«Richter – der Unbeugsame»

Von Walter Krumbach

Swjatoslaw Richter (1915-1997) setzte sich zum ersten Mal mit acht Jahren ans Klavier. Er versuchte sich mit dem ersten Nocturne von Frédéric Chopin. Als er 15 war, arbeitete er bereits als Korrepetitor am Opernhaus von Odessa und mit 22 sprach er am Moskauer Konservatorium vor, um beim berühmten Klavierlehrer Heinrich Neuhaus als Schüler aufgenommen zu werden. Neuhaus wurde neugierig auf den jungen Mann, der sich ohne jegliche formelle Musikausbildung an ihn herangewagt hatte. Richter spielte ihm vor, Neuhaus war entzückt, meinte spontan: «Ein genialer Musiker!» und nahm ihn in seiner Meisterklasse auf.

Der Dokumentarfilmer Bruno Monsaingeon, ein Spezialist beim Porträtieren großer Interpreten, hat Künstler vom Range Yehudi Menuhins, Glenn Goulds und Dietrich Fischer-Dieskaus (siehe Blu-Ray-Report vom 7. März 2017) interviewt. Die Berichte zeichnen sich durch Sorgfalt und tiefgründige Kenntnis des Themas aus. Ende der 1990er Jahre entstand der Swjatoslaw-Richter-Film, als er mit dem russischen Pianisten ein langes Gespräch führte und mit der Kamera festhielt. Monsaingeon greift großzügig auf Archivmaterial zurück. Historische Filmaufnahmen und Fotografien illustrieren die Schauplätze, an denen sich Richters Leben abspielte, sowie sein unmittelbares familiäres und berufliches Umfeld.

Richter erzählt aus seinem Leben, beginnend mit der bereits erwähnten ersten Erfahrung als Kind mit dem Chopin-Stück. Vor dem Zweiten Weltkrieg kommt eine ertragreiche Zusammenarbeit mit Sergei Prokofjew zustande, der in dem hochbegabten Pianisten die Idealbesetzung für seine Klavierliteratur wittert. Ebenso geht der Künstler unangenehmen Themen nicht aus dem Weg, wie etwa dem tragischen Tod seines Vaters und der darauffolgenden unseligen Eheschließung seiner Mutter mit einem von ihm verhassten Mann. 

Auf dem Konservatorium schwänzt er systematisch die politische Indoktrination, weshalb er zwei Male hinausgeworfen wird. Neuhaus springt ein und bringt es in der Tat fertig, dass er begnadigt und wieder aufgenommen wird. Eigentlich hat Richter nichts gegen Politik, sie langweilt ihn lediglich. So ist es zu erklären, dass er zur Trauerfeier Stalins mit einem Bach-Werk aufspielt. Auftritte im Ausland interessieren ihn nicht. Sein Ansehen wächst jedoch derartig, dass 1960 kein geringerer als Nikita Chruschtschow ihm seine erste Tournee nach Nordamerika genehmigt. Die Konzerte in der Carnegie Hall werden zum überwältigenden Erfolg. Darauf angeredet, antwortet der Pianist, fast beschämt abwinkend, er habe in New York «jede Menge falsche Noten» gespielt.

Marketing-Rummel ist ihm zuwider. Richter tritt am liebsten im abgedunkelten Saal auf, wobei das Publikum ihn kaum erkennen kann. Im Gegensatz zu der überwiegenden Mehrheit seiner Kollegen, die von Steinway- und Bechstein-Flügeln schwärmen, bevorzugt er Yamaha-Instrumente und würdigt deren «einzigartiges pianissimo».

Er ist jedoch nicht nur wegen seiner eigenwilligen Aussagen, sondern besonders aufgrund seiner künstlerischen Leistungen eine Ausnahmeerscheinung. So lobte ihn Dietrich Fischer-Dieskau in seinem Monsaingeon-Interview ohne Vorbehalte: «Bei Richter habe ich unendlich viel gelernt, nämlich von den Klangplateaus, wie sie, glaube ich, kaum ein anderer Pianist je gehabt hat: Das äußerste pianissimo, das reine piano, das reine mezzoforte, das reine forte, das reine Doppelforte. Da ihm zu folgen, war ohnehin für mich, was die Stücke angeht, eine Ernte an Erkenntnissen. Es war wie ein archaisches Klavierspiel, etwas, was die Urgestalt erst einmal hinstellt. (…) Ganz abgesehen von dieser unglaublichen Zuverlässigkeit. Ich habe sonst nie einen Wolf-Goethe-Abend erlebt ohne eine falsche Note zu vernehmen.»

Das Interview ist auf Russisch, Untertitel können in vier Sprachen abgerufen werden (kein Spanisch!) und die deutsche Fassung ist synchronisiert. Richters Rolle übernimmt sein Bewunderer Dietrich Fischer-Dieskau, kenntnisreich und ausdrucksintensiv. Die Bild- und Tonqualität ist je nach Alter der zahlreichen Archivaufnahmen recht unterschiedlich.

Alles in allem: Ein eindringliches, hochinformatives Porträt eines der ganz großen Pianisten des 20. Jahrhunderts, der in seiner Spontaneität und Bescheidenheit beispielhaft-erfrischend wirkt.    

«Richter – der Unbeugsame», Deutschland, Frankreich, 2015 (1998). Regie, Produktion, Drehbuch: Bruno Monsaingeon. Spieldauer: 154 Min.

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