1841 die Insel. Beide Kolonien wurden 1999 beziehungsweise 1997 an China zurückgegeben.
Hongkong in der Gründerzeit: Nachdem sich die Portugiesen bereits im 16. Jahrhundert im benachbarten Macau niedergelassen hatten, besetzten die Briten 1841 die Insel. Beide Kolonien wurden 1999 beziehungsweise 1997 an China zurückgegeben.

Mit dem Roman «Tai Pan» im Jahr 1966 setzte der britisch-amerikanische Schriftsteller James Clavell (1924-1994) seine Reihe an Bestsellern fort, von denen «Shogun» (1975) auch wegen der Verfilmung sicherlich den größten Bekanntheitsgrad erreichte. Seine eigenen Erfahrungen in Asien – er geriet im Zweiten Weltkrieg in japanische Kriegsgefangenschaft – flossen in die epischen Werke mit ein. Der Autor verbindet realistische Schilderungen des für westliche Leser so geheimnisvollen, exotischen Ostens mit einer opulenten, phantasievollen Handlung, in der es um Macht und Ehre, Liebe und Hass geht.

So auch in der Geschichte über die Gründerzeit Hongkongs. Der Seefahrer und Kaufmann Dirk Struan, auch als Tai Pan bezeichnet, was in China der «oberste Führer» bedeutet, steht kurz vor dem Bankrott. Sein Erzfeind Tyler Brock hat dessen Schuldscheine aufgekauft und will Noble House endlich vernichten. Nur noch ein gutes Joss – kantonesisch für Glück und Schicksal – und die Silberbarren eines befreundeten chinesischen Händlers können den gewieften Schotten jetzt noch retten.

Silber war es damals, mit dem die europäischen Seefahrer die begehrten Waren wie Tee, Seide und Porzellan aus China bezahlten. Im Gegenzug verweigerte sich das Reich der Mitte dem Import aus Europa. Der permanente Devisenabfluss brachte die britische Volkswirtschaft in arge Bedrängnis, doch die East India Company hatte einen genialen wie fatalen Einfall: Der Erwerb von Tee sollte mit Opium beglichen werden, das aus Indien kam.

Die Anstrengungen Chinas, diesen Handel zu unterbinden, blieben erfolglos. Das Kaiserreich hatte der Seemacht England nichts entgegenzusetzen und verlor beide Opiumkriege. China wurde zur Öffnung seiner Märkte gezwungen und musste Hongkong abtreten. Der Opiumhandel florierte, Millionen Chinesen wurden von der Droge abhängig.

Französische Karikatur 1840: Die Briten zwangen die Chinesen, Opium zu importieren, um somit die Handelsbilanz auszugleichen.
Französische Karikatur 1840: Die Briten zwangen die Chinesen, Opium zu importieren, um somit die Handelsbilanz auszugleichen.

Ironisch schildert Clavell den Chauvinismus auf beiden Seiten. Die Europäer sehen in China nur ein Volk aus ungebildeten Heiden, während sich wiederum die Chinesen den weißen «Barbaren» stets als überlegen fühlen. Die Briten verachten die religiösen Vorstellungen der Asiaten, doch umgekehrt kann May-May, die chinesische Geliebte des Tai Pans, über den «komischen Gott» der Christen nur verständnislos den Kopf schütteln. Einzig Dirk Struan gelingt eine halbwegs gelungene Symbiose beider Kulturkreise. Er übernimmt die Hygiene der Chinesen – denn bei James Clavell stinken die meisten Europäer und haben Läuse – und ist in der Lage, sich deren Gebräuchen und Traditionen anzupassen.

«Tai Pan» liest sich nicht nur spannend wie ein Abenteuerroman, sondern ist auch gerade eindrucksvoll, wenn man weiß, wie die Geschichte in der realen Welt weiter verlaufen ist. Hongkong, dieses «felsige Bergland», «abweisend», «unfruchtbar», gehört heute mit 7,3 Millionen Einwohnern zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Welt. Mit seinem Wirtschafts- und Finanzsektor zählt die Metropole an der Südküste der Volksrepublik China zu den bedeutendsten Weltstädten. Es scheint, dass Dirk Struans Plan aufgegangen ist.

Denn letztendlich hat sich die Idee des freien Handels durchgesetzt. Es ist mittlerweile 20 Jahre her, dass Hongkong von Großbritannien 1997 an China zurückgegeben wurde – unter Beibehaltung des Kapitalismus. Die einstige, selbst gewählte wirtschaftliche Isolation des riesigen Reiches wurde aufgegeben, das Land hat längst den Anschluss an die Welt und die Moderne vollzogen und ist nach den USA die größte Wirtschaftsmacht.

Jüngst kündigte China beim Besuch von US-Präsident Donald Trump an, es wolle Ausländern einen größeren Zugang zu seinem bisher weitgehend verschlossenen Finanzmarkt erlauben. Wie die Kommunistische Partei Chinas diese offensichtliche Diskrepanz aus Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Marx und Mercedes aushält, zeigte der kürzlich abgehaltene Parteikongress in Peking. Der Widerspruch wird einfach überspielt. Diese asiatische Tugend, auch in unangenehmen Situationen stets «das Gesicht zu wahren», beschrieb bereits James Clavell in «Tai Pan».

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Einführung der Schulpflicht in Preußen vor 300 Jahren http://www.condor.cl/geschichte/schulpflicht-preussen/ http://www.condor.cl/geschichte/schulpflicht-preussen/#comments Sun, 15 Oct 2017 10:17:56 +0000 http://www.condor.cl/?p=22419 Am 28. September 1717 erließ König Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) von Preußen die Verordnung zur allgemeinen Schulpflicht in den königlichen Domänengütern. Kindern im Alter von fünf bis zwölf Jahren wurde damit der Schulbesuch verordnet.

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«Gute Christen und gute Untertanen»

Friedrich Wilhelm I. in einer Schule: Der preußische «Soldatenkönig» führte 1717 in seinem Reich die Schulpflicht ein.
Friedrich Wilhelm I. in einer Schule: Der preußische «Soldatenkönig» führte 1717 in seinem Reich die Schulpflicht ein.

 

Am 28. September 1717 erließ König Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) von Preußen die Verordnung zur allgemeinen Schulpflicht in den königlichen Domänengütern. Kindern im Alter von fünf bis zwölf Jahren wurde damit der Schulbesuch verordnet, oder, wenn wir es aus einer anderen Sicht betrachten, ihnen wurde eine allgemeine schulische Bildung ermöglicht. Der preußische König hatte damit, vor 300 Jahren, eine entscheidende Weichenstellung in der Schulgeschichte eingeleitet.

 

Von Peter Downes

Obwohl der Schulbesuch schon seit der Reformationszeit in Gemeindehäusern oder Ortsschulen oder als Sonntagsschule unter kirchlicher Leitung angeboten wurde, so bestand jedoch keine Verpflichtung der Eltern, ihre Kinder zur Schule zu schicken.  Über die Vernachlässigung des schulischen Unterrichts seitens der Eltern beklagt sich denn auch Friedrich Wilhelm I. in seiner Verordnung, und schildert damit eine geläufige Situation:

«Wir vernehmen missfällig und wird verschiedentlich von denen Inspectoren und Predigern bey Uns geklaget, dass die Eltern, absonderlich auf dem Lande, in Schickung ihrer Kinder zur Schule sich sehr säumig erzeigen, und dadurch die arme Jugend in grosse Unwissenheit, so wohl was das lesen, schreiben und rechnen betrifft, als auch in denen zu ihrem Heyl und Seligkeit dienenden höchstnötigen Stücken auffwachsen laßen.»

Ein Lehrer und seine Schüler in einem Kupferstich von 1835.
Ein Lehrer und seine Schüler in einem Kupferstich von 1835.

Der preußische König sah sich nun als Landesvater in die Pflicht genommen, dieser Nachlässigkeit seiner Untertanten in der Bildung ihrer Kinder entgegenzutreten. An finanziellen Mitteln und dem Verlust der Mitarbeit der Kinder in der Landwirtschaft sollte der Schulbesuch nicht scheitern. Denn, obwohl ein wöchentliches Schulgeld von «zwei Dreier» zu entrichten war und die Eltern auf die Mitarbeit ihrer Kinder angewiesen waren, wollte der König keinesfalls die elementare Ausbildung im Lesen, Schreiben und Rechnen aufgeben. Ihm galt es «gute Christen und gute Untertanen» in einem modernen Staat heranzubilden. Preußen war auf dem Weg sich zu Modernisieren im Sinne einer aufgeklärten Monarchie.

So zeigte der König durchaus ein gewisses Verständnis für die Bedenken seiner Untertanten, die einerseits nicht die finanziellen Mitteln aufbringen konnten, oder aber nicht auf die Mitarbeit ihrer Kinder verzichten konnten.

«Also lautet ein Beschluss: Dass der Mensch was lernen muss.» Darstellung des Lehrers Lämpel in «Max und Moritz» von Wilhelm Busch.
«Also lautet ein Beschluss: Dass der Mensch was lernen muss.» Darstellung des Lehrers Lämpel in «Max und Moritz» von Wilhelm Busch.

Die Verordnung sieht daher vor, dass der Schulbesuch «im Winter täglich und im Sommer, wann die Eltern bei ihrer Wirtschaft benötigt sein, zum wenigsten ein- oder zweimal die Woche», stattfinden sollte. Obwohl im Sommer die Kinder auf den Feldern benötigt wurden, sollte der Unterricht nicht gänzlich ausgesetzt werden, denn durch einen zeitlich reduzierten Schulbesuch sollte sichergestellt werden, «damit sie dasjenige, was im Winter erlernet worden, nicht gänzlich vergessen mögen». Reichte tatsächlich das Familieneinkommen nicht aus, um das Schulgeld zu begleichen, so sollte die Krone sich um die Zahlung kümmern, das heißt deren Begleichung aus solidarischen Mitteln der Ortskasse garantiert werden: «Falls aber die Eltern das Vermögen nicht hätten; So wollen Wir dass solche Zwey Dreyer aus jeden Ortes Allmosen bezahlet werden sollen.»

Allerdings stieß seine Verordnung keineswegs auf positive Resonanz. Statt Lob und Begeisterung wurde Friedrich Wilhelm I. mit erheblichem Widerstand konfrontiert. Verschiedene Sektoren der Bevölkerung wandten sich gegen diese Bestimmung. An erster Stelle waren es die Eltern, die sich gegen die Schulreform des Königs äußerten, aber auch Gutsherren, die Kirche und das Generaldirektorium befürchteten gewaltige Kosten auf sich zukommen, denn schließlich musst sie für die Errichtung der Schulen aufkommen. Das Baumaterial für die Schulhäuser wurde allerdings vom König selbst gestellt.

Friedrich Wilhelm I. blieb aber standhaft, entsandte Kommissionen durchs Land und fasste immer wieder neue Reskripte. Auch gegen die Einwände seiner Minister, dass eine solche Schulreform viel zu kostspielig sei, musste sich der in Staatsfinanzen eher knauserige Herrscher durchsetzen: «Dieses ist alles nichts! Denn wenn ich baue und verbessere das Land und mache keine Christen, so hilft mir alles nichts.»

War eine Schule erst errichtet, so sollte der Schulbetrieb selbst keine weiteren Kosten verursachen, da die Lehrer neben ihrem Unterricht sich selbst für ihren Unterhalt sorgen mussten. Zum Schuldienst wurden daher bevorzugt Handwerker, Tagelöhner und abgedankte Soldaten verpflichtet.

Es gab noch keine pädagogische und didaktische Ausbildung für Lehrer. Eine solche Lehrerausbildung sollte erst im 19. Jahrhundert erfolgen. Die Schulmeister im Preußen des 18. Jahrhunderts waren meist die Küster des Dorfes, die somit unter der inhaltlichen Aufsicht des Ortspfarrers standen. Damit war der Schulmeister dann als Küster nicht nur zur Vorbereitung des Gottesdienstes und dem Orgelspiel eingespannt, sondern diente dem Pfarrer auch als Handwerker in der Kirche und als dessen Laufbursche. Über den Schulmeister wurde auch viel gespottet, wie man es im «Max und Moritz» von Wilhelm Busch selbst noch im 19. Jahrhundert lesen kann.

Die königliche Verordnung galt nur für die Krondomänen, das heißt den adligen Gutsbesitzern konnte der König seine Schulreform nicht aufzwingen, sondern sie ihnen lediglich empfehlen.

Der preußische «Soldatenkönig» setzte mit seiner Schulreform einen Meilenstein auf den Weg zu einer Modernisierung Preußens, die im 19. Jahrhundert dann mit der Bildungsreform Wilhelms von Humboldt nochmals einen Quantensprung erlebte.

Die Schule sollte gute Christen machen und aus denen würden dann auch gute Untertanen, so war der König überzeugt. Am Ende seiner Regentschaft konnte Friedrich Wilhelm I., im Jahre 1740, auf 1.480 Schulen verweisen, damit hatte sich die Zahl von 1717, mit ihren 320 Dorfschulen, mehr als vervierfacht.

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Deutsches Wirtschaftsleben in Concepción 1870-1930 http://www.condor.cl/geschichte/wirtschaftsleben-concepcion/ http://www.condor.cl/geschichte/wirtschaftsleben-concepcion/#comments Tue, 19 Sep 2017 11:45:18 +0000 http://www.condor.cl/?p=22265 Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war ein stetiger Zuzug von Deutschen in die chilenische Provinz Concepción zu verzeichnen, wobei sich der weitaus größte Teil von ihnen in der Stadt Concepción niederließ.

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Die ökonomische Bedeutung der deutschen Einwanderung in Südchile

Mercado Concepción 1919: Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verzeichnete die Stadt einen regen Zulauf deutscher Einwanderer. Fotos gentileza del historiador penquista Armando Cartes Montory
Mercado Concepción 1919: Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verzeichnete die Stadt einen regen Zulauf deutscher Einwanderer. Fotos gentileza del historiador penquista Armando Cartes Montory

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war ein stetiger Zuzug von Deutschen in die chilenische Provinz Concepción zu verzeichnen, wobei sich der weitaus größte Teil von ihnen in der Stadt Concepción niederließ.

 

Die Mehrzahl der deutschen Einwanderer bestand aus Kaufleuten, die im Importgeschäft tätig waren und angezogen wurden durch die wirtschaftlichen Möglichkeiten. Daher kann man auch von einer Handelskolonie sprechen, die ihre Vorläufer in Valparaíso und Santiago hatte. Die enge Beziehung zum Handel spiegelt sich nicht zuletzt auch in der Herkunft der Deutschen in der Provinz Concepción wider: Im Durchschnitt stammte jeder Fünfte von ihnen aus Hamburg.

Die deutschen Einwanderer hatten – neben den britischen und französischen – eine besondere Stellung im Wirtschaftsleben der Provinz inne. Sie verfügten über eingespielte Handelsbeziehungen, brachten unternehmerischen Sinn für die Entwicklung der Industrie mit, erkannten ihre Chancen und verfügten auch über Kapital für Investitionen. Nicht zuletzt brachten sie industrielles Expertenwissen mit.

 

Bilateraler Handel

Einen besonderen Aufschwung nahm der Handel zwischen Chile und Deutschland seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. So wie Deutschland seinerseits ein sehr guter Kunde wurde – neben den Importen von Leder, Kupfer, Honig und Wachs war es einer der Hauptimporteure und der größte Verbraucher von Natronsalpeter, des wichtigsten chilenischen Handelsartikels –, so stellte auch Chile keinen schlechten Markt für die deutschen Industrieerzeugnisse dar. Die Einfuhr von Deutschland nach Chile betrug im Jahr 1909 ein Viertel des gesamten chilenischen Imports.

Die zentrale Plaza de Armas von Concepción im Jahr 1879
Die zentrale Plaza de Armas von Concepción im Jahr 1879

Seit den 1880er Jahren ist entsprechend eine verstärkte Niederlassung deutscher Importhäuser in Concepción zu verzeichnen. Die Gründung deutscher Geschäfte und Industriebetriebe setzt sich ungebrochen bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs fort. Rund die Hälfte der 152 Firmen befasst sich mit dem Import von Gegenständen und Dienstleistungen, darunter Maschinen, Werkzeuge, Pharmaprodukte, Stoffe und Haushaltswaren. Mit annähernd 20 Betrieben ist auch das Hotel- und Gaststättengewerbe relativ breit vertreten. Zudem gibt es sowohl Handwerksbetriebe im Baubereich (Schreinerei, Schlosserei, Klempnerei) als auch für den alltäglichen Bedarf (Metzgerei, Konditorei, Schuhmacherei).

 

Zweigniederlassungen

Manche Unternehmen in Concepción stellten Zweigniederlassungen von Importhäusern dar, die in Valparaíso oder Santiago ansässig waren. Dazu zählte das Unternehmen E. y W. Hardt y Cia., das Stoffe und Konfektionsware aus Deutschland bezog. Es wurde 1888 als Filiale des Hauptsitzes von Valparaíso in Concepción gegründet. Weitere Filialen dieses Hauses gab es in Santiago und Punta Arenas, aber auch in vielen anderen südamerikanischen Städten: in Trujillo, Lima, Arequipa, La Paz, Oruro, Buenos Aires, Montevideo und Bahía Blanca.

Das Haus Julio Plesch y Cía. ging zurück auf den Hamburger Kaufmann Julius Plesch, der 1886 in Traiguén (Araucanía) sein Geschäft eröffnet hatte. 1890 gründete er die Niederlassung in Concepción, die auf den Import von Eisenwaren, Maschinen, Glaswaren und weiteren Haushaltsartikeln spezialisiert war. Seit 1902 besaß die Firma auch ein eigenes Einkaufshaus in Hamburg.

Die Concepcioner Filiale von A. y F. Becker y Cía. mit Hauptsitz in Valparaíso wurde 1901 eröffnet. Dieses Haus importierte Maschinen und Werkzeuge für die Landwirtschaft, für Brauereien, Weinkellereien, Gerbereien und andere Industrien sowie Baumaterialien aus Europa und den USA.

Eine eher ungewöhnliche Entstehungsgeschichte findet sich für das Haus M. Gleisner y Cía., das sich zum größten deutschen Importhaus in Concepción entwickelte. Es wurde 1880 von Moritz Gleisner und Ernst Geßwein gegründet. Bald kamen Zweigniederlassungen in Santiago, Valparaíso, Talca und Iquique sowie eigene Einkaufshäuser in Hamburg und New York hinzu. Während die anderen großen Importhäuser meist als Zweigniederlassungen in Concepción gegründet wurden, verlief der Weg bei M. Gleisner y Cía. somit umgekehrt: Von der Biobio-Stadt aus konnte es bald Niederlassungen in anderen Städten aufbauen.

 

Spielwaren, Waffen, Parfüm

Daneben gab es eine Reihe kleinerer Unternehmen, die mit einer Vielzahl von zum Teil sehr unterschiedlichen Gütern handelten. Ein anschauliches Bild dafür liefert das Sortiment von Voelckers Hnos. y Cía., über das die Firma 1890 in dem «Jahr- und Adressbuch der Deutschen Colonien in Chile» informiert:

Import und Handlung in Manufaktur- und Kurzwaren, Bijouteriewaren, Geschenk-, Luxus- und Galanterieartikel, Porzellan- und Glaswaren, Parfümerien und sonstige Toilettenartikeln, Spielwaren, Waffen, Haushaltungsgegenstände. Hüte, Schirme, Stöcke, Herrenartikel aller Art. Pianos, feine Lederwaren, Grabkränze, Oelbilder in und ohne Rahmen.

Ein hoher Grad an Diversifikation von Produkten und Dienstleistungen scheint besonders für die kleineren Unternehmen charakteristisch gewesen zu sein. So handelte H.P. Hinrichsen e hijo in Tomé nicht nur mit Landesprodukten, Kolonialwaren und Schiffsbedarfsartikeln, sondern es hatte auch ein Weinlager, eine Agentur der Feuer- und Seeversicherungsanstalt La Chilena, eine Spedition und Kommission, eine Bierbrauerei und eine Mineralwasserfabrik und bot Personen- und Güterbeförderung sowie die Löschung von havarierten Schiffen an.

Ähnlich verhält es sich mit der Firma Schuyler & Ziebrecht in Talcahuano, die gleichzeitig eine Handlung in Schiffsbedarfsartikeln, eine Schlachterei und eine Kolonial-, Kurz- und Manufakturwarenhandlung betrieb. Die Firma Hagen & Jacobsen in Coronel bestand aus einer Handlung für Schiffsmaterialien, einer Schlachterei und einer Agentur diverser Dampferlinien.

Wo mehrere Deutsche zusammen kommen, gründen sie einen Verein: der Club Alemán de Concepción.
Wo mehrere Deutsche zusammen kommen, gründen sie einen Verein: der Club Alemán de Concepción.

Auch in der Stadt Concepción finden sich Unternehmen, die eine breite Palette von Waren und Dienstleistungen anboten. So bestand E. Boettiger nicht nur aus einer Konditorei und einem Bierlokal, sondern unterhielt gleichzeitig einen Lohnkutschenbetrieb sowie einen Handel von Pferden und Landesprodukten. Ebenso widmete sich der Besitzer des Hotels Ferro Carril, Eduard Geilenfeld, nicht ausschließlich dem Hotelbetrieb, sondern handelte gleichzeitig mit importierten optischen, mathematischen und physikalischen Instrumenten.

 

Kutschen, Hüte und Bier

Darüber hinaus existierten aber auch eine Reihe deutscher Industriebetriebe. 1868 wurde von Julius Herman die Carrocería EI Progreso gegründet, die Kutschen, Handwagen und sonstige Fuhrwerke sowohl für den städtischen als auch für den ländlichen Gebrauch herstellte. Einige der Produkte dieses Unternehmens, vor allem Räder, fanden außer in Chile auch in Bolivien Absatz. Um die Jahrhundertwende beschäftigte die Firma 40 Arbeiter.

1874 wurde in Concepción von Gustav Keller eine Brauerei errichtet, deren Bier außer in der Region auch in Peru Verbreitung fand. Das Unternehmen Keller Hnos. schloss sich 1907 mit der 1874 von Otto Schleyer in Talca gegründeten Brauerei zusammen und wurde umgewandelt in die Sociedad Cervecerías de Concepción y Talca. In dieser Brauerei waren etwa 100 Arbeiter beschäftigt.

1883 errichtete Gustav B. Wolf die Fábrica Nacional de Sombreros de Paja y Pano, Hilandería y Cordonería. Zu Beginn der 1910er Jahre beschäftigte sie 140 Arbeiterinnen und Arbeiter und produzierte jährlich unter anderem 324.000 Strohhüte und 72.000 Filzhüte.

 

Herausbildung einer Mittelschicht

Außer Kaufleuten zog es mit der Zeit auch Bankiers, Ingenieure, Ärzte, Handwerker und weitere Freiberufler nach Concepción. Das Anwachsen der städtischen Kolonie lässt sich an den Gründungsdaten deutscher Vereinigungen verfolgen: 1872 Deutscher Verein, 1886 Deutscher Turnverein, 1888 Deutsche Schule, 1893 Deutsche Krankenkasse, 1897 Deutsches Krankenhaus, 1900 Freimaurerloge, 1903 Gesangsverein, 1904 deutsche evangelische Kirchengemeinde.

Die deutschen Einwanderer hatten als vorwiegend kaufmännisch, technisch und handwerklich geprägte Berufstätige zahlreiche Innovations- und Entwicklungsanstöße für die chilenische Gesellschaft einbringen können. Von daher ist es wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass sie als Katalysator für die Herausbildung einer chilenischen Mittelschicht wirkten.

 

Quelle: Katharina Tietze de Soto, Deutsche Einwanderung in die chilenische Provinz Concepción 1870-1930, Vervuert-Verlag, Frankfurt am Main, 1999. Mit freundlicher Genehmigung vom Emil-Held-Archiv. Zusammengestellt von Arne Dettmann.

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Georg Christian Hilliger, ein vergessener Salpeter-Millionär http://www.condor.cl/geschichte/georg-christian-hilliger/ http://www.condor.cl/geschichte/georg-christian-hilliger/#comments Sun, 03 Sep 2017 09:41:17 +0000 http://www.condor.cl/?p=21048 Nicht so bekannt wie Sloman, Gildemeister, Berger, Fölsch und Martin, aber trotzdem ein Mann, der in der ausgedörrten Salpeterwüste ein Vermögen machte: Georg Christian Hilliger, gebürtig zu Lauenburg an der Elbe.

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Die Geschichte eines deutschen Auswanderers in Chile

In dem Humberstone-Salpeterwerk bei Iquique wurde das «weiße Gold» gewonnen. Vor allem als Dünger fand das Produkt in Europa guten Absatz.
In dem Humberstone-Salpeterwerk bei Iquique wurde das «weiße Gold» gewonnen. Vor allem als Dünger fand das Produkt in Europa guten Absatz.

 

Nicht so bekannt wie Sloman, Gildemeister, Berger, Fölsch und Martin, aber trotzdem ein Mann, der in der ausgedörrten Salpeterwüste ein Vermögen machte: Georg Christian Hilliger, gebürtig zu Lauenburg an der Elbe.

 

Von Dietrich Angerstein

 Die Geschichte der Familie Hilliger liest sich wie aus Thomas Manns «Buddenbrooks». Einst eine recht wohlhabende Kaufmanns- und Schifferfamilie am Ufer der Elbe, geriet sie in die Wirren der Plünderungen durch französische Soldaten unter Napoleon, versuchte dann durch Geschäfte gerade mit den Besatzern wieder auf einen grünen Zweig zu kommen, was ihr nach Abzug derselben die Missbilligung der Mitbürger einbrachte. Hinzu kamen sowohl Tod als auch die Heimkehr schwerverwundeter, stets auf fremde Hilfe angewiesener männlicher Familienmitglieder aus den Befreiungskriegen.

Jedenfalls sah sich die geschäftsführende Verwalterin, die Witwe von Heinrich Wilhelm Hilliger, gezwungen, nach 200 Jahren ehrbarer Kaufmannstradition Konkurs anzumelden. Im Jahre 1828 gelangte das prachtvolle Bürgerhaus in Lauenburg, Elbstraße 11, das sowohl Wohnung als auch Kontor – wie man im Hamburgischen sagt – beherbergte, unter den Hammer.

 

Auswandern nach Chile

Drei Jahre nach dem schmerzlichen Ereignis erblickte Georg Christian in Lauenburg das Licht der Welt. Eine Zukunft im Familienunternehmen, zwar nicht direkt ihm zugehörig, aber dennoch wie sie seine Vorfahren vor Augen gehabt haben mögen, konnte er nun nicht mehr erwarten. Kaum hatte er das 21. Lebensjahr vollendet, denn erst dann wurde man in jenen Zeiten volljährig, schiffte sich der junge Lauenburger auf der Vollmastbark «Hindostan» nach Chile ein und erreichte Valparaiso am 5. Oktober 1853.

Welche Chancen boten sich nun einem jungen Mann, der ohne nennenswertes Kapital Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Fuß zum ersten Mal auf chilenischen Boden setzte? Natürlich konnte er sich als Landarbeiter im Süden verdingen oder ganz einfach die Reise Richtung Norden fortsetzen, wo eine mit voller Wucht aufstrebende Salpeterindustrie Zustände wie zu Goldgräberzeiten in Kalifornien erwarten ließ.

Eine Schneiderei im Jahr 1899: Der Salpeterhandel florierte damals, Zulieferer für die Werke sowie Versorgungseinrichtungen für die Arbeiter profitierten davon.
Eine Schneiderei im Jahr 1899: Der Salpeterhandel florierte damals, Zulieferer für die Werke sowie Versorgungseinrichtungen für die Arbeiter profitierten davon.

Das muss dann auch sehr schnell vorangegangen sein, denn schon im Jahre 1860 treffen wir Georg Christian Hilliger im damals noch peruanischen Iquique als prosperierenden Salpeterhändler an. Rasch aufeinander folgten die gewinnträchtigen Ereignisse, sein Vermögen in britischen Banken wuchs, und kurz darauf heiratete Georg Christian Hilliger echt standesgemäß, nämlich die Millionärswitwe Rosa Vernal Corpio, die schon zuvor gleich zweimal ihr eigenes Familienkapital wesentlich erhöht hatte, einmal als Tochter eines wohlhabenden peruanischen Kaufmanns mit ensprechender Mitgift und dann später als Witwe des Salpeterbarons Narciso Ugarte.

Der war nach kurzer, zehnjähriger Ehe gestorben, nicht ohne – neben gutem Barvermögen – auch noch fünf Kinder zu hinterlassen, von denen einer, Juan Alfonso Ugarte Vernal, seinen Namen in peruanische Annalen mit ehernen Lettern schrieb. Mit eigenem Geld rüstete er nämlich ein ganzes peruanisches Bataillon aus und führte es im Rang eines Oberst gegen die angreifenden chilenischen Soldaten auf dem Morro bei Arica. Hoch zu Ross hat er den Angriff allerdings nicht überlebt.

 

Salpeterhandel

Doch schon vor Besetzung durch die Chilenen blühte das Geschäft in Iquique. Hilliger besaß zwar in jener Zeit keine eigene Salpeter-Oficina, handelte jedoch mit großem Erfolg in beide Richtungen. Einerseits exportierte er das «weiße Gold», andererseits führte er Kohlen, Lebensmittel und Geräte für die Werke ein und betätigte sich in Organisationen der Gemeinschaft.

So verlangte er zum Beispiel den Bau einer Eisenbahn, um den Transport des «weißen Goldes» zu den Häfen zu verbessern, denn noch geschah das auf Ochsenkarren. Bald konnte er auf junge deutsche Mitarbeiter zählen: Hermann Conrad Johannes Fölsch aus Hamburg trat im Jahre 1870, Friedrich Martin aus Göttingen zwei Jahre später in die Firma Hilliger in Iquique ein. Schnell erwies es sich als notwendig eine Filiale in Pisagua zu eröffnen.

Kaum hatte die Herren Fölsch und Martin das Geschäft erlernt, machten sie sich selbstständig, pachteten ein Salpeterwerk, das infolge schlechter Verwaltung kurz vor der Pleite gestanden hatte, und brachten es in kurzer Zeit in die Gewinnzone. Aus Hamburg stieß bald darauf der Schulfreund von Hermann Fölsch – und späterer Schwager – Henry Sloman zu der erfolgreichen Mannschaft. Ihm und seinen Freunden gelang es, einen für damalige Verhältnisse sagenhaften Reichtum anzuhäufen. Das Chile-Haus und der Fölsch-Block in Hamburg zeugen noch heute vom Wohlstand ihrer Gründer.

 

Ehrungen

Aber widmen wir uns Georg Christian Hilliger. Hat man Erfolg, bleiben bekannterweise Ehrungen nicht aus. So ernannte ihn erst der Norddeutsche Bund und später (1869) das Königreich Preußen zum Honorarkonsul. Am 8. Januar 1872 folgte die Ernennung zum Konsul des Deutschen Reiches durch Kaiser Wilhelm I. Aus der Ehe mit Rosa Vernal Corpio (damals schrieb man Rosa Vernal i Corpio) ging eine Tochter namens Luisa hervor, die später einen Herrn Franz Fromm ehelichte und von beiden Elternteilen reich ausgestattet werden konnte.

Die Besetzung Iquiques durch chilenische Truppen im Jahr 1881 änderte nichts im Leben des Konsuls Hilliger. Da zuvor die peruanischen Behörden den privaten Salpeter-Werken arg zugesetzt hatten und diese unter ihre Kontrolle bringen wollten – die Finanzmisere des peruanischen Staates hatte zu Verstaatlichungen geführt – begrüßten die privaten Unternehmer natürlich das Eingreifen der chilenischen Armee, die eine normale Weiterentwicklung der Industrie versicherte. Georg Christian Hilliger und die Familie seiner Frau war es gestattet weiter ihre Bankkonten in England zu füllen.

 

Riesiges Vermögen

Es kam das Jahr 1887 und mit ihm verliert sich die Spur des Georg Christian Hilliger. Inzwischen war die Familie nach Valparaíso verzogen, dort erteilte der Unternehmer seiner Frau eine Generalvollmacht. Es ist zu bedenken, dass damals in Chile, wie auch in anderen lateinamerikanischen Ländern, Frauen legal nicht geschäftsfähig waren und ihre Vermögen bei Heirat an den Mann fielen. Das wurde umgangen durch eine sogenannte Licencia Marital, die es Frau Rosa ermöglichte, nicht nur über das gemeinsame Vermögen zu verfügen, sondern auch im Namen des Mannes zu handeln. Zeugen davon sind mehrere Prozesse, die sie in ihrem und im Auftrag des Georg Christian Hilliger noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts um Salpeter-Schürfrechte in Taltal führte.

Rosa Vernal Corpio hinterließ ein in Iquique verfasstes und 1903 in Barcelona, Spanien, hinterlegtes Testament, welches auf nahezu 60 Seiten die Verteilung ihres recht umfangreichen Vermögens und das ihres Mannes Georg Christian Hilliger auf zahlreiche Erben verteilt. Auch in Deutschland ansässige Angehörige der Hilliger-Familie wurden ausgiebig bedacht. Sie starb ein halbes Jahr später im Alter von 79 Jahren in Frankreich.

 

Spurlos verschwunden

Mit der notariellen Unterzeichnung der Licencia Marital in Valparaíso verschwindet  der Name Georg Christian Hilliger aus den Archiven, wenn auch nicht aus dem Testament seiner Frau Rosa. Denn noch im Juni 1903 spricht sie darin von ihrem lieben Mann, der dem Vernehmen nach noch unter den Lebenden gewesen sein müsste, er wäre ja gerade zum Zeitpunkt der Unterschrift erst 57 Jahre alt gewesen. Jedenfalls taucht der Name Hilliger des Öfteren in Chile auf.

Allerdings hatten in den verflossenen Jahren auch Schwestern des Georg Christian den Weg nach Chile gefunden. Eine Dame aus der Hilliger-Sippe Lauenburg heiratete sogar um das Jahr 1900 einen Sohn von Henry Sloman – so blieben die Salpeter-Millionen in der Familie. Nachkommen der Familie Sloman-Hilliger besuchten Chile im Jahre 1951.

Von Georg Christian konnte allerdings keine Spur mehr gefunden werden, obwohl der Name noch recht häufig in Chile vorkommt. Personen mit dem Namen Hilliger konnten keine Auskunft über ihren reichen Vorfahren erteilen, aber vielleicht findet sich noch ein Träger des Namens, der weiterhelfen kann. Zwar war eine Scheidung gegen Ende des 19.Jahrhunderts in Chile rechtlich nicht möglich, das hätte eine neue Eheschließung nicht erlaubt. Aber Spanien – letzter Wohnsitz von Frau Rosa –lag doch weit entfernt.
 
Hier geht es zum ersten Teil der Fortsetzung

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Die Nonne, Mutter und Unternehmerin an der Seite Martin Luthers http://www.condor.cl/geschichte/katharina-von-bora/ http://www.condor.cl/geschichte/katharina-von-bora/#respond Sat, 26 Aug 2017 10:20:21 +0000 http://www.condor.cl/?p=20996 Katharina «Luther», wie eine Dokumentation der ARD (2017) lautet, wurde lange Zeit als eine befreite Nonne und als Vorbild einer protestantischen Frau beziehungsweise Pfarrfrau betrachtet. Theologin war sie nicht, dafür aber fromm und bibelfest. Sie war die Chefin im Haushalt der Familie Luther.

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Katharina von Bora (1499-1552)

In dem Film «Luther» von 2003 stellt die britische Schauspielerin Claire Cox Katharina von Bora dar, Joseph Fiennes spielt Martin Luther.
In dem Film «Luther» von 2003 stellt die britische Schauspielerin Claire Cox Katharina von Bora dar, Joseph Fiennes spielt Martin Luther.

 

Katharina «Luther», wie eine Dokumentation der ARD (2017) lautet, wurde lange Zeit als eine befreite Nonne und als Vorbild einer protestantischen Frau beziehungsweise Pfarrfrau betrachtet. Theologin war sie nicht, dafür aber fromm und Bibelfest. Sie war die Chefin im Haushalt der Familie Luther.

 

Von Peter Downes

Katharina wird meist nur als Anhang von Martin Luther betrachtet. Da sie, wie viele andere Pfarrfrauen und Frauen von Reformatoren, kaum eigene Quellen (Briefe und Werke) hinterließ, so kann fast nichts über ihr Selbstverständnis ausgesagt werden. Katharinas zahlreichen Briefe an Martin Luther sind leider nicht erhalten, es gibt jedoch acht geschäftliche Briefe und einen Brief aus dem Jahr 1546, das sie an ihre Schwägerin schrieb, den Tod ihres Mannes bedauernd.

Wir wissen aber etwas über sie durch die zahlreichen Äußerungen Martins an sie und über sie in seinen Briefen, Tischreden und Predigten. Im «Schwarzen Kloster» (dem ehemaligen Wittenberger Augustinerkloster) betreute sie einen umfangreichen Personenkreis, so dass sich das Haus des Reformators zu einer Art Familienkloster wandelte.   

 

Adlige Herkunft

Geboren wurde Katharina am 29. Januar 1499 in einer verarmten Meißener Adelsfamilie auf dem Gut Lippendorf südlich von Leipzig. Sie hatte mindestens eine Schwester (Maria) und drei Brüder (Hans, Wolf und Clemens). Ihre Mutter Katharina starb 1505, im selben Jahr, in dem Martin sich zum Klostereintritt entschied.

Katherina wurde mit fünf Jahren in ein Augustinerchorfrauenstift nach Brehna bei Bitterfeld gegeben, ihr Vater Hans von Bora ging dann eine zweite Ehe ein. Mit neun oder zehn Jahren (1508 oder 1509) wurde Katharina dann Anwärterin für den geistlichen Stand im Zisterzienserinnenkloster Marienthron in Nimbschen bei Grimma, in Sachsen.

Sächsische Adlige, Ordensschwester und Ehefrau Martin Luthers: Katharina von Bora nach einem Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren, 1526.
Sächsische Adlige, Ordensschwester und Ehefrau Martin Luthers: Katharina von Bora nach einem Gemälde von Lucas Cranach dem Älteren, 1526.

Ihre adlige Herkunft kam ihr später als Ehefrau Luthers zugute, da sie mit kurfürstlichen Beamten korrespondieren konnte und durch den Erwerb von Gärten, Weinbergen, einer Fischerei und staatlichen Grundbesitz den Lebensunterhalt der Familie sichern konnte. Luther war selbst nicht besonders geschäftstüchtig und verzichtete oft auf die Honorare für seine Publikationen.

Die kontemplative Klostergemeinschaft zählte 40 bis 50 Schwestern, und Katharina führte ein streng geregeltes von der Außenwelt abgeschottetes Leben darin. 1514 begann sie dann ihr Noviziat, das Probejahr, und legte im folgenden Jahr ihr Gelübde ab. Sie lernte lesen und schreiben, singen und stricken, dann auch etwas Latein.

 

Flucht aus dem Kloster

Wie es scheint, wurden Lutherschriften ins Kloster geschmuggelt, die sie und andere Nonnen heimlich lasen. Durch die reformatorischen Ideen inspiriert, flüchtete 1523, in der Osternacht, Katharina mit elf anderen Nonnen aus dem Kloster. Drei von den Nonnen kehrten zu ihren Familienangehörigen zurück, die anderen neun Nonnen gelangten am 9. April 1523 nach Wittenberg – in einem Planwagen mit Heringsfässern durch den Torgauer Ratsherren Leonard Koppe. Es war ein gefährliches Unternehmen, dann auf Klosterflucht und Fluchthilfe stand nach einem Reichstagsbeschluss von 1523 die Todesstrafe.

Martin Luther erwähnt seine «Käthe» erstmals in seiner Schrift «Ursach und Antwort, dass Jungfrauen Klöster göttlich verlassen mögen», in der er die Flucht aus dem Kloster rechtfertigt. Die geflohenen Nonnen werden darin als Vorbild gepriesen, da sie aus dem neuen Verständnis des Evangeliums die Erkenntnis gewonnen hätten, das ihr Klosterleben fraglich war, da es ihnen kein Heil garantierte. Katharina und die übrigen Nonnen erscheinen als Schülerinnen Luthers, die eigenständig die Konsequenzen aus seiner Lehre gezogen hatten.

Da die Nonnen lediglich in ihren Ordenskleidern nach Wittenberg gelangten, veranlasste Luther eine Spendensammlung für sie, um sie wieder weltlich einzukleiden. In seiner Schrift «Vom ehelichen Leben» (1523) richtet er sich gegen die Mönchsgelübde und den Zölibat, daher war es nun konsequent von ihn, sich für die Nonnen, die seinem Rat folgten, verantwortlich zu zeigen. Für diejenigen, die nun nicht mehr in ihre Herkunftsfamilien zurückkehren konnten, musste Luther also deren Versorgung sichern, das bedeutete, er musste versuchen sie zu verheiraten.

 

Schwer vermittelbar

Etwa zwei Jahre lebte Katharina von Bora wohl im Hause von Lucas Cranach d. Ä. Es bestand auch ein Kontakt zur Universität, denn die Studenten nannten sie Katharina von Alexandria, nach der Schutzpatronin der Philosophen-Fakultät.

Eine Heirat mit dem Nürnberger Patriziersohn Hieronymus Baumgartner, der in Wittenberg studierte, wurde angestrebt, zerschlug sich dann aber, da die Familie diese Verbindung nicht gut hieß, vermutlich, weil Katharina als verarmte Adlige nicht dem Ansehen der Familie förderlich sein würde. Luther vermittelte dann ein Heiratsangebot mit dem Pfarrer Kaspar Glatz, was aber Katharina ablehnte, wohl aus dem Grund, dass er ein stadtbekannter Geizkragen war.

Sie hatte sich hilfesuchend an den Pfarrer Nikolaus von Amsdorff gewandt und seine Unterstützung gefunden. Dabei soll sie geäußerte haben, dass sie lieber ihn oder auch Luther heiraten wolle. Katharina wurde für Luther ein «schwervermittelbarer» Fall, da sie sich offensichtlich eigene Vorstellungen über einen ihr angemessenen Heiratskandidaten machte.

Als schließlich Luther selbst die Eheschließung mit ihr am 13. Juni 1525 vornahm, war es eher eine Notlösung von beiden Seiten. Martin selbst wurde öfters gefragt, ob er nicht als gutes Vorbild eine Priesterehe eingehen sollte und Katharina war nun einmal die Ex-Nonne, die übriggeblieben war. Luthers Freund und Kollege, Philipp Melanchthon (eigentlich Schwartzerdt), sah Luther als ein Opfer der weiblichen Verführungskünste. Martin selbst aber sah seine Vermählung als Ausdruck des freien Christenlebens, als ein Akt des evangelischen Glaubens.

Seine Worte spiegeln eher sein theologisch-politisches Signal, das er mit dieser Ehe setzen wollte: «Ich habe das Evangelium nicht nur mit dem Wort bezeugt, sondern auch mit der Tat, indem ich die Nonne geheiratet habe zur Schmach für die Feinde, die triumphieren und ein Siegesgeschrei erheben. Es soll nicht so aussehen, als würde ich aufgeben.» Die eigentliche Hochzeitsfeier fand dann erst am 27. Juni 1525 statt.

 

Leben im «Schwarzen Kloster»

Das Ehepaar wohnte nun im ehemaligen Augustinerkloster, «Schwarzes Kloster» genannt (das heutige Lutherhaus) in Wittenberg. Für Luther hätte sich nun das Leben grundlegend gewandelt, indem er nun morgens neben «zwei Zöpfen» aufwache und nicht mehr allein bei Tisch sitze.

Vom Kurfürsten Johann dem Weisen erhielt Luther 100 Gulden als Hochzeitsgeschenk, ansonsten war die finanzielle Lage des Ehepaars zunächst unsicher. Erst ab September 1525 bezog Luther ein Gehalt als Universitätsprofessor. Da er zuvor Ordensangehöriger war, war er nicht abhängig von einem Gehalt. Zum Gehalt bekam er auch Naturalien: Brenn- und Bauholz, Brot- und Braugetreide. Aus dem städtischen Weinkeller bezog er außerdem Wein.

Das Lutherhaus in Wittenberg: Nach dem Durchbruch der Reformation erhielt Martin Luther vom Kurfürsten das Gebäude, das auch als «Schwarzes Kloster» bezeichnet wird, und lebte hier mit seiner Familie bis zu seinem Tod.
Das Lutherhaus in Wittenberg: Nach dem Durchbruch der Reformation erhielt Martin Luther vom Kurfürsten das Gebäude, das auch als «Schwarzes Kloster» bezeichnet wird, und lebte hier mit seiner Familie bis zu seinem Tod.

Der Kurfürst gewährte Luther und seiner Braut stillschweigend das Wohnrecht im verlassenen Augustinerkloster. Diese Herberge füllte sich dann mit der Zeit mit immer mehr Personen, die von Katherina Luther beköstig wurden. Etwa 30 bis 50 Personen bewohnten das ehemalige Kloster: die eigenen Kinder, Verwandte aber auch Studenten und Freunde Luthers, wie auch stellenlose Prediger, geflohene Nonnen, wandernde Magister und dann täglich noch Besuche von Amtsgenossen Luthers und Mitbürgern der Stadt.

 

Geschäftsführerin der Herberge

Unter den Stammgästen zählte der Buchdrucker Hans Lufft, der Malermeister Lukas Cranach, der landesherrliche Beamte Georg Spalatin und Personen, die mit Luther eng zusammenarbeiteten. Katharina wurde somit zur «Geschäftsführerin» (so Martin Treu in «Die Frau an Luthers Seite») der «Klosterherberge».

Katharina wurde zur Internatsmanagerin, denn sie musste das ehemalige Kloster in ein Wohnhaus umgestalten. Sie veranlasste Martin Umbauarbeiten vorzunehmen, organisierte die zahlreichen Feste im Haus, etwa die Kindstaufen und Doktorschmäuse. So wurde die Doktorfeier für Hieronymus Weller, die man im September 1534 feierte, mit 100 Gästen, die an sieben oder acht Tischen tafelten, begangen. Das Mahl umfasste mehrere Gänge.

Das Haus der Luthers beherbergte auch ein Brauhaus, was Katherina unterstand. Als der Kurfürst 1532 Martin Luther das ehemalige Kloster schenkte, vergab er damit sogleich das Recht zu «brauen, mälzen, schenken, Viehe halten und andere bürgerliche Hantierung gleich anderen unseren Bürgern und Einwohnern zu Wittenberg». 4.500 Liter Bier durften jährlich gebraut werden. Das schwach alkoholische Bier diente aber vor allem als Wasserersatz, denn das Brunnenwasser war oft verunreinigt. 

Das Einkommen Luthers als Professor reichte nicht aus, um die Haushaltung zu bewältigen. Von den 500 Gulden seines Lohns fielen 300 Gulden Ausgaben für Fleisch an, 200 Gulden fürs Bier (bevor die eigene Bierbrauerei begann) und 50 Gulden für Brot.

 

«Sanft lebendes Fleisch zu Wittenberg»

Neben der Brauerei ließ Katharina bald auch ein Badehaus errichten. Dazu kam dann die Bewirtschaftung von Gärten und Stallungen, die von Knechten und Mägden unter Leitung von Katherina bewirtschaftet wurden. Wir finden unter dem Personal auch eine Köchin, einen Kutscher und Schweinehirten.

1542 musste Luther zehn Schweine, drei Ferkel, fünf Kühe, eine Ziege, zwei Zicklein, mehrere Pferde und Federvieh versteuern. Aus den Ausgabenlisten sehen wir, dass es sich beim Schwarzen Kloster nicht um ein armes Haus handelte: Geld wurde für Geschirr ausgegeben, für Wein, Bier, Getreide, Mehl, Erbsen, Grütze, Graupen, Reis, Hirse, Zucker, verschiedene Gewürze (darunter Safran), mehrere Sorten Kümmel, Obst, Kraut, Rüben, Möhren, Zwiebeln, Mohn, Petersilie; Gänse, Hühner, Enten, Tauben und andere verschieden Vögel, Eier, Butter, Salz, mehrere Sorten Fisch (frisch gefangen oder getrocknet), Brot, Semmeln, Honig, Nüsse.

Schweinefleisch und Ochsenfleisch kamen aus dem eigenem Haus dazu. Dass man gut im Hause Luther speiste, kann man auch an den zeitgemäßen Porträts des Reformators erkennen. Man versteht dann auch die zahlreichen Anspielungen Thomas Müntzers in seiner Schmähschrift, die er während des Bauernkrieges gegen Luther richtete: «Hochverursachte Schutzrede und Antwort wider das geistlose, sanftlebende Fleisch zu Wittenberg, welches mit verkehrter Weise durch den durch den Diebstahl der Heiligen Schrift die erbärmliche Christenheit also ganz jämmerlich besudelt hat» (1524).

 

Eine emanzipierte Unternehmerin

Es war Luther nicht möglich die Ausgaben allein aufzubringen, daher mussten die Studenten, die im Kloster beherbergt und beköstigt wurden, dafür zahlen. Es war Katharina, die mit ihrem Internatsbetrieb, den Erwerb von Grundstücken (die wurden entweder bewirtschaftet oder auch verpachtet) und die Eigenproduktion (etwa die Bierbrauerei und Bewirtschaftung des großen Klostergartens; später dann auch Fischteiche in einem Grundstück vor dem Elstertor) die Einnahmen sicherstellte.

Katharina wurde somit eine Unternehmerin und hatte im wirtschaftlichen Bereich großen Einfluss auf den Reformator. Luther ließ ihr hier einen großen Freiraum und gewährte ihr meist alle ökonomischen Bitten und Entscheidungen. In seinem Testament kommt diese Anerkennung der wirtschaftlichen Kompetenz seiner Frau zum Ausdruck, obwohl es nicht den gesellschaftlichen und rechtlichen Bräuchen des 16. Jahrhunderts entsprach.

Sechs Kinder gingen aus der Ehe hervor: Johannes (2.6.1526-1575), Elisabeth (10.12.1527-1528), Magdalena (4.5.1529-1542), Martin junior (9.11.1531-1565), Paul (29.1.1533-1593) und Magarethe (17.12.1534-1570). 1540 erlitt Katharina eine Fehlgeburt, die Luther zur Trostschrift für «Frauen, denen es ungerade geraten beim Kindegebären» veranlasste.

Katharina von Bora wurde aber auch von Gegnern Luthers erwähnt, um letztendlich den Reformator zu kritisieren. So bezeichnete der Leipziger Joachim von der Heiden in einer 1528 erschienen Schmähschrift Katharina als «angebliche Ehefrau Luthers», als «eidbrüchige Dirne» und als ein «Tanzmädchen». Von Katharina kennen wir keine Rückmeldungen auf solche Schmähungen.

 

«Morgenstern zu Wittenberg»

Ab 1529 füllte sich das Haus der Luther mit zahlreichen Nichten und Neffen (elf an der Zahl), die wohl allesamt die Kinder von Luthers verstorbener Schwester waren.

Luther entwickelte mit der Zeit ein inniges Verhältnis zu seiner Frau. Davon zeugen die 21 an sie erhaltenen Briefe. Er spricht sie darin als sein «Morgenstern von Wittenberg», als «Herr Käthe», als «allerheiligste Frau Doktorin», als «Saumärkterin zu Wittenberg» und als «Bierbrauerin» an. Wieviel sie ihm bedeutete, wird auch im folgenden Kommentar deutlich: «Ich habe meine Käthe lieb, ja ich habe sie lieber, denn mich selber, das ist gewisslich wahr; das ist, ich wollte lieber sterben, dem dass sie und die Kinderlein wollten sterben.»

Sein Ehe- und Familienleben findet aber auch in den Predigten seinen Ausdruck. Luthers existenzielle Erfahrungen als Ehemann und Vater werden auch in seiner Theologie und Predigt thematisiert. So sagt er einmal über den Galaterbrief: «Der Brief an die Galater ist mein Epistelchen, dem ich mich angetraut habe. Er ist meine Kethchen von Bora». In den überlieferten Tischreden tritt sie als Fragestellerin mehrfach in Erscheinung.

Im Testament von 1542 wird sie als Alleinerbin und Vormund seiner Söhne eingesetzt, eine besondere Auszeichnung, denn eine solche starke Position einer Witwe und Mutter war im damaligen Erbrecht nicht vorgesehen. Dass dieser Wille auch tatsächlich umgesetzt wurde, dafür sorgte Luther, indem er sein Testament im Gerichtsbuch der Stadt Wittenberg eintragen und durch den Kurfürsten bestätigen ließ.

 

Trauer und Testament

Der Tod Luthers am 18. Februar 1546 veränderte gravierend die Verhältnisse. Im einzigen persönlichem Selbstzeugnis Katharina Luthers, einen Brief an ihre Schwägerin vom 26. April 1546, können wir lesen: «Ich kann weder essen noch trinken. Auch dazu nicht schlafen. Und wenn ich ein Fürstentum oder Kaisertum gehabt hätte, hätte es mir darum nicht so leid getan, falls ich es verloren hätte, als dass nun unser lieber Herr Gott mir, sondern der ganzen Welt diesen lieben und teuren Mann genommen hat. Wenn ich daran denke, so kann ich vor Leid und Weinen (was Gott wohl weiß) weder reden noch schreiben lassen.»

Obwohl der Kurfürst das Testament Luthers bestätigte, wurden Katharina und ihre vier unmündigen Kinder unter Vormünder gestellt. Sie konnte dann aber das Gut Wachsdorf (60 Hektar groß) am linken Elbufer zwischen Wittenberg und Pratau erwerben. Der Kurfürst stellte für die Kinder noch 2.000 Gulden zur Verfügung.

Die Luthers lebten weiterhin im Schwarzen Kloster, wo Katharina den Internatsbetrieb fortführte. Melanchthon kümmerte sich fortan um die finanziellen Belange der Familie und ermöglichte Luthers Sohn Hans ein Jurastudium in Wittenberg. Die jüngeren Söhne Luthers, Paul (13 Jahre) und Martin (14 Jahre) wurden von einem Hauslehrer unterrichtet, die Tochter Margarethe (11 Jahre) unterstützte ihre Mutter im Haushalt. Paul wurde Leibarzt des Kurfürsten August von Sachen, Martin verfiel dem Alkohol und starb im Alter von 34 Jahren, was Katharina aber nicht mehr erlebte. Magarethe heiratete 1555 den ostpreußischen Adligen Georg von Kunheim (1532-1611) und starb 1570 im Kindbett.

Im Oktober 1546 begann der Schmalkaldische Krieg, der den Katholiken den Sieg einbrachte. Katherina suchte Zuflucht in Magdeburg, das Mitglied im Schmalkaldischem Bund war. Die Situation war bedrohlich. Sie musste um ihr Leben und das ihrer Kinder fürchten. Sie bat Melanchthon ihr die Flucht ins evangelische Dänemark, zu König Christian III. zu verhelfen. Aber die Reise endete bereits bei Giffhorn, da die Truppen in der Lüneburger Heide ein weiteres Fortkommen verhinderten.

Ab Juli 1547 befand sich die Familie Luther wieder in Wittenberg. Ihre letzten Jahre aber verbrachte Katharina in Torgau, da sie Wittenberg im September 1552 wegen der Pest verließ. Ein Unfall auf dem Weg – Katharina fiel vom Wagen, als die Pferde scheuten und landete in einem Wassergraben – sollte dann ihren Tod am 20. Dezember 1552 bewirken.  

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Arbeitsame Einwanderer im Adoptiv-Vaterland Chile http://www.condor.cl/geschichte/einwanderer-carl-anwandter-chile/ http://www.condor.cl/geschichte/einwanderer-carl-anwandter-chile/#comments Fri, 25 Aug 2017 13:30:16 +0000 http://www.condor.cl/?p=20976 Der deutsche Auswanderer Carl Anwandter ist mit seiner Familie nach einer langen Schiffsfahrt endlich in Chile angekommen. Nach sieben Monaten in Valdivia zieht er im Juni 1851 in seinem Tagebuch erstmals Bilanz. Mit der Gründung deutscher Siedlungen setzt der wirtschaftliche Aufstieg im Süden des Landes ein.

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Carl Anwandters Tagebuchaufzeichnungen
(Teil 2)

Carl Anwandter im Kreise seiner Familie samt Schwiegersohn und -tochter im Jahr 1850
Carl Anwandter im Kreise seiner Familie samt Schwiegersohn und -tochter im Jahr 1850

 

Der deutsche Auswanderer Carl Anwandter ist mit seiner Familie nach einer langen Schiffsfahrt endlich in Chile angekommen (siehe 1. Teil dieser Serie). Nach sieben Monaten in Valdivia zieht er im Juni 1851 in seinem Tagebuch erstmals Bilanz. Mit der Gründung deutscher Siedlungen setzt der wirtschaftliche Aufstieg im Süden des Landes ein.

 

Von Arne Dettmann

Doch die neue, verheißungsvolle Zukunft beginnt zunächst mit einer herben Enttäuschung. Der aus Valparaíso stammende Geschäftsmann Franz Kindermann hatte Grundstücke für die Neuankömmlinge gekauft, die sich jedoch weder für eine Ansiedlung noch zum Betreiben von Landwirtschaft als geeignet entpuppen.

In der Not eilt der chilenische Kolonisationsbeauftragte Vicente Pérez Rosales zur Hilfe und überlässt den insgesamt 47 Familien Parzellen auf der Isla Teja. Dort machen sich die Deutschen sogleich daran, den Urwald zu roden, Häuser zu bauen und die mitgebrachten Weizen- und Gerstensamen einzusäen.

Carl Anwandter ist zwar angesichts der üppigen Natur in Südchile voll guter Hoffnung – «Die Blütenpracht hört nie auf, auch im Winter nicht» –, doch räumt er in seinem Tagebuch ein, dass die ersten Jahre zur Einrichtung eines funktionierenden Ackerbaus sehr schwierig werden dürften. Besser dagegen hätten es Handwerker: «Böttcher, Zimmerleute, Drechsler, Stellmacher, Riemer, Sattler, Schuhmacher, Scheider, Schlosser, Schmiede finden lohnende Beschäftigung, wenn sie nur einigermaßen geübt sind.»

Einzig von einem entfernten See dringen Nachrichten von reizvollen, ebenen und sehr fruchtbaren Gegenden, die sich besser für Landwirtschaft eignen. Die chilenische Regierung verfolge den Plan, dort am Ufer auf der Seite nach Osorno und zum Meer hin Städte von Deutschen anzulegen und Grundstücke an Auswanderer zu verteilen – gemeint ist die deutsche Besiedlung der Llanquihue-Zone.

Exportschlager deutsches Bier aus dem chilenischen Valdivia: Gärfässer in der Anwandter-Brauerei im Jahr 1898.
Exportschlager deutsches Bier aus dem chilenischen Valdivia: Gärfässer in der Anwandter-Brauerei im Jahr 1898.

Anwandter selbst wählt einen anderen Weg. Am Calle-Calle-Fluss bei Valdivia kauft er zusammen mit vier Männern aus Württemberg, die ebenfalls auf dem Schiff «Hermann» mit ihm in Chile angekommen sind, ein größeres Stück Land. Die Verwaltung überlässt er seinem Schwiegersohn Theodor Körner.

Zudem eröffnet er in Valdivia zwischen der Plaza und dem Fluss die erste Apotheke der Stadt. Der Kolonist ist das, was man heute als «selfe-made man» bezeichnet: Das Haus baut er selbst, auch die Kunden werden von ihm persönlich bedient. Das Bier aus seiner 1851 gegründeten Brauerei liefert er selbstständig an die anderen deutschen Kolonisten aus.

 

Wirtschaftlicher Aufschwung

Was nun in den nächsten Jahren folgt, ist ein enormer wirtschaftlicher Aufschwung, der auch bei anderen deutschen Kolonisten nach dem gleichen Prinzip abläuft: Die zunächst noch kleinen Familienbetriebe importieren moderne Geräte und Maschinen aus Deutschland, erhöhen die Produktion und weiten mit Verkaufsstellen in Concepción, Valparaíso und Santiago ihren Absatz aus.

Zwischen 1871 und 1914 steigert die Anwandter-Brauerei ihr Produktionsvolumen von 7 auf 25 Millionen Liter pro Jahr. Die Arbeiterzahl im Betrieb erhöht sich auf 900. Das Bier wird nicht nur in Nordchile und Peru getrunken, sondern auch in die USA und nach Deutschland exportiert. Das kleine Valdivia, das im Jahr 1850 gerade einmal 2.000 Einwohner zählte, mausert sich zu einem bedeutenden Industrie- und Handelszentrum.

Der Hafen von Valdivia im Jahr 1892, im Hintergrund die Anwandter-Brauerei
Der Hafen von Valdivia im Jahr 1892, im Hintergrund die Anwandter-Brauerei

Einer der erfolgreichsten Geschäftsleute jener Zeit ist Carl Anwandter. Laut der Zeitung «El Mercurio» von 1882 zählt die Familie zu den 59 reichsten des Landes. Andere deutsche Kolonisten folgen seinem Beispiel und schaffen große Schuhfabriken, Werften und Destillerien.

Die engen Freundschaften, die man auf der langen Schifffahrt geschlossen hat, werden jedoch nicht aufgegeben, sondern zur Förderung des Zusammenhalts der «colonia alemana» noch verstärkt. Carl Anwandter sticht dabei besonders hervor: Er ruft 1853 den Deutschen Verein Valdivia ins Leben und beteiligt sich maßgeblich bei der Gründung einer Deutschen Feuerwehr, der Deutschen Schule Valdivia sowie eines Gesangs- und Hilfsvereins.

 

Das Adoptiv-Vaterland

Der Grund für den wirtschaftlichen Erfolg der deutschen Kolonisten dürfte teilweise im starken Bildungsgefälle zu den Einheimischen liegen: Schätzungsweise 70 Prozent der damaligen chilenischen Bevölkerung konnte nicht lesen. Außerdem mangelte es offenbar an einer geschäftstüchtigen Mentalität. Carl Anwandter jedenfalls hält fest: «Der gewöhnliche Chilene kann in dem, was er versteht, ganz tüchtig arbeiten; hat er aber damit etwas verdient, so verzehrt er es gern schnell und in Ruhe und arbeitet nicht gern früher, bis das Bedürfnis ihn wieder treibt. Die wohlhabenden Chilenen arbeiten dagegen wenig oder gar nicht, lassen lieber andere für sich arbeiten und verdienen lieber durch Handel. Alle, Hoch wie Niedrig, lieben den Luxus und geben für Gegenstände desselben leicht das Geld aus.»

Carl Anwandter musste in seiner neuen Heimat einige schwere Schicksalsschläge verkraften. Zwei Jahre nach der Ankunft verstarb seine Frau, mit der er 28 Jahre verheiratet gewesen war. Wenige Wochen später folgte die Tochter Thusnelda. Im Jahr 1858 starb sein Sohn Wilhelm im Alter von 24 Jahren an Typhus. Carl Awandter heiratete ein zweites Mal, die Ehe blieb allerdings kinderlos. Er selbst schied am 10. Kuli 1889 im Alter von 88 Jahren aus dem Leben.

Flaschenetikette der Anwandter-Braueri zwischen 1858 und 1895
Flaschenetikette der Anwandter-Braueri zwischen 1858 und 1895

Seinen Gang nach Chile hat dieser große deutsche Auswanderer trotz der anfänglichen Schwierigkeiten wohl niemals bereut. In seinem Tagebucheintrag von 1851 ruft er seinen alten Freunden in Europa zu, «den freundlichen Himmel Chiles als Asyl» aufzusuchen und die «Misere der deutschen Zustände» hinter sich zu lassen. Und überliefert ist natürlich auch sein berühmtes Gelöbnis gegenüber der neuen Heimat bei gleichzeitiger Beibehaltung der deutschen Wurzeln:

«Wir werden ebenso ehrliche und arbeitsame Chilenen sein, wie nur der beste von ihnen es zu sein vermag. In die Reihen unserer neuen Landsleute eingetreten, werden wir unser Adoptiv-Vaterland gegen jeden fremden Angriff mit der Entschlossenheit und Tatkraft des Mannes zu verteidigen wissen, der sein Vaterland, seine Familie und seine Interessen verteidigt.»

«Carl Anwandter: Desde Hamburgo a Corral. Diario de Viaje a Bordo del Velero Hermann»

  • Ediciones Universidad Austral de Chile, Valdivia
  • 200 Seiten
  • Preis: 12.000 Pesos
  • ISBN 978-956-390-009-5
  • Im Internet: www.edicionesuach.cl

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Von Hamburg nach Corral http://www.condor.cl/geschichte/carl-anwandter-von-hamburg-nach-corral/ http://www.condor.cl/geschichte/carl-anwandter-von-hamburg-nach-corral/#respond Fri, 18 Aug 2017 20:08:20 +0000 http://www.condor.cl/?p=20942 Seekrankheit und schlechte Verpflegung an Bord: Die Tagebuchaufzeichnungen Carl Anwandters, der 1850 zu den ersten deutschen Einwanderern in Chile zählte, geben Einblick in eine Überfahrt, die nicht immer lustig war.

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Carl Anwandters Tagebuchaufzeichnungen
(Teil 1)

Carl Anwandter (1801-1889) war von Beruf Apotheker und Bürgermeister der Stadt Calau im heutigen Brandenburg sowie Mitglied der preußischen Nationalversammlung. Nach der gescheiterten Revolution 1848 sah er seine liberalen und republikanischen Prinzipien in seiner Heimat nicht mehr als umsetzbar an und wanderte 1850 nach Chile aus.
Carl Anwandter (1801-1889) war von Beruf Apotheker und Bürgermeister der Stadt Calau im heutigen Brandenburg sowie Mitglied der preußischen Nationalversammlung. Nach der gescheiterten Revolution 1848 sah er seine liberalen und republikanischen Prinzipien in seiner Heimat nicht mehr als umsetzbar an und wanderte 1850 nach Chile aus.

 

Seekrankheit und schlechte Verpflegung an Bord: Die Tagebuchaufzeichnungen Carl Anwandters, der 1850 zu den ersten deutschen Einwanderern in Chile zählte, geben Einblick in eine Überfahrt, die nicht immer lustig war.

 

Von Arne Dettmann

Das Segelschiff «Hermann» mit 85 Passagieren an Bord hat den Hamburger Hafen erst vor ein paar Tagen verlassen und ist die Elbe hinuntergefahren, als es auf der Nordsee bei der Insel Helgoland schon mächtig losgeht: «8. Juli, Montag. Alles seekrank mit Ausnahme von etwa 12 Passagieren. Diesen scheußlichen Krankheitszustand zu beschreiben wäre undankbare Mühe», schreibt Carl Anwandter in sein Tagebuch. «Ich habe nur zweimal Erbrechen gehabt, aber Sterben hätte mir Wohltat geschienen gegen dieses Gefühl des unleidlichen Zustands. Der Ekel, den man während der Krankheit vor jeder Speise empfindet, ist so ungeheuer, dass es mir schon Pein machte, wenn ich andere nur vom Essen reden hörte, und dass ich lieber über Bord gesprungen wäre, als Speisen angerührt hätte.»

 

Nasse Kleider

Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass die Seekrankheit den Auswanderern zu schaffen machte. Mehr als vier Monate lang nahm die Fahrt in Anspruch, die über den Atlantik und am Kap Horn vorbei schließlich am 12. November 1850 im chilenischen Hafen Corral bei Valdivia endete. Bis dahin hatte der preußische Apotheker zusammen mit seiner Frau und den sieben Kindern einige Strapazen zu erdulden.

Noch in Cuxhaven dringt Regenwasser in Strömen ins Zwischendeck und überschwemmt Kleider und Kisten. Bauliche Verbesserungen müssen vorgenommen und Luftröhren mit Verschluss installiert werden – sonst wären die Passagiere entweder ersoffen oder erstickt, was dem Reeder vielleicht nicht ganz unangenehm gewesen wäre, kritisiert Anwandter in seinem Tagebuch.

Mit dem Hamburger Seehandelshaus J. C. Godeffroy geht der Auswanderer denn auch hart ins Gericht. Glänzende Versprechungen hätte das Unternehmen hinsichtlich Ausrüstung und Proviant gemacht, doch vieles sei nicht in Erfüllung gegangen: Neben der fehlerhaften Einrichtung des Zwischendecks sei das Schiff nur ungenügend mit Ballast beladen worden, so dass nicht alle Segel eingesetzt werden konnten und sich die Fahrt verzögerte. Immer wieder wird die «Hermann» von anderen Seglern überholt. Während Anwandter und Co. 136 Tage benötigen, schaffen es die «Johannes», «Helene» und «Susanne» in 93 Tagen, die «St. Pauli» in 100 und das Schiff «Alfred» in 117 Tagen.

Modell des Seglers «Hermann», auf dem die Familie Anwandter nach Chile kam. Das Schiff fuhr im Dienste des Hamburger Seehandelshauses J. C. Godeffroy und Sohn.
Modell des Seglers «Hermann», auf dem die Familie Anwandter nach Chile kam. Das Schiff fuhr im Dienste des Hamburger Seehandelshauses J. C. Godeffroy und Sohn.

Und dann ist da noch die erbärmliche Verpflegung an Bord. «Noch nie sind wohl Nasen stärker gerümpft worden als in jenem verhängnisvollen Augenblick, als der Duft dieses Reises zuerst die Nerven bürstete. Und nun erst der Geschmack – der Geschmacksekel stritt mit dem Geruchsekel.» Von «zweifelhafter Beschaffenheit» sei die Butter, der Zucker wiederum feucht, voller Schmutz. «Bringt man diesen in Tee oder Kaffee, so muss Holz und Stroh erst herausgefischt werden und der feine Schmutz sich absetzen, ehe man trinken kann.»

Der Pudding sei ein «arger Hohn auf das Gericht, was man im gewöhnlichen Leben so nennt, denn er besteht nur aus Mehl mit Wasser, wenig Salz und noch weniger Butter oder anderem Fett angerührt, in Leinen-Beutel getan und in Seewasser gekocht, es gibt dies eine feste kloßartige Masse, die nur ein guter Magen verträgt.» Gegen Ende der Reise geht der Vorrat dann aufgrund von Fehlplanung der Reederei vorzeitig zur Neige, so dass an die Passagiere nur noch halbe Portionen ausgeteilt werden. – Und der heutige Leser fragt sich, ob das nun Pech oder vielleicht sogar ein Glücksfall war.

 

Schöner Abendhimmel

Trotz dieser Entbehrungen schildert Carl Anwandter auch immer wieder die schönen Augenblicke der langen Überfahrt, etwa wenn die Passagiere Delphine sichten, schönes Wetter eine sonnige Fahrt erlaubt und die Reisegesellschaft bei guter Stimmung musiziert und tanzt.

«Die Sonne ging hinter leichtem Gewölk unter, während ihr gegenüber bereits der Vollmond glänzte. Der ganze östliche Himmel war in das schönste rosarot gehüllt, während auf diesem Hintergrund kleine, niedlich gebildete, in Weiß und Grau und Grün gemalte Wolken schwammen, zwischen denen der Vollmond hindurchflutete. Dann ging dieses Rot beim tieferen Verschwinden der Sonne immer mehr in Grünblau über und endlich war nur noch die obere Hälfte des Westhimmels rot getränkt. Dieser Abendhimmel ist unendlich schön, ja das Schönste, was wir jetzt an Bord haben, wodurch selbst die Seekranken erheitert und auf dem Deck zurückgehalten werden.»

Eine Etikette der Brauerei Anwandter in Valdivia
Eine Etikette der Brauerei Anwandter in Valdivia

Schätzungsweise 6.000 Deutsche wanderten zwischen 1846 und 1875 nach Chile aus, sehr viele von ihnen vom Hamburger Hafen aus. Mit seinen gewonnenen Erfahrungen gab Carl Anwandter nachfolgenden Emigranten Ratschläge, was bei der Seereise zu beachten sei.

Ein wasserdichter Anzug, gekauft in einem Laden für Auswanderer in Hamburg, sowie ein paar tüchtige Wasserstiefel gewähren nicht nur auf dem Schiff große Vorteile, sondern seien auch in der Regenzeit Südchiles unabdingbar notwendig. Zudem nehme man alle Blech- und Eisengräte mit, die man in der Heimat besaß, außerdem möglichst alle Möbel und Haushaltsgeräte samt den Waschgefäßen, denn in Chile «wird alles das schmerzlich entbehrt, und während es man in der Heimat billig verkauft, ist es hier so teuer, dass es nicht zu bezahlen ist.»

Anwandter gibt sogar detaillierte Verpackungstipps: «Nicht lauter Kisten, sondern gute eichene Fässer mit eisernen Reifen (Wein- und Spiritusfässer sind gut)», in denen das Gepäck dann hineingestopft wird. Auch mit Handwerkszeug solle man sich gut versehen. Schiffstühle bringe man lieber selbst mit, «denn die in Hamburg sind teuer und schlecht». In der Hansestadt nehme man sich außerdem skrupellosen Geschäftemachern in Acht, die einem das Geld aus der Tasche ziehen. In Gasthöfen sollte man die Preise vorher für alles bestimmen. Weniger Angst müssten die Passagiere vor dem gefürchteten Kap Horn haben, denn die gefahrvollste Stelle der Reise würden eher die Nordsee und die Straße zwischen England und Frankreich bilden.

Am 12. November 1850 ist es dann soweit. «Die Cordillera de los Andes liegt vor uns!», ertönt früh morgens der Ruf auf dem Schiffsdeck. Am Mittag liegt die «Hermann» im Hafen von Corral. «Der Anblick befriedigte uns; eine kleine Insel und die nahen Höhen des Ufers waren dicht und schön bewaldet, farbige Büsche ließen Massen von blühenden Bäumen und Sträuchern, eine bisher nicht gesehene Üppigkeit der Pflanzenwelt erahnen – und so fanden wir es auch, als wir einige Stunden später den festen Boden betraten.»

Fortsetzung folgt: Teil 2

«Carl Anwandter: Desde Hamburgo a Corral.
Diario de Viaje a Bordo del Velero Hermann»

  • Ediciones Universidad Austral de Chile, Valdivia
  • 200 Seiten
  • Preis: 12.000 Pesos
  • ISBN 978-956-390-009-5
  • Im Internet: www.edicionesuach.cl
  • Die erste Auflage erschien 2001. Die nun zweite Auflage im März 2017 enthält das Tagebuch Anwandters mit spanischer Übersetzung sowie mehrere Essays zu deutschen Einwanderung in Chile.

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Carlos Werner – ein Pionier, der aus der Salpeterwüste kam http://www.condor.cl/geschichte/carlos-werner-ein-pionier-der-aus-der-salpeterwueste-kam/ http://www.condor.cl/geschichte/carlos-werner-ein-pionier-der-aus-der-salpeterwueste-kam/#respond Sat, 15 Jul 2017 12:37:54 +0000 http://www.condor.cl/?p=20782 Durch die Tageszeitungen in Chile ging die Meldung, das herrschaftliche Wohngebäude «Casa Italia» in Viña del Mar solle abgerissen und einem Hochaus weichen; Das Gebäude wurde dann aber praktisch über Nacht unter Denkmalschutz gestellt. Weiterhin wurde berichtet, die fürstliche Residenz sei einst von einem gewissen Herrn Carlos Werner erbaut und bis 1941 im Familienbesitz gewesen. Sofort drängt sich doch die Frage auf: Wer war Herr Carlos Werner, der eine so große, schöne Villa bauen konnte?

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In guten und in schlechten Zeiten fanden 600 Arbeiter in Tomé ihr Auskommen an den Webstühlen von Bellavista. Carlos Werner sorgte für sie, Streiks kannte man nicht.

 

Durch die Tageszeitungen in Chile ging die Meldung, das herrschaftliche Wohngebäude «Casa Italia» in Viña del Mar solle abgerissen und einem Hochaus weichen; Das Gebäude wurde dann aber praktisch über Nacht unter Denkmalschutz gestellt. Weiterhin wurde berichtet, die fürstliche Residenz sei einst von einem gewissen Herrn Carlos Werner erbaut und bis 1941 im Familienbesitz gewesen. Sofort drängt sich doch die Frage auf: Wer war Herr Carlos Werner, der eine so große, schöne Villa bauen konnte?

 

Carlos Werner, ein unermüdlicher Arbeiter, der Tomé zur Bekanntheit verhalf. Die Stoffe aus der Fábrica Bellavista waren in aller Welt bekannt.
Carlos Werner, ein unermüdlicher Arbeiter, der Tomé zur Bekanntheit verhalf. Die Stoffe aus der Fábrica Bellavista waren in aller Welt bekannt.

Von Dietrich Angerstein

Der Forscherinstinkt war geweckt und führte erst einmal nach Osorno. Carlos Werner wurde dort im Jahre 1859 als Sohn von Juan Werner und Dorotea Ritter geboren. Die Eltern kamen aus dem heute zu Polen gehörenden Westpreußen, sie gehörten der zweiten deutschen Einwandererwelle an, die nach den Unruhen Mitte des 19. Jahrhunderts ihr Glück und eine bessere Zukunft im fernen Chile suchten. Als Sohn Werner das sechste Lebensjahr erreicht hatte, steckte man ihn in die Deutsche Schule Valdivia, warum gerade dort und nicht in die Schule von Osorno kann heute nicht mehr nachgeprüft werden, vielleicht waren die Eltern ja inzwischen nach Valdivia verzogen.

Sohn Carlos muss ein unruhiges Wesen mitgebracht haben, jedenfalls verließ er Schule und Elternhaus im 15. Lebensjahr – man darf heute sagen, er «riss aus». Ihn zog es nach Iquique, dort wo das «weiße Gold» – Salpeter – gemacht wurde. Er fand eine Anstellung im Salpeterwerk der Firma Fölsch & Martin, eines der großen Unternehmen, die wie Gildemeister, Sloman, Hilliger, Werckhahn, Jorge Berger, Enrique Hintze und andere mehr für ein stattliches Auskommen ihrer Besitzer und führenden Mitarbeiter sorgten.

Moderne Textilmaschinen aus Deutschland lösten Handarbeit ab. Mit ihnen kamen deutsche Facharbeiter, die meisten aus Sachsen, der Heimat der deutschen Textilindustrie. Sie fanden unter den chilenischen Arbeitern willige Lehrlinge.
Moderne Textilmaschinen aus Deutschland lösten Handarbeit ab. Mit ihnen kamen deutsche Facharbeiter, die meisten aus Sachsen, der Heimat der deutschen Textilindustrie. Sie fanden unter den chilenischen Arbeitern willige Lehrlinge.

Kaum hatte Carlos das 21. Lebensjahr vollendet und war dadurch nach damaliger Rechtsprechung volljährig geworden, setzten ihn die Verwalter von Fölsch & Martin als Geschäftsführer in Tocopilla und später in Taltal ein. Österreich und das Deutsche Reich ernannten ihn zum Honorarkonsul. Das  Ende des 19. Jahrhunderts erlebte Carlos Werner dann in Valparaíso als Direktor des dortigen Büros seines Arbeitgebers. In jene Tage fällt auch seine Heirat mit Selma Christine Schönberg, einer jungen Dame aus Lebu. Drei Kinder sollten aus dieser Ehe hervorgehen: Edith, Harry und Kenneth.

 

Ein Tapetenwechsel: vom Salpeter zu feinen Anzugstoffen

Die Ehe mit Fräulein Schönberg brachte bald Änderungen ins Leben des 45-jährigen Carlos. Gemeinsam mit seinem Schwager Federico Wolf übernahm er die Weberei Textil Bellavista, die am Stadtrand von Tomé gelegen so gerade einmal vor sich hin dämmerte. Jetzt aber kam neues Leben in den Betrieb, neue Maschinen wurden in Deutschland bestellt, ein umfassendes Sozialprogramm für Arbeiter und Angestellte in die Wege geleitet. Textil Bellavista de Tomé entwickelte sich rasch zu einem Begriff, nicht nur in Chile, sondern weltweit, erhielt hohe Auszeichnungen auf internationalen Ausstellungen, so auch auf der Pan American Exposition Buffalo-New York.

Die Kirche Cristo Rey in Tomé, gestiftet von Carlos Werner im Gedenken an den tragischen Tod seiner Tochter Edith.
Die Kirche Cristo Rey in Tomé, gestiftet von Carlos Werner im Gedenken an den tragischen Tod seiner Tochter Edith.

Carlos Werner hatte im Salpetergeschäft die Notlage der Arbeiter in der Pampa kennengelernt, er führte Fortschrittlicheres im Sinn. Seine Arbeiter sollten besser leben, er baute ihnen Häuser und Wohnungen, investierte in Sozialleistungen, gründete eine Freiwillige Feuerwehrkompanie. Aber wie es seinerzeit so war, nicht alle erkannten die Notwendigkeit einer guten Beziehung zu den Werksangehörigen, verleumdeten ihn heimlich als versteckten Kommunisten und Sozialisten. Es waren eben andere Zeiten als heute, nicht alle Unternehmer sahen in ihren Arbeitern mehr als billige Helfer im Geschäft.

Sein Tatendrang kannte keinen Grenzen. Immer weiter dehnte sich die Fabrik in Tomé aus, sogar eine eigene Bahnstation «Carlos Werner» entstand, sie existiert heute noch, auch wenn dort keine Züge mehr halten. Und so ganz nebenbei erstand Carlos Werner auch noch ein Landgut bei La Unión.

Das harte Arbeitsleben in der Salpeterwüste, die Anstrengungen der Firmenerweiterungen hinterließen ihre Spuren in der Gesundheit des übereifrigen Mannes. Ärzte rieten ihm zu einem Klimawechsel, so dass er im Jahre 1914 begann eine stattliche Villa im großen Stil in Viña del Mar zu bauen. Sie sollte erst um 1918 fertig werden, oft konnte der Bauherr leider nicht von ihr Gebrauch machen, rief die Pflicht ihn doch immer wieder nach Tomé.

So wurde Wolle gewaschen, bevor Carlos Werner das Heft übernahm. Die schwere Handarbeit sollte bald ein Ende haben.
So wurde Wolle gewaschen, bevor Carlos Werner das Heft übernahm. Die schwere Handarbeit sollte bald ein Ende haben.

Inzwischen war sogar auch die Politik auf den erfolgreichen Unternehmer aufmerksam geworden. Ohne jemals politisch aktiv gewesen zu sein, trug ihm die Liberale Partei jener Tage ein Senatsmandat an, das er jedoch nur knappe drei Jahre ausüben konnte. Irgendwelche gesetzlichen Vorlagen von ihm aus dieser Zeit im chilenischen Senat sind allerdings nicht bekannt.

 

Ein Schlag, von dem er sich nicht erholte.

Eine zusätzliche schwere Belastung traf den unermüdlichen Arbeiter wenige Jahre nach der Fertigstellung des Hauses in Viña del Mar der Freitod der Tochter Edith. Verheiratet und Mutter zweier Kinder verfiel Edith in eine unglückliche Liebensbeziehung zu einem Mann der «unteren Sozialklasse», wie man sagte, was natürlich einen Skandal ersten Ranges hervorgerufen hätte, wäre die Liaison ruchbar geworden, so glaubte die 21-Jährige diese nur durch Selbstmord beenden zu können. Am 12. September 1921 erschoss sie sich im Haus in Viña del Mar.

Der Leichnam wurde nach Tomé überführt und dort begraben. Ihr Vater stiftete zu ihrem Gedenken im Jahr darauf die Kirche Cristo Rey in Tomé. Noch vor wenigen Jahren glaubten ängstliche Gemüter den Geist der Verstorbenen des Nachts vor dem Friedhof – wo sie in der Familiengruft ruht – gesehen zu haben.

Im Verlauf der Jahre nahmen die gesundheitlichen Beschwernisse zu. Sie veranlassten Carlos Werner Ende des Jahres 1925 zu einer Deutschlandreise auf der Suche nach geeigneter ärztlichen Betreuung. Er verstarb in Hamburg am 26. Januar des Jahres 1926.

In Tomé erbaute Carlos Werner für sich und seine Familie ein Haus. Heute dient es der Stadtverwaltung von Tomé und wird als Büro benutzt.
In Tomé erbaute Carlos Werner für sich und seine Familie ein Haus. Heute dient es der Stadtverwaltung von Tomé und wird als Büro benutzt.

Ein gut eingearbeitetes Personal, zumeist deutscher Herkunft, erlaubte es, Paños Bellavista de Tomé noch bis 1962 weiterzuführen, dann wurde es von dem Unternehmen Yarur übernommen. Ab sofort stand nicht mehr Qualität als oberstes Ziel auf der Fertigung, sondern Massenherstellung zu Billigpreisen. Sozialprogramme wurden aufgegeben und – was man zuvor in Tomé gar nicht kannte – erste Streiks brachen aus. Die gute alte Zeit, als ein Herr Carlos Werner durch die weiträumigen Anlagen des Werkes ging, mit den Arbeitern sprach, sich für ihre Bedürfnisse interessierte, war vorbei. Jetzt regierte ein Direktorium im fernen Santiago. Mit der Qualität ging es so schnell bergab wie mit dem Sozialgefüge, Verfall trat ein.

Das Ende von Paños Bellavista de Tomé ist bekannt. Erst 2011 gelang ein bescheidener Wiederanfang. Aber wo einst 600 zufriedene Weber die Stühle bedienten, halten heute nur 60 einsame Arbeiter einen kleinen Betrieb aufrecht.

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