«Melancholia» von Lars von Trier

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Von Walter Krumbach

Nach der ersten Durchsicht ist man von diesem Endzeit-Film enttäuscht. Die befürchtete Naturkatastrophe tritt genauso ein, wie sie vorausgesagt worden war. Kein Kurswechsel, keine Überraschung, kein Knalleffekt zum Schluss, die sie abgewendet hätten. Es ist wie in der griechischen Tragödie: du kannst dich drehen und wenden wie du willst, aber deinem Schicksal entkommst du nicht. Von dem begabten Lars von Trier hätte man eigentlich erwarten können, dass er das Drama einfallsreicher zu Ende geführt hätte.
Beim abermaligen Anschauen überdenkt man diesen ersten Eindruck. Die Konflikte der handelnden Personen treten in den Vordergrund und der Zuschauer lässt sich von Einzelheiten mitreißen, denen er vorher keine Wichtigkeit beigemessen oder die er übersehen hat. Von Trier inszeniert seelenruhig, ohne die Ereignisse zu übereilen.
Der dänische Regisseur hat bekanntlich einen Kodex ausgearbeitet, demzufolge Filmemacher nur «Echtes» zeigen und sich keiner Attrappe bedienen dürfen. So verlangt er auch von seinen Schauspielern die absolute Wahrheit, was Emotionen anbetrifft. Manuel Alberto Claros Kameraführung mit ihren überwältigenden Einstellungen von Personen und Naturschauplätzen ist ihm dabei hilfreich, obwohl Claro wiederholt zur Handycam greift und Einstellungen vorsätzlich verwackelt beziehungsweise übermäßig flimmern lässt.
Ein Film für Genießer, die der Kinokunst mehr abverlangen als nur einen bewegten, gut erzählten Stoff. Bild und Ton sind dem anspruchsvollen Konzept der Regie durchaus gewachsen, die schauspielerischen Leistungen bestechen durch ihre Glaubwürdigkeit.
Unter den beigefügten Extras ist die Dokumentation «About Melancholia» empfehlenswert. Lars von Trier, seine Hauptdarsteller und eine Psychologin erklären die Beweggründe der handelnden Personen und beleuchten die Zusammenhänge zwischen dem Planeten Melancholia und der Depression Justines, der Hauptperson. «Visual Effects» berichtet wie Sterne, Planeten und Sonne mittels Trickkiste inszeniert und ihre Bewegung sowie ihre Farbtönungen erzeugt wurden. Interessant, aber nicht umwerfend.
«Melancholia» ist ein Streifen für Kino-Feinschmecker. Sie werden sich mit Sicherheit daran weiden. Science-Fiction- und Abenteuerfilmliebhaber dagegen können auf diese Kost ohne weiteres verzichten – eine rege Handlung werden sie hier vergebens suchen.

«Melancholia», Dänemark, Frankreich, Deutschland, Schweden, 2011. Regie: Lars von Trier. Produktion: Meta Louise Foldager, Louise Vesth. Drehbuch: Lars von Trier. Kamera: Manuel Alberto Claro. Mit: Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Alexander Skarsjård, Kiefer Sutherland, John Hurt. Spieldauer: 135 Min.

Bild ****
Ton ***
Darbietung ****

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