«Das Reichsorchester» von Enrique Sánchez Lansch

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Von Walter Krumbach

Bis 1933 war das Berliner Philharmonische Orchester eine unabhängige Organisation, die nur begrenzt vom Staat finanzielle Unterstützung erhielt. Die Inflation in den 1920er Jahren fügte dem Klangkörper großen Schaden zu, sodass er 1933 trotz seines herausragenden Niveaus und seinem hohen internationalen Ansehen dem Bankrott nahe war.
Joseph Goebbels witterte in dem Orchester ein vortreffliches Propagandainstrument. Er «rettete» es vor der Pleite, indem er es im Oktober 1933 unter die Obhut seines Propagandaministeriums stellen ließ. Damit wurden die Berliner Philharmoniker ungewollt zu einem politischen Werkzeug. Sánchez‘ Dokumentarfilm behandelt die Zeitspanne ab der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, die die Zugehörigkeit des Orchesters zur Hitlerregierung prägte, bis Mitte der 1950er Jahre.
Zwei zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch lebende Philharmoniker aus jener Epoche kommen zu Wort: der 1934 eingetretene Konzertmeister Hans Bastiaan und der Kontrabassist Erich Hartmann, der seit 1943 bei den Berlinern spielte. Ferner werden Kinder von anderen Mitgliedern der damaligen Zeit interviewt, die großzügig (und zum Teil widersprüchlich) Auskunft geben und ihre Erlebnisse im Elternhaus während der zwölf schicksalsschweren Jahre anschaulich beschreiben.
Ein Satz durchzieht den Film wie ein roter Faden: «Wir haben eigentlich nur unsere Arbeit getan. Wir haben mit Freude musiziert, wir haben einen wunderbaren Dirigenten gehabt und haben an keine Politik gedacht.» Über Wilhelm Furtwängler wird viel berichtet, man hätte sich allerdings mehr Einblendungen von seiner vorzüglichen Arbeit gewünscht. Die kurz eingefügten historischen Aufnahmen sind dafür umso wirkungsvoller, wie etwa die der ergreifenden Olympia-Hymne von Richard Strauss, 1936 im Berliner Stadion uraufgeführt.
Als Extra ist einzig der 10-Minuten-Beitrag «Furtwängler dirigiert» mit Richard Wagners «Meistersinger»-Ouvertüre beigefügt. Es handelt sich eine unzensierte Fassung eines Films, der in der typischen NSDAP-Ästhetik ein Kraft-durch-Freude-Werkpausenkonzert in dem Berliner AEG-Betrieb dokumentiert. Eine historisch wie musikalisch hochinformative Beilage, obwohl es zu beklagen ist, dass bei der Riesenmenge an wertvollem Archivmaterial, das von Furtwängler und seinen Philharmonikern in den deutschen Filmdepots schlummert, die Produzenten derartig geknausert haben.

«Das Reichsorchester», Deutschland, 2012. Regie: Enrique Sánchez Lansch. Produktion: Ulli Pfau. Spieldauer: 90 Min.

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