Haydns «Jahreszeiten» unter Harnoncourt

blueray-4173Von Walter Krumbach

Im Dezember des vergangenen Jahres gab Nikolaus Harnoncourt anlässlich seines 86. Geburtstages seinen Bühnenrücktritt bekannt. Eine lange, höchst erfolgreiche Musikerlaufbahn ging damit zu Ende. Harnoncourt hatte in den 1950-er Jahren als Cellist bei den Wiener Symphonikern begonnen und gründete kurze Zeit später das Concentus musicus Wien, ein Ensemble, das der Alten Musik neues Leben einhauchte und weltberühmt wurde. In den 1970-er Jahren begann er, Mozart und Haydn zu dirigieren, danach stieß er in moderne Epochen vor, bis er schließlich bei Schönberg anlangte.
Die vorliegende Blu-ray-disc enthält einen im Juli 2013 entstandenen Konzertmitschnitt aus dem großen Festspielhaus in Salzburg. Sie dokumentiert somit die letzte Schaffensperiode des Maestros.
Harnoncourts oft beanstandete Manierismen sind bei dieser Produktion auch präsent. Der Chor dehnt unvermittelt Notenwerte oder variiert Tempi. Diese Wermutstropfen trüben jedoch nicht den Gesamteindruck der hervorragenden Aufführung. Die Platte ist Deutsch, Englisch und Französisch – leider nicht Spanisch! – untertitelt. Die deutsche Untertitelung ist mit dem Geschehen perfekt synchronisiert, weshalb es sich empfiehlt, sie zur besseren Textverständlichkeit zuzuschalten.
Harnoncourts Blick auf seine Musiker ist ebenso penetrant und beschwörend, seine Zeichengebung so präzise und agil wie in jungen Jahren. Der Wiener Staatsopernchor und die Wiener Philharmoniker musizieren wie erwartet auf Weltniveau und das Solistentrio erbringt während dem zweieinhalbstündigen Werk solide Leistungen. Die Sopranistin Dorothea Röschmann schießt dabei den Vogel ab. Mit traumwandlerischer Sicherheit gestaltet sie den Text, erklimmt schwindelerregende Höhen und vermittelt ein lebendiges Rollenporträt der Hanne.
Als Bonus ist dem Oratorium die halbstündige Dokumentation «Nikolaus Harnoncourt in Rehearsal at the Salzburg Festival» beigefügt. Einem Interview, in dem der Dirigent sich zur Entstehungsgeschichte der «Jahreszeiten» und seinem Interpretationskonzept äußert, werden Ausschnitte aus den Salzburger Proben eingeblendet. Man folgt gespannt der Vorbereitungsarbeit: «Können Sie das ungefähr zehnmal so laut spielen?», fragt Harnoncourt die vier Hornisten bei der Hasenjagdszene. Nach drei Sekunden Sprachlosigkeit schmettert das Quartett los, dass man fast von Sessel fällt. Bei der Chorprobe faltet er plötzlich die Hände und fleht die Sänger an: «Bitte singen Sie nicht tenuto auf ‚Juchhe‘, das macht doch wirklich kein Mensch!» Überhaupt verlangt er von den Musikern, Risiken einzugehen, lobt sie, wenn sie dabei ein gutes Ergebnis erzielen. Schließlich schlussfolgert er: «Sicherheit und Schönheit sind nicht kompatibel.»
Nikolaus Harnoncourt und seine Musiker haben das große Werk mit viel Liebe und Ernsthaftigkeit einstudiert. Dementsprechend ist die Aufführung von höchstem Niveau. Eine unbedingt empfehlenswerte Blu-Ray-Disc.

Joseph Haydn: «Die Jahreszeiten», Österreich, 2013. Regie: Michael Beyer. Mit: Nikolaus Harnoncourt (Dirigent) und Dorothea Röschmann, Michael Schade und Florian Boesch (Solisten). Spieldauer: 150 Min.

Bild *****
Ton ****
Darbietung *****
Extras *****

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