«Klassik und Kalter Krieg»

Blu-Ray-Report

Von Walter Krumbach

Der Film behandelt das DDR-Musikleben vom Zusammenbruch des Dritten Reiches bis zum Mauerfall. In diesem Zeitraum ist im Musikleben jener Zone Deutschlands derart viel passiert, dass eine knappe Stunde Spielzeit nicht ausreicht, um sie auch nur annähernd zu dokumentieren. So muss man mit ansehen, wie der hervorragend vorproduzierte Streifen der Schere des Regisseurs zum Opfer fällt. Er verstümmelt die Aussagen der Interviewpartner gnadenlos – prominente Zeitzeugen wie etwa Helmut Schmidt werden nach wenigen Sätzen einfach ausgeblendet.

Zum anderen liegt dem Bericht eine seriös durchgeführte Recherche zugrunde. Der Zuschauer wird Zeuge, wie nach dem Waffenstillstand im Mai 1945 die russischen Besatzer die Berliner Einwohner mit ihrer Liebe zur Musik überraschen. Sie setzen sich sofort dafür ein, das Musikleben nicht nur anzukurbeln, sondern nehmen daran auch aktiv teil. In einer bewegenden Szenenfolge trägt ein russischer Tenor vor hunderten von lauschenden Deutschen in einer Ruinenlandschaft das «Heidenröslein» vor.

Etliche historische Begebenheiten sind mit O-Ton festgehalten, wie zum Beispiel die Äußerung von Walter Ulbricht: «Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten», die sich wenige Tage später als eine der schamlosesten Lügen des 20. Jahrhunderts enttarnen sollte. Der Mauerbau verursacht alsbald ein künstlerisches Problem: In den Ost-Orchestern spielen zahlreiche Musiker, die im Westen leben. Als sie kurz darauf kündigen, hat die Obrigkeit ernste Schwierigkeiten, um ihre Stellen zu besetzen.

Die Zusammenarbeit des kommunistischen Staates mit West-Medien wie der Deutschen Grammophon Gesellschaft wird eingehend dargelegt. Über Jahrzehnte hinweg entstanden Koproduktionen, bei denen die DDR hochqualitative – aber im Vergleich zum Westen preiswertere – Klangkörper und Schallplattenfirmen aus der Bundesrepublik die bessere Technik beisteuerten. So glückte es, Einspielungen von Eliteensembles wie dem Dresdner Kreuzchor, den Leipziger Thomanern, sowie dem Gewandhausorchester und der Staatskapelle Dresden weltweit zu verbreiten.

Das politische Geschehen durchzieht den Film wie ein roter Faden. Höhepunkt ist der 7. Oktober 1989, der 40. Jahrestag der DDR. Michail Gorbatschow ist angereist, Erich Honecker gibt im Palast der Republik einen Empfang. Draußen tobt das Volk. Der Sänger Jochen Kowalski, Augenzeuge jener Demonstration, schildert eindringlich seine Angst, die Masse hätte jeden Moment das Gebäude stürmen können.

Extras gibt es auf der Platte keine. Im Beiheft findet sich jedoch ein informativer, von Barbara Wunderlich verfasster Essay über «Klassik, die politisch korrekte Musik», der das Kulturpolitikkonzept der DDR-Leitung untersucht.

Alles in allem ist die Blu-ray ein lückenhaftes und somit mangelhaftes Erzeugnis. Der Stoff hätte für eine zehnteilige Serie Material im Überfluss geliefert. Schade für die Mühe, die ausgesuchten Interviewpartner und die tadellose Vorproduktion.

 

«Klassik und Kalter Krieg – Musiker in der DDR», Deutschland, 2015. Regie: Thomas Zintl. Produktion: Jenny Thorandt, Rainer Baumert. Drehbuch: Thomas Zintl, Barbara Wunderlich. Kamera: Wolfgang Wunderlich, Matthias Meinl. Schnitt: Wolfgang Wunderlich. Spieldauer: 52 Min.

Bild                 ****
Ton                 **
Darbietung   **
Extras            **

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