Philippe Jaroussky – die Traumstimme

Von Walter Krumbach

Die Platte enthält 33 Ausschnitte aus Konzerten des Kontratenors Philippe Jaroussky, die er auf verschiedenen Bühnen Europas zwischen 2006 und 2012 gegeben hat. Das Porträt überspannt treffend Jarousskys Repertoire, von den frühen Barockmeistern wie Claudio Monteverdi, Luigi Rossi und Barbara Strozzi, über Georg Friedrich Händel bis zu Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Dmitri Schostakowitsch und Astor Piazzola.

Philippe Jaroussky, Jahrgang 1978, ist von Natur mit einer phänomenalen Mezzosopranstimme ausgestattet worden, die für das Kastratenrepertoire wie gerufen kommt. Sein Gesang löst eine unerklärliche Faszination aus. Ist es sein engelhaftes Timbre? Oder die perfekte Phrasierung, bei der ihm vom ruhevollen legato bis zum wilden staccato jeder Takt ebenso überzeugend gelingt?

Der androgyne Klang aus einem männlichen Organ mag auf den Musikliebhaber eine sonderbare Wirkung haben, aber paradoxerweise liegt darin bestimmt das Anziehende an Jarousskys Vortrag. Die Stimme ist kein Trick, keine künstliche Attrappe, sondern strahlt unverfälscht Schönheit in den Raum aus. Sie ist kein Falsett-Konstrukt, wie bei vielen seiner Kontratenorkollegen, sondern fließt natürlich und stützt sich dabei auf die Kopfresonatoren. Sie «trägt» und ist voller Ausdruck.

Und die Darbietung! Jaroussky reißt die Instrumentalisten mit seiner Gestaltung mit, der Funke springt über, es entstehen zauberhafte Augenblicke. Bei «Pur ti miro» (Monteverdi) verschmelzt seine Stimme mit der Nuria Rials auf unerhörte Weise – ein Duett, traumhaft vollendet dargeboten.

Natürlich kommt der Sinn für Humor des Sängers nicht zu kurz. Gern albert er mit seinen Sängerkollegen, was wahre Lachsalven der Zuhörer zur Folge hat. Beim Duett «Sound the trumpet» von Henry Purcell unternimmt die Musik eine Zeitreise in die Gegenwart, Philippe Jaroussky, Pascal Bertin und der Chor tanzen ungezwungen leger, als handele es sich um eine Party der 1960er Jahre, und die Zuschauer halten sich den Bauch.

Darüber hinaus produziert sich der Solist beim Vorspiel für zwei Violinen von Dmitri Schostakowitsch als kompetenter Geiger. Überhaupt beschränkt er sich nicht auf das herkömmliche Kastratenrepertoire. Etliches aus dem 19. und dem 20 Jahrhundert (Reynaldo Hahn, Jules Massenet, Guillaume Lekeu) trägt er stilgerecht vor. Eine besondere Anerkennung verdient seine Ausführung des Lieds «Los pájaros perdidos» von Astor Piazzola, das er bewegend und in akzentfreiem Spanisch zu Gehör bringt.

Die Bildqualität ist je nach Austragungsort unterschiedlich. Sie reicht von unzureichend bis sehr gut. Auffallend schlecht ist die Auflösung bei «Nel profondo cieco mondo» (Antonio Vivaldi). Offenbar ist die Nummer einer herkömmlichen DVD entnommen worden. Der Ton ist dagegen immer gut.

Als Bonus ist eine halbstündige Dokumentation beigefügt, die Interviews mit Jaroussky, Jean-Christophe Spinosi, Emmanuelle Haïm, Christina Pluhar, Gautier Capuçon und anderen Größen aneinanderreiht. Sie sind größtenteils informativ und kurzweilig.

Philippe Jaroussky – La Voix des Rêves, Frankreich, 2012. Verschiedene Regisseure und Produzenten. Mit: Philippe Jaroussky, Anne-Sofie von Otter, Nuria Rial, Marie-Nicole Lemieux u.a. Spieldauer: 163 Min.

Bild                 ***
Ton                 ****
Darbietung   *****
Extras            ***

 

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