«Gravity» von Alfonso Cuarón

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Von Walter Krumbach

An Bord des Space Shuttle «Explorer» werden die Astronauten Ryan Stone und Matt Kowalski von Houston benachrichtigt, dass ein ausgedienter Satellit von den Russen in seiner Umlaufbahn zerstört wurde und eine Kettenreaktion auslöste. Die Überreste kollidieren mit anderen Satelliten, sodass sich das Trümmerfeld erheblich vergrößert. Stone und Kowalski treffen nun eilig alle möglichen Vorkehrungen, um einen Zusammenstoß so gut wie möglich überstehen zu können.
Was wie ein Science-Fiction-Film beginnt, entpuppt sich bald als ein Thriller, in dem der Mensch in einer für ihn fremden Umgebung in eine Notlage gerät, die es noch nie gegeben hat – ein Präzedenzfall also. Seine einzige Möglichkeit ist, sich auf einen Kampf gegen ungewohnte Kräfte vorzubereiten. Die Warnung erweist sich als berechtigt, das Unheil bricht über die beiden einsamen Astronauten viel schlimmer als befürchtet herein. Nun heißt es, sich zu retten, indem man zur Erde hinabfliegt. Aber wie, wo doch der Space Shuttle schwere Schäden abbekommen hat und nicht mehr einsatzfähig ist.
Der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón (1961) bedient sich eines straffen Erzählrhythmus, der bis zum Schluss nicht nachlässt. Die Bilder, die er mit seinem Kameramann Emmanuel Lubezki einfängt, sind von einzigartiger Schönheit. Das unermessliche All, die Sternenkonstellationen und die Erde stellt er überwältigend dar, ohne dass ihm jedoch der nötige Realismus abhanden kommt, der seine Fabel glaubhaft macht.
Die Spezialeffekte, derer er sich bedient, sind für das Publikum unbemerkbar. Die geleistete Arbeit ist sauber, das Bild feinstkörnig, weshalb es sich optimal auf die Mattscheibe überträgt. Das Endergebnis ist erstaunlich: Man beschaut die Erde mit ihren unzähligen Wolkenbildungen, den riesigen Meeren, den altbekannten Kontinenten und dem unendlichen Himmelsgewölbe gestochen scharf und kommt aus dem Staunen nicht heraus.
Problematisch war für Produktion und Regie die Schwerelosigkeit, in der die Figuren agieren müssen und in der der größte Teil der Handlung abläuft. Es gibt drei Möglichkeiten, diese im Film zu erzeugen, erfährt man über eine beigefügte Dokumentation: Entweder man dreht während eines Parabelflugs, was bei einem anderthalbstündigen Film viel zu teuer wäre, oder man hängt die Schauspieler wie Marionetten an hauchdünne Stahlseile. Die dritte Möglichkeit ist, man greift zur Computertrickkiste. Cuarón und seine Leute entschieden sich für letztere Alternative. Der Bericht erklärt mit allen Einzelheiten wie auf diese Weise die Szenen zustande kamen. Die Platte hat insgesamt knapp drei Stunden Extras – für Filmliebhaber, die gerne hinter die Produktionskulissen schauen, ein Festessen der seltenen Art.
Man stellt dazu angenehm überrascht fest, dass die in der Filmproduktion angewendete Computertechnik in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht hat. Diese Bilder sind zum Beispiel mit den ungehobelten Tricks aus «Der Herr der Ringe» (siehe Cóndor vom 20. April 2012) nicht zu vergleichen.
Ein besonderes Lob verdient die Tonbearbeitung. Da Kamera und Akteure so gut wie ständig in Bewegung sind, war die Ortsbestimmung der Schallquellen eine Herausforderung. Tonmeister Skip Lievsay entschied sich für die schwierigste Alternative, nämlich sämtliche Geräusche auf 360 Grad, rund um den Zuschauer, zu positionieren. Der Effekt ist verblüffend – es tönt von überall auf einen ein, sodass man sich in der Mitte des Geschehens wähnt.
«Gravity» gehört zu jener Spezies Filme, die man gerne mehr als einmal anschaut. Schon allein die Bilderpracht mit all ihren Details ermöglicht beim erstmaligen Hinsehen schwerlich, alles aufzunehmen. Daher: es empfiehlt sich, ihn zu den geliebten Sammelobjekten auf das Regal zu stellen.

«Gravity», USA, 2013. Regie: Alfonso Cuarón. Produktion: David Heyman. Drehbuch: Alfonso Cuarón, Jonás Cuarón, George Clooney. Kamera: Emmanuel Lubezki. Musik: Steven Price. Mit Sandra Bullock, George Clooney. Spieldauer: 91 Min.

Bild *****
Ton *****
Darbietung ****
Extras *****

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