Blu-Ray-Report: Wagners «Lohengrin» in Dresden

 

Von Walter Krumbach

Im Mai 2016 hatte Richard Wagners «Lohengrin» an der Dresdner Semperoper eine Premiere, die aus dem herkömmlichen Rahmen fiel. Zwei weltberühmte Sänger debütierten in den Hauptrollen: Anna Netrebko als Elsa und Piotr Beczała als Lohengrin. Am Pult stand Christian Thielemann, einer der gefragtesten Wagner-Experten der Gegenwart. Der Mitschnitt liegt nun als Blu-ray (und auch im 4K-Format!) vor.

Nach dem innig-wundersam vorgetragenen Vorspiel stellt man beim Öffnen des Vorhangs angenehm überrascht fest, dass Szene und Kostüme die Absichten des Komponisten respektieren – eine Seltenheit im heutigen Deutschland! Die Solisten tragen prächtige Renaissanceroben, die Uniformen des Heeres gemahnen eher an das späte 19. Jahrhundert. Ein Blick ins Beiheft klärt einen dann auf: Es handelt sich um eine Inszenierung von Christine Mielitz aus dem Jahr 1983. Aha!

Chor und Orchester sind von der Tontechnik trefflich eingefangen, nicht so die Solisten, deren Stimmen über lange Strecken wie aus dem Keller kommen. Der ferne Klang hat keine Beziehung zu den Großaufnahmen, in denen die Darsteller erscheinen, es fehlt ihnen an Präsenz.

Piotr Beczała beeindruckt mit seiner Prachtstimme vollends. Nach einem etwas blassen Abschied vom Schwan legt er beim Ruf «Heil, König Heinrich!» mit ungeahnter Strahlkraft los, die er die drei langen Aufzüge eisern durchhält. Von Ermüdungserscheinungen nicht die geringste Spur. Der polnische Tenor versteht es nicht nur, seine herrlich strömende Stimme sachgemäß einzusetzen, sondern ist auch als Darsteller absolut überzeugend. Eine Bühnenpersönlichkeit ersten Ranges, keine Frage. Seine Besetzung ist ein wahrer Treffer.

Anna Netrebko greift auf ihre handwerkliche Erfahrung zurück, um sich im Wagner-Fach einzusingen, was ihr im ersten Akt, abgesehen von einigen leuchtenden Augenblicken, nicht so recht gelingen will. Im zweiten Aufzug blüht die russisch-österreichische Sopranistin dann prächtig auf. Tomasz Konieczny ist ein zerrissener Telramund, dessen Willenskraft an den Machenschaften Ortruds zunichte geht. Evelyn Herlitzius als Ortrud ist die Bosheit schlechthin. Selten ist in diesem Zusammenhang Lohengrins Ausruf «Du fürchterliches Weib!» überzeugender herübergekommen. Georg Zeppenfeld stellt den König Heinrich ungemein ausdrucksstark dar, nicht nur stimmlich, sondern auch in Erscheinung und Mimik.       

Extras sucht man auf der Platte vergebens. In Anbetracht der außerordentlichen Qualität dieser Produktion empfiehlt es sich daher Liebhabern, auf YouTube zwei informative Interviews des Musikjournalisten Axel Brüggemann in Augenschein zu nehmen. Im ersten befragt er Christian Thielemann zu Werk und Produktion und im zweiten unterhält er sich mit Anna Netrebko und Piotr Beczała über ihre Rollendebüts.   

 

«Lohengrin», Oper von Richard Wagner, Deutschland, 2016. Bildregie: Tiziano Mancini. Inszenierung: Christine Mielitz. Musikalische Leitung: Christian Thielemann. Mit: Piotr Beczała, Anna Netrebko, Evelyn Herlitzius, Georg Zeppenfeld, Tomasz Konieczny. Spieldauer: 215 Min.

Bild                 *****                                                                                    
Ton                 ***
Darbietung   *****
Extras            *

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