Brahms‘ «Deutsches Requiem» unter Christian Thielemann

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Von Walter Krumbach

Der Konzertmitschnitt aus der Münchner Philharmonie beginnt unvermittelt, ohne den üblichen Bühnenauftritt des Dirigenten und der Solisten. Die Musik setzt sofort ein. Der Chor hat noch nicht «Selig sind, die da Leid tragen» angestimmt, da führt die Bildregie schon unmotiviert Überblendungen aus. Dieses optische dramaturgische Ausdrucksmittel signalisiert normalerweise einen Übergang des Geschehens. Hier dagegen verwendet es die Regisseurin Anges Méth wiederholt grundlos, womit sie vom musikalischen Verlauf ablenkt.
Zudem sind über lange Strecken Chor und Orchester in ein befremdliches bläuliches Licht getaucht, sodass man sich fragt, was das eigentlich soll. Unter Fernsehfachleuten schien in den 1970er Jahren die Diskussion über gewisse Freiheiten am Schneidetisch erschöpft gewesen zu sein. Damals hieß es nämlich, das Bild habe der Handlung zu dienen und nicht umgekehrt.
Und nun, 40 Jahre später, experimentiert in München eine Dame mit Licht- beziehungsweise Bildschnitteffekten, und sie tut dies ausgerechnet mit einer der größten musikalischen Schöpfungen des 19. Jahrhunderts, einem würdevollen Schwergewichtler, der unbedingt verlangt, nüchtern in Szene gesetzt zu werden.
Die Solisten sind Weltklasse. Christian Gerhahers eindringlicher, dramatisch akzentuierter Vortrag geht zu Herzen, ebenso Christine Schäfer, bei dieser Gelegenheit mit blonder Löwenmähne, die sich stimmlich mühelos in höchste Höhen hinaufschraubt und dabei eine überwältigende Ausdrucksstärke an den Tag legt.
Der Chor des Bayerischen Rundfunks (Einstudierung: Peter Dijkstra) und die Münchner Philharmoniker unter der Leitung von Christian Thielemann musizieren das von lutherischer Strenge geprägte Werk sensibel-emotionsgeladen. Man folgt ihnen auf der Stuhlkante.
Extras gibt es auf der Platte zum Thema Deutsches Requiem keine. Das Beiheft bringt allerdings einen lesenswerten Aufsatz von Harald Reiter mit der Überschrift «Ein menschliches Requiem», in dem der Autor die freie Textauswahl, die der Protestant Brahms aus der Lutherbibel traf, mit dem katholischen Requiem-Text vergleicht. Zu Anfang zitiert er Clara Schumann, die 1867 an Brahms schrieb: «Ich bin ganz und gar erfüllt von Deinem Requiem, es ergreift den Menschen wie wenig anderes.»
Ähnliches geschieht dem Hörer der vorliegenden Blu-ray, vorausgesetzt, er schließt an bestimmten Stellen die Augen. Eine Aufführung, die Referenzcharakter hat, keine Frage.

«Ein deutsches Requiem», von Johannes Brahms, Deutschland 2007, Veröffentlichung 2015. Musikalische Leitung: Christian Thielemann. Regie: Agnes Méth. Mit Christine Schäfer, Christian Gerhaher. Spieldauer: 83 Min.

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Ton ****
Darbietung *****
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